Kriege und Imperien, Teil 3 (letzter Teil)
Martin Denholm in Baltimore in Traders Daily
vom 15. November 2005 12:00 Uhr
ENL5454
Fortsetzung von gestern:
Nach einer Reihe guter Fortschritte in Syrakus glaubte Nikias, die Menschen in der belagerten Stadt seien kurz davor, aufzugeben. Nikias verzögerte den Abschluss der Belagerungsarbeiten, die er geplant hatte, während er mit den verschiedenen Splittergruppen in der Stadt verhandelte. Das soll heißen, er vernachlässigte die Konzentration auf das militärische Prinzip, wonach man einen Vorteil ausnutzen muss. Und so hat sich diese Verzögerung auch wirklich zu seinem Nachteil ausgewirkt.
In der Zwischenzeit war ein spartanischer General namens Gylippus, der gerade erst von Alkibiades instruiert worden war, auf Sizilien angekommen, um Syrakus zu helfen. Nachdem er erfahren hatte, dass Syrakus noch nicht vollständig abgeschnitten war, versammelte er seine Truppen, ebenso wie die der sizilianischen Verbündeten und es gelang ihm, sich in die Stadt durchzuschlagen. Seine Ankunft stärkte sofort die Moral innerhalb von Syrakus. Von da an liefen die Dinge für die Athener immer schlechter. Es sah so aus, als hätte sich das Schicksal verschworen und all seine bösen Winde gegen die Athener gebündelt.
Schlimm genug, dass Lamachus in einer Schlacht getötet wurde. Dann wurde Nikias durch das Klima in Sizilien krank. Nikias schrieb der Führung in Athen und bat um Verstärkung und dass man ihn austauscht. Die Athener hatten in Sizilien ihre gesamte Führung und Kommandostruktur verloren. Die sizilianische Expedition, die zu Anfang das war, was Clausewitz als "kühnen Schlag" bezeichnete, verwandelte sich schnell nicht nur in einen Fehler, sondern sogar in einen entscheidenden Fehlschlag.
Waren die Athener einfach nicht bereit, die Situation neu einzuschätzen? Oder waren sie dazu einfach nicht in der Lage, wegen der Sturheit und Überheblichkeit ihres Charakters?
Mit Sicherheit haben sie sich die Aussicht, dass ihr Sizilienplan fehlgeschlagen sein könnte, nicht eingestanden, auch haben sie keine Vorkehrungen getroffen, das zu retten, was vielleicht noch zu retten war. Stattdessen haben die Athener eine zweite Expedition nach Syrakus geschickt, unter der Führung zweier weiterer Generäle, Eurymedon und Demosthenes, mit weiteren 73 Schiffen und 5.000 Fußsoldaten. Jetzt hatten die Athener für diese Expedition schon die Hälfte ihrer Marine aufs Spiel gesetzt und fast ein Drittel ihrer Armee. Aber wofür?
Später haben die sonst sehr besonnen Athener eine Möglichkeit zum Rückzug verstreichen lassen, nur wegen einer Mondfinsternis, die sie für ein Zeichen hielten und sich in der Nacht ereignete, in der die Athener eigentlich abziehen wollten. Der abergläubige Nikias lehnte es ab, die Segel zu setzen, bevor man nicht die verlangten 27 Tage hatte verstreichen lassen. Auf Kosten militärischer Notwendigkeiten hatte sich Nikias den Konventionen unterworfen.
Diese Verzögerung sollte sich als tödlich herausstellen. Im engen Hafenbecken von Syrakus hatten die Athener einen Nachteil und die Soldaten von Syrakus kämpften – wie zuvor die Griechen gegen die Perser in Salamis -gegen die fremden Eindringlinge für ihre Freiheit.
Die Streitkräfte in Syrakus konnten einen technischen Vorteil ausgerechnet in der Marine erlangen, indem sie die Rümpfe ihrer Schiffe verstärkten. Dadurch konnten die Schiffe aus Syrakus in dieser Enge leichter mit den athenischen Schiffen kämpfen und so gelang es der wesentlich kleinere Flotte aus Syrakus, die athenische Flotte zu schlagen und dabei General Eurymedon zu töten. Die Sieger vertäuten eine Reihe von Schiffen entlang der Hafeneinfahrt und die Athener saßen vollständig in der Falle.
Die Athener segelten wieder hinaus in den Hafen von Syrakus und versuchten, die Blockade zu zerstören, aber sie wurden in einer wütenden Schlacht auf der begrenzten Wasserfläche zurückgeschlagen. Die athenischen Krieger waren etwas verwirrt durch das Kriegsgeschrei und die Rufe ihrer sizilianischen Verbündeten, die genauso klangen wie das Kriegsgeschrei der feindlichen Streitmacht in Syrakus. Im Nebel der Schlacht verschaffte das den Gegnern einen weiteren Vorteil. Die Athener wurden geschlagen.
Demosthenes wollte die Barriere am nächsten Morgen noch einmal angreifen, weil die Athener immer noch mehr Schiffe hatten als die Marine aus Syrakus. Aber die entmutigten athenischen Segler weigerten sich, auf ihre Posten zu gehen. Die Flotte saß in der Falle, geschlagen und zerstört.
Die einzige Möglichkeit zum Rückzug war jetzt der Landweg. Es gelang General Nikias jedoch nicht, die Dringlichkeit dieser Zwangslage einzuschätzen. Er gab seinen Truppen einen Tag, die Sachen zusammenzupacken, ehe man das Camp verlassen wollte. Diese Verzögerung erlaubte dem spartanischen General Gylippus einen weiteren Schachzug; er positionierte seine Truppen an strategischen Punkten entlang der Marschroute der Athener. So musste sich die athenische Armee acht Tage lang unter dauernden Angriffen der berittenen Kavallerie aus Syrakus durchschlagen. Nachdem die Hauptmacht umzingelt war, gab sich Demosthenes geschlagen.
Die Vorhut der athenischen Armee hielt unter General Nikias noch zwei Tage durch, ehe sie von den Soldaten aus Syrakus am Assinarus Fluss im Südosten Siziliens eingeholt wurden Dort metzelte man die durstigen Athener in Scharen nieder, während sie sich auch gegenseitig in dem Versuch, an das Wasser zu kommen, überrannten.
Demosthenes und Nikias wurden sehr bald hingerichtet. Die meisten Überlebenden dieser mächtigen Expedition Athens kamen als Kriegsgefangene der Sieger in den Steinbrüchen um, in denen schreckliche Bedingungen herrschten. In einem der traurigsten Berichte der Militärgeschichte nennt Thucydides die sizilianische Expedition die "größte Errungenschaft" in der griechischen Geschichte. Aber am Ende waren sie geschlagen, heißt es. "Eine vollständige Zerstörung der Armee und der Flotte. Nur die Wenigsten kehrten je nach Hause zurück. So waren die Ereignisse auf Sizilien."
"Alles war zerstört", heißt es. Bei einem solchen Ausgang hat man wohl das Recht zu fragen, ob die Kampagne in Sizilien eine gute Strategie war, die lediglich schlecht ausgeführt wurde? Oder ob es von Anfang an eine schlechte Strategie war? Es ist zu einfach, sich nur das Ergebnis anzusehen und dann rückwärts zu argumentieren. Man muss mehr wissen. Die erste Regel, einen Krieg zu gewinnen, ist, dass man sich nicht selber zu Fall bringt.
Wir wollen also einige Fragen aufwerfen und die Prinzipien des Krieges zugrunde legen. Wenn Alkibiades Vorschlag, 60 Schiffe und eine bescheidene Anzahl Truppen nach Sizilien zu schicken, eine gute Idee war, war es dann eine "bessere" Ausführung, Nikias' Vorschlag zu übernehmen und die Streitmacht zu verdoppeln? Das ist ein Thema von Einfachheit vs. Komplexität, Masse vs. Wirtschaftlichkeit der Streitkräfte, Manöver vs. Sicherheit.
Wenn der ursprüngliche Plan vorsah, eine relativ kleine Streitmacht nach Sizilien zu schicken, um dort Verbündete zu finden und diese Verbündeten als Ansatzpunkt zu verwenden, Syrakus zu besiegen, war es dann "besser", eine größere Streitmacht hinzuschicken, die von den Ortsansässigen als eine Armee auf Eroberungsfeldzug wahrgenommen werden musste? Und was wäre passiert, wenn die Athener Alkibiades die Verunglimpfung der Götter verziehen hätten und ihn weiter im Feld gelassen hätten, anstatt ihn zurückzurufen, damit er seiner Gerichtsverhandlung beiwohnt? Das stellt einen Gegensatz dar zwischen einer Führung, die sich in der Heimat in persönliche Angelegenheiten einmischt und einer, die die Erfüllung einer Mission unterstützt.
Zu den Dingen, die man nicht vorhersehen kann, gehört die Frage, was passiert wäre, wenn Alkibiades nicht übergelaufen wäre und die Sicherheit des gesamten Plans damit gefährdet hätte? Wären die Mächte in Syrakus in der Lage gewesen, die athenischen Bemühungen abzuwehren, wenn es nicht den Verrat und das Insiderwissen des Alkibiades gegeben hätte, in Verbindung mit der fähigen Hilfe des Gylippus aus Sparta?
Und schließlich, was wäre passiert, wenn Nikias in den entscheidenden Momenten in einer Reihe von Schlachten nicht wieder und wieder gezögert hätte, wodurch er dem Gegner die Initiative überlassen hat? Hier geht es um die Frage, wann man eine Offensive ausnutzen soll, anstatt in der Defensive zu bleiben.
Wie Sun Tzu schon sagte: "Der fähige Krieger kann seine eigenen Unverletzlichkeit erreichen. Aber er kann niemals die Verletzlichkeit des Gegners bewirken." Die sizilianische Kampagne hebt eine Reihe von strategischen und taktischen Fehlern hervor, die die eigene Verletzlichkeit zur Folge hatten und schließlich zur vollständigen Zerstörung führten.
Die Nachricht von der Zerschlagung der sizilianischen Expedition hat die Athener in maßloses Erstaunen versetzt. Zuerst konnten die Leute einfach nicht glauben, dass ihre mächtigen Streitmächte eine Niederlage in einem fernen Land einstecken mussten und das auch noch durch die Hände von Leuten, die man in Athen für primitiv hielt. Hätte irgendwer damit rechnen können? Und wenn, warum hat dann niemand zugehört? Das wirft die Frage auf, wann und wie der Bote der Führung die Nachricht von der Katastrophe überbringen konnte, ganz zu schweigen davon , wie er sie unter die Leute bringen konnte. Und wie verarbeiten die Leute eine so unwillkommene Information über ein schreckliches Unglück?
Wie verarbeitet eine Nation einen Verlust in dieser Größenordnung? Als ein Beispiel: Während des Zweiten Weltkriegs vergingen mehrere Monate, ehe die Führung der imperialen japanischen Marine den Kaiser über die Verluste in Midway unterrichtete. Und nach Stalingrad sah man viele Monate lang deutsche Bürger, die schwarze Armbinden trugen.
Aber nach dem Unglück in Sizilien sah es so aus, als sei das Ende des athenischen Imperiums in greifbare Nähe gerückt. Die Schatzkammern waren fast leer, die Docks entleert, und tausende von Soldaten waren tot und unbegraben oder in Gefangenschaft, als Sklaven in einem fremden Land. War das der Anfang vom Ende?
Die Athener fürchteten zu Recht, dass die Ereignisse in Sizilien Revolten im ganzen Imperium zur Folge haben würden und bei den Spartanern zu verdoppeltem Einsatz führen könnten. In der Nähe der Heimat war schon früher, im Jahr 413 v. Chr., ein Krieg mit Sparta ausgebrochen, nachdem der spartanische König es leid war, die Überfälle auf sein Gebiet ohne Vergeltung über sich ergehen zu lassen und deswegen zum ersten Mal seit 425 v. Chr. in die landwirtschaftlichen Gebiete Athens eingefallen war.
Dieses Mal errichtete er jedoch, basierend auf einem Plan aus der Hand des Alkibiades, eine Festung mitten im athenischen Gebiet und kontrollierte so den Zugang zum athenischen Hinterland. Während des ganzen restlichen Krieges zermürbte diese spartanische Garnison die athenische Moral durch andauernde Überfälle. Diese Garnison diente auch als Zuflucht für tausende entlaufende Sklaven, was der Wirtschaft Athens großen Schaden zufügte.
Und dennoch gelang es den Athenern, noch eine Weile zu überleben. Wie ist ihnen das gelungen? Thukydides sagt es am deutlichsten: "Nach dem ersten Schreck waren sie so vorsichtig wie möglich ... der Sommer war vorbei."
Dieser Krieg zwischen Athen und Sparta dauerte noch weitere neun Jahre, ehe Sparta in der Lage war, die Marine Athens in Aegespotami zu schlagen. Bei dieser Schlacht verloren die Athener 168 Schiffe, gewissermaßen alles, was noch von ihrer Marine übrig geblieben war. Nur zwölf Schiffe entkamen.
Athen hielt ein Imperium und die dauernde Expansion löste in Sparta so große Angst aus, dass man irgendwann überzeugt war, einen Krieg anfangen zu müssen. Nach vielen Kämpfen in den eigenen Gebieten versuchten die Athener den Krieg auszuweiten, indem sie Sizilien überfallen und unterwerfen wollten, aber das stellte sich als eine schreckliche Katastrophe für die Athener heraus. Vielleicht hätte diese Katastrophe vermieden werden können. Aber die Geschichte zeigt, dass die Athener gespielt und verloren haben und dass sie große Fehler gemacht haben, als sie versuchten Sizilien zu unterwerfen.
Nach Sizilien wendeten sich die Athener wieder ihrem strategisch besten Element zu, der See. Sie kämpften tapfer noch eine Weile weiter. Aber das konnten sie nur, weil sie ihre letzte strategische Reserve, die Schiffe und Funds, aufbrauchten. Zu diesem Zeitpunkt konnten sich die Athener keine Fehler mehr leisten und noch weniger Verluste, die nicht ersetzt werden konnten.
So waren die Athener schließlich geschlagen. Konfrontiert mit Hunger und Krankheit durch eine ausgedehnte Belagerung der Landseite und im Anschluss an die Niederlage der Marine, gab Athen im Jahre 404 v. Chr. auf. Die Verbündeten ergaben sich auch bald. Die Bedingungen der Kapitulation beraubten die Athener ihrer Grenzen, ihrer Flotte und all ihres Besitzes im Ausland. Der Krieg war zu Ende. Athen war ruiniert. Die Welt und ihre Bestimmung lagen nun in den Händen anderer.