Künstlich hoch bewertet
John Mauldin in Investors Daily
vom 16. Mai 2003 18:00 Uhr
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Obwohl der Dollar gegenüber dem Euro in den letzten 12 Monaten oder so rund 25 % gefallen ist, ist der Dollar immer noch künstlich hoch bewertet. Mit "künstlich" meine ich die folgenden Dinge: Zunächst einmal ist der Rest der Welt, und besonders Asien, davon abhängig, den amerikanischen Konsumenten Güter zu verkaufen. Wenn die Preise dieser Güter um 30 % steigen würden, dann würden die Amerikaner weniger dieser ausländischen Produkte und mehr eigene kaufen. Wenn Asien den Amerikanern weniger verkaufen würde, dann würde in Asien die Arbeitslosigkeit steigen – und die Gewinne sinken.
Dann, zweitens, gibt es Leute, die Dollar halten, weil der Dollar besser als ihre lokalen Währungen ist. Physische Dollar sind in vielen lateinamerikanischen und afrikanischen Staaten begehrt, udn auch in anderen Entwicklungsländern. Das klare Muster ist, dass der Dollar ein besseres Wertaufbewahrungsmittel ist als ihre lokalen Währungen.
Drittens: Es sollte offensichtlich sein, dass der Dollar nicht so hoch bewertet wäre, wenn er nicht die Reservewährung der Welt wäre. Der Dollar würde weniger Kaufkraft haben. Die Ausländer sehen sich die Kaufkraft des Dollar an und und sind dann oft neidisch, weil sie sehen, dass es ein Teil der sogenannten amerikanischen Hegemonie ist, dass der Dollar künstlich hoch bewertet ist.
Aber das hat zwei Seiten. Ein künstlich hoher Dollarkurs hat auch bedeutet, dass die Produktion in den USA langsam zurückgegangen ist, da immer mehr und mehr Arbeitsplätze in Länder mit niedrigeren Lohnkosten verlagert worden sind. Der hohe Dollar hat auch zum riesigen US-Handelsbilanzdefizit geführt. Alles hat seine Vor- und Nachteile.
Angenommen, der Dollar ist wirklich künstlich hoch – gibt es dann Grund zu der Annahme, dass er (weiter) fallen kann? Eine Studie der US-Zentralbank scheint dafür zu sprechen. Fed-Volkswirtin Caroline Freund erstellte eine Studie zu den Auswirkungen eines zu großen Handelsbilanzdefizits bei entwickelten Volkswirtschaften. Hier die Schlüsselpunkte: Im Durchschnitt fällt die Währung eines solchen Landes, wenn das Handelsbilanzdefizit die Marke von 5 % des Bruttoinlandsproduktes (BIP) des entsprechenden Landes übersteigt. Dann fällt die Währung normalerweise 20 % in drei Jahren, und in diesem Zeitraum erholt sich die Handelsbilanz wieder.
In den USA liegt das Handelsbilanzdefizit bei 6 %, Richtung 7 %. Es gibt deshalb reale Gründe, die dafür sprechen, dass der Dollar weiter fällt, wenn die künstlichen Stützen beseitigt werden.
Allerdings muss der Dollar Währungen haben, gegenüber denen er fallen kann. Bis jetzt hat er hauptsächlich den Euro gefunden. Aber was ist mit den asiatischen Währungen – eine Gegend, die immer mehr Aufmerksamkeit als "kommende Macht" erweckt?
Bis jetzt haben sich die asiatischen Länder sehr darum bemüht, ihre Währungen gegenüber dem Dollar niedrig zu halten. Warum? Weil sie dadurch ihre Exporte auf hohem Niveau halten, was ihnen ihrer Ansicht nach Reichtum bringen wird. Jede Nation in Asien fühlt, dass sie einen Wettbewerbsnachteil gegen den benachbarten Nationen erleidet, wenn die eigene Währung zu stark steigt.
Die Japaner z.B. haben mehrere Jahre lang öffentlich argumentiert, dass der Yen zu hoch bewertet sei, und sie haben aggressiv daran gearbeitet, den Wert des Yen zu vermindern. Ein paar japanische Entscheidungsträger haben öffentlich gesag, dass der Yen bei 160 stehen sollte, und nicht bei den aktuell 116. Andere japanische Größen würden einen Yen bei 130 bevorzugen (Yen bei 130 bedeutet, dass 130 Yen für einen Dollar bezahlt werden müssen).
Nun, zum Kernpunkt: Wenn alle diese asiatischen Länder ihre eigene Währung gegenüber dem Dollar aufwerten wollen, dann könnten sie das innerhalb eines Augenblicks tun. Es ist nicht so, dass sie unbedingt einen starken Dollar wollen – sie wollen nur nicht, dass ihre eigene Währung stärker ist als die der anderen asiatischen Wettbewerber. Wenn der Dollar gegenüber allen asiatischen Währungen gleich fallen würde, zur gleichen Zeit, dann wären sie nicht dagegen.
Der 500-Kilo-Goriall in diesem Prozess ist China. Die chinesische Währung ist fest an den Dollar gebunden, also gibt es hier keine Veränderungen. Da China gegenüber den anderen asiatischen Ländern wegen seiner besonders geringen Arbeitskosten einen Vorteil hat, sind diese gezwungen, ihre Währungen unterbewertet zu lassen, um wettbewerbsfähig sein zu können. Besonders die Japaner haben sich oft über den Wert der chinesischen Währung beschwert.
Länder, die in die USA verkaufen – besonders asiatische Länder –, haben die Wahl zwischen zwei potenziellen Schmerzquellen. Sie können ihre Währung steigen lassen und weniger in die USA verkaufen, oder sie können die Dollar als Bezahlung annehmen, mit dem Risiko, dass diese Dollar dann im Wert fallen werden.
Wann wird der Schmerz des Annehmens von überbewerteten Dollar größer als der Schmerz, weniger in die USA zu verkaufen? Ich denke es wird dann der Fall sein, wenn China seine Währung frei floaten lässt, d.h. die Bindung an den Dollar aufgibt. Die asiatischen Länder wollen nicht notwendigerweise einen überbewerteten Dollar; sie wollen einfach nur, dass ihre eigene Währung in Relation zu ihren Nachbarn vorteilhaft bewertet ist. Wenn die Chinesen ihre Währung freigeben, dann wird diese sicherlich gegenüber dem Dollar steigen, und das wäre das Ende der Überbewertung des Dollar. Dann würde es sich auch der Rest der asiatischen Länder leisten können, die eigenen Währungen steigen zu lassen.
Es gibt weltweit immer mehr Stimmen, die die Chinesen dazu auffordern, ihre Währung frei floaten zu lassen. Die Chinesen haben auf diesen Druck noch nicht geantwortet, aber wie alle Länder werden sie dieser Aufforderung folgen, wenn sie fühlen, dass es in ihrem eigenen besten Interesse liegt. Das wird wahrscheinlich dann der Fall sein, wenn sie denken, dass ihre eigene Konsumentennachfrage wachsend und solide ist und deshalb ein mögliches Abschwächen der Verkäufe in die USA auffangen könnte. Wann das sein wird, kann man nur raten.
China wird den Überraschungszug tun, der alle Dominosteine in Bewegung setzen wird. Diese Weltgegend sollten die Investoren unbedingt im Auge behalten, denn ein solcher chinesischer Schritt würde eine Überraschung sein, und er würde sehr schnell zu einem deutlich schwächeren Dollar führen.