Kurzfristig herrscht Chaos
Sven Weisenhaus in Wave Daily
vom 25. Juni 2010, 13:00 Uhr
ENL5454
Effiziente Märkte sind nicht zu schlagen
Wenn der Aktienarkt in Wirklichkeit ein ‚Effizienter Markt‘ ist, dann könnten wir sofort aufhören, uns mit Strategien und Vorgehensweisen zu befassen, die den Markt schlagen.
Die Theorie der ‚Effizienten Märkte‘ besagt, dass der Markt neu bekannt werdende Informationen immer sofort und richtig bei der Preisbildung berücksichtigt. Damit bestünde so gut wie keine Chance, den Markt zu schlagen.
Random-Walk-Theorie
Ein ähnliches Ergebnis erhalten wir, wenn wir der Random-Walk-Theorie Glauben schenken, denn dann würden wir von Kursbewegungen ausgehen, die vom Zufall gesteuert sind.
Wer sich mit diesem Wissen daran macht, einen zufälligen Kurschart, also einen ‚Random Walk‘ entstehen zu lassen, der wird auch in einem solchen Chart die gleichen Muster wie beispielsweise im Kurschart des DAX finden. Auch dort lassen sich Widerstands-, Unterstützungs- und Trendlinien einzeichnen.
Ein solches Chartbild könnte zum Beispiel als eine Summation von Zufallszahlen gezeichnet werden. Im einfachsten Fall hat man z. B. die Zahlen +1 und -1, die zufällig miteinander aufsummiert werden. Dabei unterliegen die Ereignisse +1 und -1 einer gewissen Wahrscheinlichkeitsverteilung - im einfachsten Fall 50%.
Zusammensetzung der Kursbewegungen
In dem Artikel, den ich im ersten Teil erwähnt habe, ist der Autor einfach davon ausgegangen, dass der Markt aus einer Überlagerung von einem Drift-Anteil, einem periodischen Anteil und dem zufälligen Anteil (Random-Walk) besteht.
Drift-Anteil
Drift meint die übergeordnete Trendrichtung, die sich im sehr langen Zeitraum findet. Stichwort „langfristig tendieren die Aktienmärkte aufwärts". Dieser Drift ist informationsgetrieben und kann beispielsweise mit dem technischen Fortschritt oder ähnlichem erklärt werden.
Graphisch stellt sich dies in einer langfristig steigenden Linie dar.
Periodischer Anteil
Der periodische Anteil lässt sich mit periodischen Einflüssen erklären. Dabei ist es egal, ob die Jahreszeiten gemeint sind, bei denen gerade die Sommermonate eher zur Schwäche neigen (Saisonalität) oder die unterschiedliche Stärke der Umsätze pro Tag auf Grund des Tag-Nacht-Zyklus gemeint sind oder in einer Woche, in der meist der Freitag ein schwächerer Tag als der Montag ist, weil man übers Wochenende beim kurzfristigen Trading ungern Positionen offen hält. Aber auch die Gier und Angst spiegelt sich im periodischen Teil wieder: Der Trendaufbau ist periodisch.
Wichtig ist: Dieser Anteil ist erklärbar und damit nicht zwangsläufig zufällig.
Summiert man Drift-Anteil und periodischen Anteil, erhalten wir bei vereinfacht dargestelltem Sinus-Verlauf des periodischen Anteils folgende Grafik:
Random-Walk-Anteil
Spätestens bei einem Blick auf den Tickchart wird klar, dass der Markt eine absolut zufällige Komponente beinhaltet. Es gibt ihn also wirklich, den Random-Walk. Der Grund dafür ist, dass jeder Tick für eine (Handels-)Entscheidung steht, jede Entscheidung wiederum steht für eine oder mehrere Informationen auf deren Basis die Entscheidung getroffen wird.
Verschiedene Einschätzungen
Diese können - und das ist der kritische Punkt - zu konträren Aussagen kommen. Zwei Trader/Systeme können bei gleicher Informationsversorgung zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen. Die Marktrichtung ergibt sich also aus der Summe der Entscheidungen - nicht aus der Summe der Informationen. Und da kann, wie bereits beschrieben auch eine rein liquiditätsgetriebene Entscheidung darunter sein, die sich nicht charttechnisch oder fundamental erklären lässt.
Kurzfristig herrscht Chaos
Kurzfristig herrscht im Markt also völliges Chaos - und somit der Random Walk.
Erst wenn viele kurzfristig chaotische Entscheidungen zufälliger Weise zu einer bestimmten Bewegung oder gar zu einem Trend führen, löst dies charttechnisch motivierte Handlungsentscheidungen aus und können systematisch erklärt werden.
Fazit
Je größer die Zeiteinheit, desto größer die Sicherheit bei der Prognose. Je kleiner die Zeiteinheit, desto dichter sind wir am Random-Anteil des Marktes.
Natürlich kann man auch in sehr kleinen Zeiteinheiten erfolgreich traden. Der Aufwand steigt jedoch exponentiell, wenn man dauerhaft ein positives Ergebnis erzielen will. Hilfsmittel wie neuronale Netze und Support-Vector-Machines müssen dann herhalten, um möglicherweise vorhandene Korrelationen aufzudecken.
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die Woche
Sven Weisenhaus
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Frank Schiesser (25.06. 2010 14:49 Uhr):
Ausgezeichnet! Wäre gespannt, was Herr Tiedje von godmode trader dazu sagen würde. Für kurzfristige Anaylsen und für Prognosen stimme ich Ihnen voll zu. Dennoch glaube ich, dass sich die Börse nach den Regeln lebender Systeme verhält und die Summe des Verhaltens spielgelt sich in den Elliott Wellen wider. Solange sich an den Rahmenbedingungen der Märkte nichts ändert, tritt immer wieder das gleiche Verhalten auf. Momentan scheinen sich aber wesentliche Bedingungen zu verändern, ein sog. Paradigmenwechsel findet statt. Die Zeiten immer währenden Wachstums der Märkte, der niedrigen Preisinflation und relativ risikoloser Anleihen scheint vorüber und da lässt sich eben kurz- und mittelfristig keine EW vernüftig anwenden. Da kommt die Trendfolge voll zum Zuge. Beste Grüsse Frank Schiesser
Antworten - Kommentar von Raabe (25.06. 2010 16:21 Uhr):
Hallo Herr Weisenhaus, für mich ist Ihr Artikel lediglich eine Ausrede dafür, warum Sie kurzfristig keine Prognosen machen wollen. Andere können das doch auch. Warum Sie nicht? Heute schon wieder ein Artikel, der keinen EW-Inhalt enthält. Noch einmal zur Erinnerung: Wave Daily - Täglich Profiwissen zur Chartanalyse mittels Elliott-Wellen-Theorie Weder "täglic"h, noch "Elliott.Wellen-Theorie", noch "Profi" .... MfG. Raabe
Antworten- Antwort von Sven Weisenhaus (28.06. 2010 13:18 Uhr):
Guten Tag! ---- Die Überlegungen in diesem Beitrag sind nur ein Grund, warum ich für diesen Newsletter sehr kurzfristige Prognosen für nicht sinnvoll erachte. Ein weiterer Grund ist, dass ich derzeit nur drei Mal pro Woche für Sie schreiben kann und daher zu viel Zeit zwischen den jeweiligen Analysen der jeweiligen Basiswerte vergeht. Das andere Analysten diese kurzfristigen Beiträge verfassen liegt sicherlich zum einen an den Unterschieden der jeweiligen Medien und zum anderen daran, dass jeder Trader bzw. Autor seinen eigenen Handelsansatz verfolgt. ----- Ich finde schon, dass der Beitrag einen direkten Bezug zu den EWs hatte. Letztlich ist der Begriff "Profiwissen" ja nicht mit "Chartanalyse" gleich zusetzen. Hier soll es nach meinem Dafürhalten neben der praktischen Anwendung der Elliott-Wellen auch um die notwendigen Grundlagen gehen. ----- Vielleicht teilen Sie mir einmal mit, welche kostenlosen Newsletter Sie noch beziehen und wo Sie persönlich meinen Newsletter qualitativ einordnen würden. Gerne stelle ich mich einem Vergleich. Ich würde derzeit annehmen, dass kurzfristige Elliott-Wellen-Prognosen nur in den seltensten Fällen zu einem tatsächlich richtigen Ergebnis führen. ----- Dabei wäre natürlich zunächst festzuhalten, was "kurzfristig" eigentlich bedeutet. Schliesslich basieren meine Analysen derzeit bereits auf dem Stundenchart. Welche Zeiteinheit würden Sie sich denn wünschen? ----- Sie wissen vielleicht bereits, möglicherweise aus meinen Antworten auf andere Kommentare, dass ich mich nicht für unfehlbar halte und Kritik gerne annehme, um die Beiträge für Sie und auch die anderen Leser zu optimieren. Insofern würde ich mich über eine weitere Antwort von Ihnen sehr freuen, gegebenenfalls auch per E-Mail, so dass wir leichter in einen Dialog einsteigen können. Senden Sie hierzu einfach eine E-Mail an info@investor-verlag.de. Gerne können Sie natürlich auch wie bisher über die Kommentar-Funktion antworten. ----- Mit freundlichen Grüßen ----- Sven Weisenhaus
- Antwort von Sven Weisenhaus (28.06. 2010 13:18 Uhr):

