Langfristiges Investieren: Populäre wirtschaftliche Irrtümer
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 4. Juni 2010, 16:00 Uhr
ENL5462
im letzten Teil der Serie "Langfristiges Investieren" schloss ich damit, dass ich ankündigte, heute mit Ihnen ein paar wirtschaftliche "Selbstverständlichkeiten" etwas näher zu betrachten, um daran den ein oder anderen Irrweg einiger Vertreter der "modernen Ökonomie" aufzuzeigen und ein paar grundsätzliche Prinzipien zu erläutern.
Weiterhin schrieb ich:
Das mag trivial bzw. eigentlich selbstverständlich klingen, doch werden in vielen Prognosen seitens der heutigen Mainstream-Ökonomen nur zu gerne die folgenden zwei Trugschlüsse geführt:
- Es wird nicht die gesamte Situation betrachtet, sondern nur die Folgen einer wirtschaftlichen Handlung auf eine Teilgruppe
Wenn man also manch einem heutigen Experten aus dem "Mainstream" einen Spiegel vorhalten möchte, so gilt es, die Punkte, die nicht erwähnt werden, zu ergänzen und so aufzuzeigen, dass die jeweils geäußerte "Expertenmeinung" entsprechend unsinnig bzw. lückenhaft ist.
Über dieses Thema könnte man eigentlich ein ganzes Buch schreiben, doch ich möchte mich heute auf zwei bekannte Beispiele beschränken:
- Die Abwrackprämie, die wir in Deutschland hatten
- Staatliche Aufträge zum Ankurbeln der Wirtschaft (sog. "deficit spending")
Die Abwrackprämie: Ein mehrfacher Unsinn aus wirtschaftlicher Sicht
Sie erinnern sich wahrscheinlich noch genauso gut wie ich, wie die Abwrackprämie als wunderbares Mittel zur Ankurbelung der Automobilindustrie gepriesen wurde. Den meisten Leuten war natürlich damals schon klar, dass nach der Prämie die entsprechenden Aufträge in der Automobilindustrie leiden würden. Doch der Unsinn geht noch deutlich weiter:
Bei der Abwrackprämie hatten wir zwei Kernfehler, die man beobachten konnte:
- Der Gedanke, dass wenn ich etwas kaputt mache, ich neue Nachfrage erzeuge und damit die Wirtschaft ankurbele
- Gesamtwirtschaftlicher Schaden durch die Umverteilung, welche zur Finanzierung der Prämie nötig ist
Zunächst einmal ein paar Überlegungen zum ersten Punkt:
Stellen wir uns vor, wir hätten ein Dorf. Mitten im Dorf ist ein Lebensmittelgeschäft. Eines Nachts kommt eine Horde angetrunkener Randalierer und schlägt im Lebensmittelgeschäft aus Spaß an der Freude eine Scheibe ein. Der Besitzer des Geschäfts kommt am nächsten Morgen in den Laden und wir nehmen der Einfachheit einmal an, er müsse die kaputte Scheibe aus der eigenen Tasche bezahlen. Vor dem Geschäft bilden sich, von der zerstörten Scheibe angezogen, immer mehr Schaulustige, die nach einer gewissen Zeit ins Philosophieren verfallen.
Eigentlich sei das doch mit der eingeschlagenen Scheibe gar nicht so schlecht aus wirtschaftlicher Sicht. Natürlich hätte der Ladenbesitzer Pech, aber der örtliche Glaser freue sich jetzt sicherlich über einen Auftrag (sagen wir hier einmal, dieser habe das Volumen von 1000 EUR). Auch wäre das gut für die Gemeinde als ganzes, da ja der Glaser nun mehr Geld hat, was er entsprechend im Dorf in anderen Geschäften ausgeben kann. Gemäß dieser Logik schafft also der wirtschaftliche Schaden des Ladenbesitzers einen positiven Effekt. Ähnlich wurde damals ja auch von der Logik im Bereich der Abwrackprämie argumentiert, in dem z.B. darauf verwiesen wurde, dass die Arbeiter der Autofirmen ja durch die "Rettung der Automobilindustrie" weiterhin ihren Lohn verdienten und somit auch wieder Geld in die Wirtschaft wandern würde.
Doch zurück zu unserem Ladenbesitzer. Ihm fehlen natürlich die 1000 EUR. Was hätte er aber damit tun können? Vielleicht hätte er sich einen neuen Anzug und einen Mantel gekauft? Wer weiß. Oftmals wird diese Seite jedoch übersehen, da sie nicht direkt greifbar und konkret ist, wie das neue Fenster (Das mag trivial klingen, aber dieser Trugschluss kommt öfter vor, als Sie wahrscheinlich denken). Das Ergebnis des kaputten Fensters ist somit nicht ein positiver wirtschaftlicher Effekt, sondern lediglich eine Verlagerung. Was der Glaser gewinnt, verliert der Ladenbesitzer.
Das gleiche Phänomen hatten wir mit der Abwrackprämie auf eine gewisse Art. Gehen wir anfangs der Einfachheit einmal davon aus, dass der Autobesitzer seinen Wagen nicht freiwillig abwracken ließ, sondern ihm ihn jemand über Nacht zerstört hätte und er sich einen neuen kaufen müsste. Der Effekt wäre der gleiche wie im Falle mit der kaputten Fensterscheibe. Es findet lediglich eine Verlagerung des Geldes von den einzelnen Käufern zur Automobilindustrie hin statt und ein wirtschaftlicher Gewinn insgesamt entsteht nicht (viel mehr wird damit die gesamte Wirtschaftsstruktur künstlich verzerrt und Überkapazitäten im Automobilbereich, die sonst dem gesunden wirtschaftlichen Anpassungsprozess unterlegen wären, künstlich am Leben erhalten, was letztlich die Gesamtwirtschaft weniger effizient macht)
Nun mag man natürlich argumentieren, dass hier ja doch der Staat gezahlt habe. Doch der Staat ist aus finanzieller Sicht nichts anderes als seine Steuerzahler. Er kann lediglich dort nehmen und dann mit einem Minus umverteilen (wobei mit mehr Umverteilung natürlich auch die unproduktive Bürokratie wächst und der Anteil der Mittel, die am Ziel ankommen, immer geringer wird). Selbst wenn er das Geld druckt, muss er es über Inflation (nichts anderes als eine versteckte Steuer) wieder hereinholen.
Was die Abwrackprämie also bewirkte ist sogar ein mehrfacher Schaden:
- Es wurden künstlich Überkapazitäten subventioniert, statt die Wirtschaft sich anpassen zu lassen.
- Durch die Umverteilung zur Finanzierung der Maßnahme wurde den Leuten vom Staat Geld genommen, somit die Ersparnisse reduziert, somit Investmentätigkeit unterbunden und somit mögliche neue Arbeitsplätze vom Entstehen abgehalten bzw. die Leute daran gehindert, ihr Geld anderswo auszugeben (vgl. den Ladenbesitzer und den Anzug + Mantel) und dem Markt somit seinen freien Lauf und die Wirtschaft sich frei entwickeln zu lassen.
- Durch die Umverteilung kam (wie bei Umverteilung üblich) weniger Geld am Ziel an als den Steuerzahlern genommen wurde, da die Bürokratie finanziert werden muss. Diese schafft jedoch keine produktiven Werte und Güter, wie etwa ein Unternehmer mit seiner Fabrik.
Und dieser ganze Aufwand für ein gesamtwirtschaftliches Minusgeschäft (zumal ja auch noch ein nicht unerheblicher Teil an ausländische Automobilhersteller wanderte)...
Der Öffentlichkeit wurde diese Maßnahme meist nur in der Form verkauft, dass sie gut für die Automobilindustrie sei und so wurde sie meist auch gerechtfertigt (es geht um Arbeitsplätze, etc.). Hätte die Masse der Befürworter damals auf das gesamte wirtschaftliche Bild geschaut, wäre der Irrsinn relativ schnell klar geworden.
Staatliche Aufträge zum Ankurbeln der Wirtschaft
Sehr beliebt ist bei zahlreichen Mainstream-Ökonomen auch die Idee, der Staat müsse in Krisenzeiten Geld ausgeben, um die Wirtschaft anzukurbeln, das sog. "Deficit Spending". Aus dem Mund manch eines Experten klingt dies schon fast wie das wirtschaftliche Allheilmittel.
Stagniert irgendwo die Industrie? Da muss doch der Staat etwas machen.
Gibt es Arbeitslosigkeit? Zeit für ABM-Maßnahmen durch den Staat.
Doch auch hier gilt: Es gibt nichts umsonst. Jeden Euro, den der Staat ausgibt, muss er irgendwoher bekommen.
Nimmt er ihn per Steuern ein, muss er mehr als den Euro einnehmen, um die Staatsbürokratie zu finanzieren und dann einen Euro ausgeben zu können. Leiht der Staat sich das Geld, werden Zinsen fällig. Druckt der Staats sich das Geld, wird mit der "Inflationssteuer" bezahlt.
Nun ist sicherlich ein gewisses Maß an staatlichen Mindestfunktionen und öffentlichen Aufträgen nötig (man denke nur an Straßenerhaltung etc.). Darum soll es mir hier jetzt auch gar nicht gehen.
Viel mehr betrachten wir nun einmal die Art von öffentlichen Auträgen, welche dazu dienen sollen "Arbeit zu schaffen" oder den Wohlstand einer Gemeinde zu erhöhen, indem etwas geschaffen wird, was die Gemeinde vorher nicht hatte.
(Teil 2 aus Gründen des Umfangs am kommenden Montag)
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Hartmut Fischer (04.06. 2010 20:03 Uhr):
Die Abwrackprämie hat nicht nur volkswirtschaftliches Vermögen (noch brauchbare Autos) direkt vernichtet, sondern den gesamten Wirtschaftszweig des Gebrauchtwagenhandels, der Reparaturbetriebe und der Wiederverwertung auch von Teilen schwerstens geschädigt und dort Arbeitsplätze vernichtet. Er war also wieder einmal die Subvention asozialer, sich mit Steuerminimierung brüstender Großkonzerne auf Kosten des Mittelstandes und seiner Arbeitnehmer und natürlich auch des Steuerzahlers. Übrigens wurde sie bezeichnenderweise von IG-Metall-Boss Huber inspiriert und zeigt damit die korporatistische Verfilzung unserer "Demokratie". Bezeichnenderweise ist von den Gewerkschaften bisher auch kein ernstzunehmender Protest gegen die Erpressungen und Ermächtigung der Finanzindustrie gekommen. Dies nur als Hinweis auf den Zustand unsere "Demokratie"
Antworten - Kommentar von Günter Schöfl (05.06. 2010 01:05 Uhr):
Bitte, wenn Sie einen Artikel über die Abwrackprämie schreiben wollen, dann benennen Sie den Artikel auch so. "Langfristiges Investieren: Populäre wirtschaftliche Irrtümer" klingt nach ganz was anderem. Ich liebe Ihre Texte, aber ich verschwende nicht gerne meine Zeit. "Noch einmal Abwrackprämie" hätte mich nicht zum Weiterklicken animiert - Themaverfehlung! LG Günter
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