Kritik an Rating-Agenturen
Michael Vaupel in Traders Daily zum Thema Ratingagenturen
vom 6. Mai 2010, 12:00 Uhr
ENL5454
*** Noch ein paar Takte zu den Rating-Agenturen.
Ende April war bekanntlich das Rating von Griechenland, Spanien und Portugal herabgestuft worden.
Mit den drei privaten angelsächsischen Rating-Agenturen habe ich ein Problem.
Da bewerten drei privatwirtschaftliche Unternehmen die Bonität von Unternehmen und ganzen Staaten, haben damit unglaubliche Macht.
(Denn wenn z.B. das Rating eines Landes zurückgestuft wird, führt dies nahezu automatisch zu Kursverlusten dessen Anleihen, Refinanzierung wird teurer etc.)
Gleichzeitig lassen sich die Rating-Agenturen von den Unternehmen und Staaten, welche sie bewerten sollen, bezahlen. Und gleichzeitig reden sie sich im Fall einer falschen Bewertung damit heraus, dass es sich beim Rating ja lediglich um eine „Meinungsäußerung" gehandelt habe. Rechtlich nicht greifbar.
Letztlich sind es Privatunternehmen, welche sich von denen, denen sie Ratings geben, bezahlen lassen. Und solche entscheiden über Wohl und Wehe ganzer Volkswirtschaften?
Und es waren ja auch genau diese Rating-Agenturen Rating-Agenturen wie S&P oder Moodys, welche den „Ramsch-Papieren" (wie gebündelten Hypotheken von Schuldnern geringer Bonität) die besten Ratings gegeben haben. Das relativiert natürlich die Schuld eines Sparkassen-Managers, der sich auf dieses Rating verlässt. Denn dem Rating zufolge waren die Papiere eben „sicher".
Auf die Banker wird - zumindest teilweise völlig zu Recht - geschimpft.
Die Rating-Agenturen hingegen sind leider kaum in der Schusslinie. Da hört man nichts von Konsequenzen, und sei es nur personeller Natur. Wer kennt schon einen der Entscheidungsträger da namentlich?
Dabei könnte es durchaus sein, dass ein Vorstand eines Rating-Unternehmens mehr Macht als ein Regierungschef eines mittleren EU-Landes hat.
*** Zur sachlichen Bewertung der Herabstufung Griechenlands auf „Junk-Niveau":
Griechenland hat ja ein zweistelliges Haushaltsdefizit (gemessen als Anteil am BIP) und zu wenig Ersparnis im eigenen Land, die dieses Defizit decken könnte.
Stimmt natürlich.
Doch ich kenne da noch ein Land, auf welches genau dasselbe zutrifft.
Die USA.
Die haben ein ähnlich hohes Haushaltsdefizit - es soll bei bis zu 12% des BIP liegen, den ganzen „bailouts" sei Dank.
Und es wäre auch keineswegs durch die Ersparnis im eigenen Land finanzierbar. Die würde dafür überhaupt nicht reichen. Es sind die freundlichen „Ausländer", welche US-Staatsanleihen fleißig kaufen. China, Japan, Großbritannien. Ohne deren Käufe von Staatsanleihen hätten die USA ein riesiges Problem.
Tja, einigen Kriterien zufolge sind die USA sogar schlechter dran als Griechenland.
Doch komisch, warum traut sich keine Rating-Agentur an eine Herabstufung der USA dran?
Die können sie doch echt in die Tonne treten.
(Kennt jemand in der Gemeinde jemanden, der bei einer Rating-Agentur arbeitet? Insider-Informationen zur Veröffentlichung erwünscht! info@investor-verlag.de)
Wenn sich nur nicht Millionen Marktteilnehmer an die Bewertungen der Rating-Agenturen halten würden...
Mit herzlichem Gruß,
Michael Vaupel
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von runnerfox (06.05. 2010 13:13 Uhr):
Wo der Mann Recht hat, hat er recht. Die Rating Agenturen waren zu einem großen Teil mit Schuld an der heutigen Finanzkrise. Was hat es denen geschadet? Den anfänglichen Kommentaren zur Regulierung besagter Ratingagenturen ist ja nichts gefolgt. Wer hat da wohl nachgeholfen? Soviel zur Macht der Ratingagenturen.
Antworten - Kommentar von Thomas Thielemann (06.05. 2010 14:48 Uhr):
Hallo, Herr Vaupel, ich habe bei Ihrem Kommentar zu Griechenland und den Rating-Agenturen doch Bauchschmerzen. Die Frage stellt sich zunächst, wer hat denn den damaligen EU-Staaten empfohlen, Griechenland in die EU und in die Euro-Zone aufzunehmen? Diese Leute müßten zur Kasse gebeten werden. In meinem Haushalt hat ein Grieche gewohnt, dessen Vater ein Baugeschäft auf der Insel Eubea hat. Der Tagesablauf sah so aus, nach dem Frühstück von 9.00 - 10.30 Domino-Spielen im Cafe, danach etwas Arbeit bis es heiß wurde.... Das Entscheidende ist aber, dass kleine und mittlere Bauvorhaben ohne Rechnung abgewickelt werden, also auch ohne Steueraufkommen. Und in Gaststätten ist es mir oft passiert, dass sie einen handgeschriebenen Zettel als Rechnung erhalten, also brutto=netto. Fazit: Das was die Rating-Agenturen jetzt tun, war die eigentliche Arbeit der EU-Kommission. Und es geht weiter - was unterscheidet die USA und Griechenland? Die einen haben die Lizenz zum Gelddrucken, die anderen nicht ! Warum hält sich der Dollar weiter als Leitwährung? Ahmadinejad hat das kürzlich richtig gesagt - nur mit der Bedrohung anderer Länder. Und da wird es wahrscheinlich keinen geben, nicht mal eine Klitzekleine Ratingagentur, welche über die USA ein Rating abhalten würde. Sie können ja in Ihrem täglichen Brief ein Rating abhalten, mal sehen, was passiert. Beste Grüße übermittelt Ihnen Thomas Thielemann
Antworten - Kommentar von Ludovici (06.05. 2010 14:54 Uhr):
Sehr geehrter Herr Vaupel, Ihr Beitrag ist hervorragend. Kein Politiker hat den Mut, die Ratingheinis in ihrer Macht zu beschneiden. Leider, denn diese Agenturen arbeiten doch sicher auch mit den Hedgefonds Hand in Hand. Ich möchte nicht wissen welche Geldstöme da fließen. Objektiv sind die Ratings sicher schon lange nicht mehr. M.E. wird bewusst nach Interessenlage ge- und verurteilt. MfG Ludovici
Antworten - Kommentar von Ernst Burger (06.05. 2010 15:12 Uhr):
Hallo, ich bin da vollkommen bei Ihnen. Was sich die Ratingagenturen ohne jedese igene Risiko ist unverantwortlich. Das sind auch keine Aufgaben für Privat unternehmen. Hier trifft ein massiver Interessenkonflikt zu. So etwas gehört in die EBZ. Es ist an der Zeit die S&P, Moody`s und Genossen aus dem Markt zu nehmen, denn die sind schlimmer als jeder Hedgefond. Viele Grüße Ernst Burger
Antworten - Kommentar von Kurt Galantha (06.05. 2010 15:13 Uhr):
Trichet hat nicht umsonst angemerkt: "... and who finally is Standards and Poors?" als er die Herabstufung europäischer Staaten kürzlich kommentierte. Kritisch sehe auch ich die Unverbindlichkeit der Aussagen dieser Rating-Agenturen, die andererseits so sehr als Referenz genommen werden. USA-Anleihen als Junk-Bond hat was! :)
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- Kommentar von gt (06.05. 2010 22:06 Uhr):
You wrote out my soul! The Titanic has long sank and the USA may join it later ! After the Fed finish with his $$$ Printing Prozess.Since Decades the Wall Street hasn't grown anywhere higher subtaintially but just all Speculation and Money Sucker from the small poor investors.Fate will always correct itself...just a matter of time
Antworten - Kommentar von Wofgang Ruf (07.05. 2010 00:25 Uhr):
Hallo Herr Vaupel, die Frage, warum Griechenland und Portugal herabgestuft wurden, obwohl sich zu diesem Zeitpunkt nichts weiter Negatives ergab, ist vielleicht einfach zu beantworten. Der Druck auf den EURO wird erhöht. Welchen Sinn das macht? Lt. FTD vom 4.5.2010 kann man unter der Überschrift "Spekulanten gehen aufs Ganze mit Anti-EURO-Wette" lesen, dass"Hedge-Fonds und andere gewichtige Spekulanten" inzwi- schen ca. 10 Mrd EURO gegen den EURO setzen, die größte Short Position, die je über Terminkontrakte in einer Währung von Spekulanten einge- gangen wurde. Griechenland (und andere Staaten, die vielleicht folgen können) sind nur Mittel zum Zweck, um weiteren Druck auf den EURO aufbauen zu können. Das Ziel ist ein Ver- hältnis EURO zu USD mit 1 : 1 gegen Jahresende. Hierzu habensich Anfang Februar einige Hedge Fond Manager in Manhatten getroffen, von - SOROS FUND MANAGEMENT - SAC CAPITAL INVEST - BRIGADE CAPITAL - GREENLIGHT CAPITAL - PAULSON u.a. zum "Ideenaustausch", ob dies realistisch sein könnte oder um -verbotenerweise- Strate- gien abzusprechen, um genau diesen weiteren Verfall des EUROs zu erreichen, wie die amerikanische Börsenaufsicht vermutet. Ob da die Herabstufung von Portugal durch die -amerikanische Ratingagentur Fitch, die den Druck auf den EURO verstärkt, da zeitlich so zufällig ist, diese Frage kann jederfür sich beantworten. Bei dem "Spiel" geht es um hun- derte von Millionen USD oder EUROs, und noch mehr.Donald Morgan, Chef des Hedge- Fonds Brigade Capital, sagte seinen Kollegen bei dem Abendessen in Manhattan, dass Griechenland der erste Dominostein sein werde, der falle. Später würde es den gesamten Kapitalmarkt treffen Unabhängig davon sollen Goldman Sachs, Bank of America, Merrill Lynch und Barclays Capital vor einigen Wochen Investoren geholfen haben, in extrem gehebelte Derivate zu investieren, die sich dann auszahlen, wenn der Euro Ende des Jahres auf die Parität zum Dollar fiele. Somit ist zu erwarten, dass der Druck auf den EURO aufrecht erhalten wird. Freundliche Grüsse Wolfgang Ruf
Antworten - Kommentar von B J Rettich (07.05. 2010 08:02 Uhr):
Kritik an den Ratingagenturen ist zwar berechtigt, oft aber scheinheilig. Bei den verbrieften Immobilienhypotheken wurde bemängelt, die Abstufung käme zu spät. Bei Griechenland soll es angeblich zu früh sein. Aus meiner Sicht allerdings auch eher zu spät, danach wäre allerdings auch die USA, aber auch die BRD um mindestens eine, eher mehr, Stufen abzuwerten. Glaube aber nicht, daß die dadurch bedingte Zinserhöhung für diese abzuwertenden Länder viel Zustimmung finden würde. Und zur Kritik, daß es sich um Privatunternehmen handelt ist zu sagen, was immer ein Staat macht, kostet unverhältnismäßig mehr Geld, bei wesentlich schlechterer Leistung. Und zur demokratischen Legitimierung: ich zitiere Hr. Vaupel: "Wenn sich nur nicht Millionen Marktteilnehmer an die Bewertungen der Rating-Agenturen halten würden.." Was kann demokratischer sein, als wenn sich Millionen Investoren, ohne jeglichen Zwang, daran halten?
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