Laut OPEC könnte der Ölpreis um 70 US-Dollar billiger sein
Miriam Kraus in Investors Daily zum Thema Rohöl als Geldanlage
vom 10. Juni 2008, 18:00 Uhr
ENL5454
Liebe Leser,
zum Verzweifeln ist es bisweilen. Finden Sie nicht auch? Da gab der Ölpreis, dank Ben Bernankes wunderbarer Vorarbeit zur Unterstützung des US-Dollars so wunderbar weiter ab - fast 10 % bis es zur erneuten Trendwende kam. Oder sollte man besser sagen, bis Jean-Claude Trichet wieder einmal die Showbühne betrat?! Oder noch besser ausgedrückt, auf die Showbühne polterte wie ein Elefant im Porzellanladen. Nein, ich meine es wahrlich nicht böse - immerhin hat Trichet nie etwas anderes von sich behauptet als heroisch den Kampf gegen die Inflation führen zu wollen. Dennoch muss ich mich ernsthaft fragen, ob Ben und Jean-Claude jemals miteinander kommunizieren?! Na ja, jedenfalls finde ich man sollte künftig bei der Auswahl der Notenbankchefs auch darauf achten ob diese wenigstens ein kleines Gespür für Markttiming aufweisen. Aber noch einmal na ja: obliegt ja schließlich nicht mir und was geschehen ist, lässt sich nicht ungeschehen machen - also was hilft es über verschüttete Milch zu klagen!
Aber was ist eigentlich geschehen?! Nun Trichet beendete letzten Donnerstag heroisch die weitere Aufwertung der US-Währung und schickte damit wieder einmal den eh schon zu teuren Euro weiter nach oben. Folge: Die Rohstoffpreise steigen und im Falle von Rohöl mal wieder ins Unermessliche. 139,12 US-Dollar pro Barrel erreichte WTI in New York am Freitag und damit mal wieder ein neues Rekordhoch. Ein enormer Preissprung! 11,33 USD an einem Tag und damit der höchste Preisanstieg in USD.
Explosiv, spekulativ und ungerechtfertigt wie neben dem saudischen Ölminister Ali Al-Naimi nun immer mehr Politiker und Marktteilnehmer glauben. So zum Beispiel auch die G-8 plus Russland, China, Indien und Südkorea. Die Vertreter dieser Länder haben sich am Wochenende getroffen um sich zu beraten - ja über was eigentlich?! Zwar sind sie sich im Konsens alle einig darüber den hohen Ölpreis als besorgniserregend zu betrachten, sie fänden es auch toll wenn die Förderländer mehr in die Ausweitung der Produktion investieren würden und überdies würden sie es wohl begrüßen wenn die OPEC ihre Förderquoten anheben würde - doch da stoßen sie eben auf taube Ohren. Die OPEC will davon nichts wissen, sieht keinen Grund darin die Produktion auszuweiten aus Angst der überspekulierte Ölpreis könnte dann dramatisch einkrachen. (der OPEC sitzen noch immer die Geschehnisse während der Asienkrise im Nacken → Produktionsausweitung; Preisverfall ). Und damit wären wir auch schon beim Problem: trotz aller Beratungen haben die G-8 plus 4 sich nicht wirklich darauf einigen können, wo denn nun die tatsächliche Ursache für den Ölhype zu suchen ist oder wer denn die Schuld am Ganzen trägt.
Faktoren der Schuld
Während die einen noch von einer steigenden Nachfrage sprechen und den Finger der Schuld in Richtung Asien strecken, weisen die asiatischen Staaten den Schuldvorwurf der sich fast anhört als seien sie mittlerweile zu einer ölsaufenden Krake geworden natürlich entschieden zurück. Unterstützung erhalten sie dabei von der OPEC, die der Meinung ist eine Produktionsausweitung sei keinesfalls vonnöten, da das Angebot völlig ausreichend ist.
Nun gut, einigen können sich wohl alle darauf, dass es diesen gewissen spekulativen Faktor gibt. Dann gibt es noch diese ewig schwelenden geopolitischen Brandherde.
OPEC-Präsident: Ölpreise könnten um 70 USD billiger sein
Aber ganz bedeutsam sind eben gerade die Wechselkursveränderungen. OPEC-Präsident Chakib Khelil geht sogar davon aus, dass alleine die Abwertung des US-Dollar 40 USD am gegenwärtigen horrend hohen Ölpreis ausmacht.
Wenn es diesen Faktor, zusammengenommen mit so geopolitischen Brandherden wie dem Iran nicht gäbe, so glaubt Khelil, müsste der Ölpreis um mindestens 70 USD billiger sein.
Trägt eine Gesetzeslücke die Schuld am hohen Ölpreis?
CFTC ermitteltNeben der US-Dollar-Abwertung die ja bekanntlich einen massiven Einfluss auf den Anstieg der Ölpreise hat und von niemandem weggeleugnet werden kann, gibt es also diesen dubiosen spekulativen Faktor der inzwischen in aller Munde ist, den aber niemand immer so ganz nachvollziehen kann. Wie jetzt zum Beispiel: denn trotz des horrenden Preissprungs in der letzten Woche zeigen die CFTC-Daten eher ein Abnehmen der Netto-Long-Postionen der Spekulanten.
Was hat das zu bedeuten? Nun möglicherweise liegt es daran, dass die Terminmarktaufsichtsbehörde CFTC nun damit begonnen hat im Ölmarkt zu ermitteln. Dies kann schon Einige dazu gebracht haben ihre Positionen glatt zu stellen und einfach mal aus dem Ölmarkt zu verschwinden.
Tatsächlich ermittelt die CFTC nun wegen Insider-Handels. Das ist aber im Rohstoffmarkt gar nicht so einfach, denn anders als beim Aktienhandel gar nicht strafbar. Denn im Rohstoffmarkt darf man ruhig sein Insiderwissen nutzen, allerdings darf man keine unwahren Gerüchte streuen um andere Marktteilnehmer irre zu führen. Und nun beweisen Sie das mal...
Das ist so ähnlich wie wenn man zu Goldman Sachs oder Morgan Stanley gehen würde - deren Analysten ja in der jüngsten Vergangenheit mehr als einmal den Ölpreis auf 150 - 200 USD rauf gepredigt haben, wobei jeweils nach Veröffentlichung des Berichts ein starker Preisanstieg zu beobachten war - und ihnen vorwerfen würde den Ölpreis zu manipulieren, da sie selbst ja investiert sind.
Nun was ich damit sagen will, ist ganz einfach nur, dass es die CFTC nicht ganz so leicht haben wird bei ihren Bemühungen. Doch richtig schwer wird es aufgrund einer ganz anderen Geschichte: aufgrund einer Gesetzeslücke nämlich.
Eine Gesetzeslücke die bis auf Enron zurückgeht
Sie erinnern sich bestimmt noch an Enron, den Energiekonzern der 2001 zusammenbrach. Vor dem Zusammenbruch gelang es dem Konzern aber noch eine Gesetzeslücke zu schaffen, die jetzt dazu führt, dass überhaupt nur ein Bruchteil des Ölhandels von den Behörden überhaupt überwacht werden kann.Ja, denn der Handel mit Kontrakten die nicht an einer Börse gelistet sind wird schlicht und ergreifend gar nicht von der CFTC überwacht.
Michael Greenberger, Professor an der University of Maryland geht davon aus, dass sich aber hier der Großteil der Spekulanten tummelt. Er schätzt, dass auf diese Weise über 70 % des Handelsvolumens auf dem gesamten Ölmarkt von Spekulanten generiert wird.
Die imaginäre Nachfrage
Tja, liebe Leser, ob das die Antwort auf alle Fragen ist, vermag ich Ihnen auch nicht zu sagen. Aber eines kann ich Ihnen mit Gewissheit sagen: wie ich schon einmal auf eine Leseranfrage Ende Dezember im Daily antwortete, wird meiner Meinung nach der Ölmarkt zunehmend nicht mehr nur durch Angebot und Nachfrage bestimmt, sondern durch eine wie ich es damals ausdrückte "imaginäre Nachfrage".
Was ich damit sagen will? Investitionen in Rohstoff-Indizes erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Seit 2003 ist das Volumen von 13 auf 260 Milliarden US-Dollar gestiegen.
Und hier kommen nun wieder die Besonderheiten der Terminmarktstrukturen ins Spiel. Denn grundsätzlich kauft man am Terminmarkt um sich eine Ware später anliefern zu lassen. Wer aber in Rohstoffe nur investieren will, der will nicht 100 Fässer Öl geliefert bekommen. So entsteht eben eine imaginäre Nachfrage, denn es kommt ganz einfach nie zur Erfüllung der Kontrakte. Stattdessen wird die Position nur immer weiter in den nächsten Kontraktmonat gerollt.
Laut Michael Masters einem Wall-Street-Mann der vor Kurzem vor dem US-Kongress aussagte, sind in den vergangenen 5 Jahren die Rohölkontraktkäufe durch Rohstoff-Indizes um 848 Millionen Barrel gestiegen. Das ist fast so viel wie der reale physische Nachfrageanstieg durch China im gleichen Zeitraum - der beträgt nämlich 920 Millionen Barrel.
So long liebe Leser....also bleibt einem nur noch im Namen der Weltwirtschaft darauf zu hoffen, dass doch in Bälde der horrend hohe Ölpreis wieder fallen möge...hoffen wohl gemerkt; gehen Sie um Himmels Willen jetzt noch nicht short (natürlich auch nicht long, sage ich als Ölbär)...denn wie die letzten Wochen und Monate gelehrt haben ist eines gewiss: der Ölpreis macht vorläufig noch, was er will....
Ihre Miriam Kraus
Miriam Kraus ist sowohl Rohstoff-, als auch Asien-Expertin. Sie verfasst gemeinsam mit Andreas Lambrou den Börsendienst Tiger & Dragon. Mehr Infos erhalten Sie unter Tiger & Dragon.