"Land Of The Free"
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 07. Juli 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Ich habe diesen Artikel am 4. Juli geschrieben – dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, einem Nationalfeiertag. Sollte ich die amerikanische Flagge raushängen ... oder eine schwarze Trauerflagge? Sollte ich weinen darüber, wie viel Amerika wir verloren haben, oder sollte ich früh über das sein, was noch übrig geblieben ist?
Die "Stars and Stripes"-Flagge weht noch – aber weht sie immer noch über einem Land der Freiheit, frage ich mich? Oder über einem Land mit einer Überwachungskamera an jeder Straßenecke ... einer Nation, die so tief verschuldet ist, dass die Freiheit zu einem Luxusgut geworden ist, das man sich nicht mehr leisten kann?
Welche Richtung ich auch nehme – ich nehme die Richtung hin zu einem Widerspruch. Die Dinge scheinen gleichzeitig schwarz und weiß zu sein.
Das ist der Grund, warum ich jetzt angefangen habe, das Tango-Tanzen zu lernen (siehe mein Beitrag oben). Leute, die Tango tanzen oder Gedichte schreiben, lassen sich von Widersprüchen nicht ärgern. Soweit ich weiß, hat noch nie ein ernsthafter Tangotänzer Selbstmord begangen. Es sind die Mathematiker und Ingenieure, die sich umbringen.
Ein Ideologe oder ein Mathematiker kann Widersprüche nicht tolerieren. Seine kleine Welt muss schön zusammenpassen, wie ein Puzzle. Jede Abteilung muss perfekt funktionieren.
Aber das ist nicht die Art, wie das reale Leben oder reale Menschen funktionieren. Eine gesunde Frau liebt ihren Mann, aber sie hasst ihn auch oft. Sie hat zwei Augen, und mit jedem Auge hat sie einen minimal anderen Blick von ihm. Was ist daran falsch? Sogar ein Mann mit nur einem Auge wird bemerken, dass die Welt gleichzeitig von Inflation und Deflation bedroht wird ... und dass Amerika gleichzeitig frei und unfrei ist.
Was ich an den Neo-Konservativen nicht mag, ist nicht ihre Ansicht, dass die Welt richtig oder falsch ist – denn wie sollte ich das wissen? –, sondern dass sie zu klein ist. Sie glauben wirklich an eine sehr kleine Welt ... eine, die keinen Platz für Mysteriöses, Widersprüche, Ignoranz oder Humanität hat. Sie muss klein sein, weil sie sie sonst nicht verstehen könnten.
Die Neo-Konservativen denken, dass sie das sehen können, was kein Sterblicher je gesehen hat: Die Zukunft. Daher diese genialen "Präventivschläge"; sie stoppen einen Kriminellen, bevor er sein Verbrechen begehen kann!
Die Neo-Konservativen denken, dass sie wissen, was kein Sterblicher je gewusst hat: Nicht nur zu wissen, was gut für ihn und sein Land ist ... sondern auch, was gut für die ganze Welt ist. Und sie wollen ihnen das, was sie für gut halten, geben ... ob sie das wollen oder nicht. Ich habe am 4. Juli von George W. Bush eine email erhalten, mit diesem Inhalt:
" ... Freiheit ist das Geschenk Gottes für die Menschheit, das Geburtsrecht jedes Individuums. Die amerikanische Überzeugung bleibt so kraftvoll heute, weil sie die universelle Hoffnung der gesamten Menschheit repräsentiert."
Hier werfe ich eine wilde Vermutung ein: Es gibt wahrscheinlich mehr als eine Handvoll Leute, die auf diesem Planeten herumrennen, für die die "amerikanische Überzeugung" weniger Grund zur Hoffnung als vielmehr Grund zur Furcht ist.
Aber der Präsident schreibt weiter:
"Wir gewinnen den Krieg gegen die Feinde der Freiheit, aber es bleibt noch viel zu tun. Wir werden in dieser noblen Mission die Oberhand behalten. Die Freiheit hat die Kraft, Hass in Hoffnung zu verwandeln."
"Amerika ist die Kraft des Guten in der Welt", so der Führer der einzigen Supermacht der Welt weiter, "( ...) und indem wir auf den Mut unserer Gründerväter und auf die Entschlossenheit unserer Bürger bauen, umarmen wir willig die Herausforderungen, die vor uns liegen." Währenddessen stecken die amerikanischen Bürger tief in Schulden. Sie haben kaum eine andere Wahl, als das System, so wie es ist, zu unterstützen. Frei oder unfrei, solange das Geld fließt, ist das nicht entscheidend. Sie sind dazu gekommen, sich auf die Regierung zu verlassen. Sie brauchen die Hypothekenbanken wie Fannie Mae ... und die Arbeitslosenversicherung ... und die soziale Sicherheit ... und Jobs ... und die Fed ... und fiskalische Stimulierungen. Oder zumindest denken sie, dass sie das brauchen.
Nach 50 Jahren Boom des Dollarstandards ist der durchschnittliche Amerikaner heute weniger frei als je zuvor. Er ist ein Sklave der größten Regierungsausgaben und der größten Staatsverschuldung der Geschichte ... und der höchsten Hypotheken und der größten privaten Schuldenlast, die es jemals gab. Der durchschnittliche Amerikaner hat sein Haus voll beliehen ... er hat Kreditkartenschulden aufgehäuft. Jetzt hat er keine Freiheit mehr; er muss seinen Job behalten ... er muss die Leitzinsen im Blick behalten ... er muss ein Interesse an der Regierung von George W. Bush haben (denn jetzt hängt er von dieser Regierung ab)!
Richard Benson schrieb letzte Woche im Barron's Magazin: "Am 4. Juli sollte die Freiheit und die Unabhängigkeit gefeiert werden, aber die Banker sind die einzigen, die sich freuen. Niemals zuvor waren die Amerikaner so verschuldet ( ...). Die Amerikaner glaubten früher, dass sie dann frei wären, wenn sie schuldenfrei wären. Heute wollen die Amerikaner nur die Freiheit, mehr Schulden zu machen, selbst wenn das bedeutet, dass man dadurch auf dem Weg ist, durch die Schulden versklavt zu werden."
Der durchschnittliche Bürger ist nur ein paar Schecks von der Zwangsversteigerung seines Hauses entfernt. Er hat nicht länger die Freiheit, sich zurückzulehnen ... zu reflektieren ... zu denken ... sich Dinge durch den Kopf gehen zu lassen ... oder die Widersprüche zu genießen. Stattdessen muss er den Worten der Ökonomen lauschen, als ob diese etwas bedeuten würden ... und er muss sich vor den Politikern verbeugen, die sein Leben kontrollieren ... und er muss nach der Pfeife von Behörden tanzen, von denen er vielleicht einen Dollar bekommen könnte.
Die Botschaft von George W. Bush endet mit einer einnehmenden persönlichen Note: "Laura und ich senden Ihnen unsere besten Wünsche für einen sicheren und erfreulichen Unabhängigkeitstag ..."
Laura wer, fragte ich mich? Ach ja, ... die First Lady.
Wie ich es geschafft habe, mit dieser Frau auf der Basis des Vornamens zu kommunizieren, weiß ich nicht. Ich habe sie nie getroffen. Warum sie mir einen glücklichen Tag wünschen sollte, verstehe ich nicht. Aber das sind die sonderbaren, barocken Überspanntheiten von Amerika, die es zu so einem einnehmenden Platz für seine Bürger und zu einem so reichen Schatz für zeitgenössische Ethnologen und Komiker machen.
Auch diese Leute werden sich wegen der Widersprüche wundern. Warum feiern die Amerikaner die "Freiheit" noch lauter, während sie gleichzeitig immer weniger frei werden? Wie können Sie sich "Home Of The Brave", also Heimat der Tapferen, nennen, wenn sie kleine Dritte-Welt-Länder angreifen, die sich nicht verteidigen können? Wie können sie ihre eigene Unabhängigkeit hochleben lassen, wenn sie zwei ausländische Nationen besetzt haben?
Die meisten Leute werden die Widersprüche komplett ignorieren. Viele werden sie als Heuchelei sehen. Einige werden entrüstet sein. Und ein paar wenige werden den Rhythmus eines Tangos hören und den Feiertag genießen.