Langfristiges Investieren nicht zwingend gewinnbringend
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 18. Juli 2003 18:00 Uhr
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Die Lippen von Alan Greenspan haben sich letzten Dienstag bewegt. Als er vor dem US-Kongress sprach, bezeichnete er die Gefahr einer Deflation als "entfernt".
Hat der Fed-Vorsitzende gelogen? Oder hat er sich so daran gewöhnt, den Leuten das zu sagen, was sie hören wollen?
Eine Deflation auf Konsumentenpreisebene kann in den USA kommen oder nicht – aber jedenfalls ist sie nicht "entfernt" im Sinne von unwahrscheinlich. Die Kernrate der Inflation – also ohne Energie- und Nahrungsmittelpreise – lag im letzten Monat bei fast Null, genau wie in den letzten 3 Monaten. Wenn es eine Zahl gibt, die näher als die Null an negativen Werten dran ist, dann habe ich von so einer Zahl noch nie etwas gehört. Eine Deflation könnte nicht näher sein – weshalb sie nicht "entfernt" ist. Selbst wenn man die Energie- und Nahrungsmittelpreise berücksichtigen würde, dann läge die Inflationsrate bei 0,2 % – einen so niedrigen Wert gab es in den USA seit dem Auftritt der Beatles in der Ed Sullivan Show nicht mehr. Und wenn ein Amerikaner eine produzierte Ware (und keine Dienstleistung) kaufen will, dann wird er wahrscheinlich bemerken, dass der Preis dieser Ware aktuell niedriger ist als vor einem Jahr. So sind z.B. Autos in den USA derzeit 1,4 % billiger als letzten Sommer.
Die Preise werden wahrscheinlich auch nicht schnell wieder steigen. Die Kapazitätsauslastung der US-Fabriken liegt immer noch bei nur 75 %, das ist der niedrigste Wert seit 20 Jahren. Das gibt ihnen Spielraum, auch mit einer erhöhten Nachfrage ohne zusätzliche Investitionen fertig zu werden. Die Kaufkraft der Konsumenten wiederum leidet unter der höchsten Arbeitslosenrate seit 9 Jahren ... und den höchsten Schuldenlasten, die es je gab. Und die "kleinen Gesellschaften bauen weiterhin Arbeitsplätze ab", so die Zeitung Arizona Republic.
Aber die Amerikaner sind immer noch davon überzeugt, dass ihr demokratischer Konsumentenkapitalismus unsterblich ist und sich weder in einem Aufwärtstrend noch in einem Abwärtstrend befindet. Sie glauben wirklich an dieses System und können sich keine Verbesserung des Systems des Dollarstandards vorstellen. Sie denken, dass Amerika immer Dollar drucken wird ... und dass die Welt diese immer akzeptieren wird. Und wenn sich das System zu verlangsamen scheint und in Richtung auf eine Deflation hinläuft, dann wird die Fed ihrer Meinung nach einfach mehr Dollar drucken, um die Dinge wieder in Bewegung zu bringen.
Wie kann man in so einem System als Investor Geld verdienen? Diese Leute denken, dass es einfach sei. Man müsse nur langfristig in dynamische Gesellschaften investieren. Sie wissen wenig davon, dass die ganze Idee des "langfristigen Investierens" ein so großer Humbug wie Alan Greenspan ist.
"Die simple Wahrheit ist, dass die Aktienkurse auf lange Sicht gar nicht so stark steigen", erklärt David Schwartz in der britischen Zeitung 'The Guardian'. "Periodische, katastrophale Kurseinbrüche, die die aufgehäuften Gewinne von Jahren zerstören, sind die Norm – und nicht die Ausnahme."
"Wenn man diese Perspektive einnimmt, dann wird es klar, dass die durchschnittlich 10 % Plus pro Jahr in den 1990ern (ohne Berücksichtigung von Dividenden) eine temporäre Abweichung waren. Die Geschichte zeigt, dass auf fast jeden größeren, mehrjährigen Anstieg in den letzten zwei Jahrhunderten eine lange Periode der Underperformance folgte."
"Es gab 25 Fälle, bei denen die Aktien in einem 15-Jahres-Zyklus stark stiegen. Sie stiegen nicht in jedem dieser 15 Jahre, aber der gesamte Gewinn in diesen 15-Jahres-Perioden lag deutlich über dem Durchschnitt. Nach 24 dieser 25 Zyklen fielen die Kurse in den darauf folgenden 15 Jahren."
"Wir hatten in den letzten 15 Jahren des 20. Jahrhunderts bei den britischen Aktien starke Zuwächse. Der Footsie (das britische Pendant zum DAX) stand Ende 1999 bei 6930 Punkten. Wenn sich die Geschichte wiederholt, dann wird der Aktienmarkt Ende 2014 niedriger notieren, wenn man die Effekte der Inflation rausrechnet."
Da haben wir doch etwas, auf das wir uns freuen können ... oder, Eric Fry?