Kriegstrommeln
unserem Korrespondenten James Dale Davidson in Investors Daily
vom 09. Oktober 2002 18:00 Uhr
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"Die Erfahrung ist ein harter Lehrer, weil sie uns erst testet und erst danach die Erklärung liefert." – Vernon Law.
Die letzte Rede von US-Präsident Bush hat klargemacht, dass er Krieg will. In ein paar Wochen könnte es so weit sein. Diese unmittelbar bevorstehende Bedrohung stellt uns vor wichtige Fragen – was bedeutet ein Krieg gegen den Irak für Ihre Investments?
Das ist eine Frage, über die ich lange nachgedacht habe. Ich habe eine intensive Amateur-Bildung in Militärgeschichte, und zusätzlich habe ich Jahre mit dem Entwickeln von Investment-Strategien verbracht. Vor zwei Jahrzehnten habe ich zusammen mit dem früheren Herausgeber der Times of London ein Projekt zur Untersuchung der Auswirkungen von militärischen Konflikten auf die Aktienmärkte gegründet. Wir sind tief in die Geschichte der Militär-Technologie eingestiegen, um zu sehen, wie die sich ändernde Balance zwischen Offensiv- und Defensiv-Waffen die Volkswirtschaften beeinflusst und die soziale Struktur geändert hat. Die Ergebnisse unserer Arbeit sind in mittlerweile drei Büchern veröffentlicht worden.
Als wir die Geschichte analysierten, sahen wir, dass die Entwicklung des Mikrochips zu größeren Veränderungen führte als jedes politische oder wirtschaftliche Traktat, das jemals geschrieben worden ist. Ich sehe dem Einfluss dieser Technologie mit Bedenken entgegen – militärische Kapazitäten können durch kleine Gruppen kontrolliert werden.
Wir haben den Kollaps der Sowjet-Union vorausgesehen, was uns große Aufmerksamkeit brachte – aber unsere Warnung vor dem Anstieg des Terrorismus wurde weitgehend ignoriert. Vor dem 11. September war Terrorismus nur eine Wolke am Horizont, und nicht ein Inferno in der Innenstadt von New York. Was wir vor einem Jahrzehnt über den Terrorismus geschrieben haben, war geradezu prophetisch:
"Ein Terrorist kann nicht durch das Anhäufen von Waffenbergen davon abgehalten werden, Massenvernichtungswaffen einzusetzen. Ein Kamikaze-Flieger, der sein Leben opfern will, nimmt darauf keine Rücksicht. Er kann davon nicht durch Abschreckung abgehalten werden. Die Logik des Terrorismus macht es für Terroristen attraktiver, eine ganze Stadt anzugreifen, als ein paar unschuldige Touristen zu töten."
"Massenvernichtungswaffen werden umso wahrscheinlicher genutzt, je größer die Zahl und kleiner der Umfang der Gruppen, die Zugang zu ihnen haben, ist. Die Verwundbarkeit von Staaten wird deshalb in den 1990ern wahrscheinlich zunehmen. Große Städte und nicht militärische Ziele werden in Gefahr sein, da sich immer effektivere Waffen in der Welt verbreiten."
Ich glaube fest daran, dass Investmentstrategien auf einem festen logischen Fundament gebaut werden sollten. Ohne dass ich irgendwelche Insider-Informationen aus Washington habe, werde ich Ihnen jetzt eine Überlegungen zur aktuellen Lage darlegen.
Bush und seine Berater sehen vielleicht nicht die Dynamik der Gefahr, die der Kampf mit einem Gegner wie den al Quaeda-Terroristen mit sich bringt. Es ist wahrscheinlich, dass die Führer der einzig verbliebenen Supermacht der Welt frustriert sind, weil sie gegen einen unsichtbaren Feind kämpfen.
Al Quaeda ist eine neue Bedrohung. Niemals zuvor hatten die USA so einen Gegner. Sogar die Piraten, mit denen Thomas Jefferson zu tun hatte, waren gewöhnliche, rationale Wesen – verglichen mit Osama bin Laden und seiner Gefolgschaft. Die Piratenstaaten von Tripolis, Tunis, Marokko und Algerien überfielen Schiffe, weil sie materiell profitieren wollten. Al Quaeda hingegen will nicht primär Geld verdienen. Wenn Bin Laden ein Mann wie der Pascha von Tripolis wäre, dann könnte man mit ihm sehr viel leichter fertig werden. Die Attacken vom 11. September wurden durchgeführt, um Amerikaner zu töten und zu verletzen, und um die Moslems weltweit zu radikalisieren – nicht aus finanziellen Gründen.
Im Gegensatz dazu waren die Maßnahmen der US-Regierung konventionell, sogar anachronistisch. Es wurde ein Krieg gegen Afghanistan gestartet. Die Administration hat auch die Bürokratie intensiviert, durch eine neue Abteilung "Department of Homeland Security". Jeder Student der Zeitgeschichte weiß, dass die Intensivierung der Kontrolle des bürokratischen Apparates eine natürliche Reaktion von Regierungen ist, die sich mit einem Problem konfrontiert sehen. Es wäre besser gewesen, wenn Bush der Öffentlichkeit mitgeteilt hätte, dass der US-Geheimdienst und das Militär einen "Quiet War" gegen den Terror führen würden, mit neuen Methoden. Das wäre besser gewesen, als zu der Mentalität des Kalten Krieges zurückzukehren.
Nationen wissen, wie sie auf Angriffe anderen Nationen reagieren können. Aber Sie wissen nicht, wie sie auf nicht-staatliche Bedrohungen reagieren können. Deshalb gibt es die Versuchung, nicht-staatliche Bedrohungen auf einen Staat umzulenken, also die sogenannten "Schurkenstaaten". Wenn es das ist, was Bush und seine Berater versuchen, dann können sie nur zeitweise Erfolg haben.
Al Quaeda und seine Anhänger wollen aber keine Staaten im militärischen Sinne erobern. Die Bush Administration aber übergeht die Schwierigkeiten, indem sie Staaten als Heimatländer des Terrorismus bezeichnet. Zuerst Afghanistan und jetzt Irak.
Amerika ist waffentechnisch jedem anderen Staat der Welt überlegen. Das bedeutet aber nicht, dass man damit die Terroristen besiegen kann. Nehmen Sie als Beispiel Israel. Die Israelis haben gegenüber den Palästinensern einen deutlichen Technologie-Vorsprung. Das verhindert nicht, dass sich fanatisierte Palästinenser zusammen mit Israelis in die Luft sprengen können.
Nehmen wir den Irak: Jedes Kind, das stirbt, hinterlässt Angehörige, die dadurch zu potenziellen Anhängern der al Quaeda werden. Es ist so offensichtlich, dass eine Invasion des Irak das Potenzial hat, die islamische Welt in Flammen zu setzen, dass es wirklich die Frage ist, was die Bush-Administration denkt.
Und Bush hat andere Sorgen: Dieses Jahr ist der Aktienmarkt das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg in drei aufeinanderfolgenden Jahren gefallen. Ich bin sicher, dass Bush und seine Berater auf einen starken Rebound in den letzten zwei Jahren ihrer Amtszeit setzen. Ich habe keinen Beweis dafür, dass Bush denkt, sein militärisches Engagement hilft der Wirtschaft und dem Aktienmarkt. Aber es ist möglich, dass er so denkt.
Das könnte erklären, warum die Bush-Administration eine Invasion des Irak so forciert.