Krieg und Imperien, Teil 1
Martin Denholm in Baltimore in Traders Daily
vom 11. November 2005 12:00 Uhr
ENL5454
Im Jahr 416 v. Chr. bekämpften sich das demokratische Athen und das oligarchische Sparta bereits seit 15 Jahren. Der Krieg hatte im Jahr 431 v. Chr. begonnen, als die Spartaner das Feld in dem Versuch übernommen hatten, der imperialen Expansion Athens ein Ende zu setzten. Aber diese 15 Jahre hätten ebenso gut ein ganzes Leben sein können, denn es war eine Zeit, in der die Schmerzen kein Ende nahmen.
Diese 15 Jahre haben viele Tausende das Leben gekostet, die in Schlachten zu Land und zur See getötet wurden oder durch die todbringende Pest, die Athen 429 v. Chr. ereilte. Schlacht um Schlacht sammelten die Armeen ihre Toten ein und errichteten die traditionellen Scheiterhaufen zur Bestattung. Die Knochen der Verstorbenen kehrten in die Heimatländer zurück, wo sie in Ehrenkrypten, begleitet von großen Reden beerdigt wurden. Aber war irgendwo ein Ende in Sicht?
Die Konflikte wüteten in dem Land, das heute Griechenland ist. Das Leben war karg, selbst für die reichsten Familien. Reisen waren schwierig und natürlich auch gefährlich. Die sozialen Normen brachen zusammen. Nichts war mehr sicher. Nur noch wenige Dinge waren geheiligt. "Was haben wir getan", müssen die Leute sich gefragt haben, "In welche Falle sind wir geraten?"
Nur wenige Leute erinnerten sich an die Warnungen des spartanischen Anführers Archidamus, der von der ursprünglichen Expedition gegen die mächtigen Athener abgeraten hatte. "Ich befürchte", sagte er "dass wir diesen Krieg noch unseren Kindeskindern hinterlassen."
Damit nahm er einen Aspekt der Kriegsführung vorweg, den Carl von Clauswitz 22 Jahrhunderte später in seinem großen Werk niederschreiben würde. Archidamus sah in diesem Krieg keinen schnellen entscheidenden Sieg voraus. Und doch sind die Spartaner eingefallen.
Perikles, Führer der Athener, wollte einen Krieg mit Sparta ebenso verhindern. Aber wenn ein Krieg kommen sollte, hatte Perikles zu Vorsicht geraten und zu einer Verteidigungsstrategie. Perikles erklärte, dass die Athener bestehen könnten, wenn sie sich ruhig verhielten, sich um ihre Flotte kümmerten und Abstand nähmen von dem Versuch, ihr Imperium im Krieg auszuweiten und damit die Stadt in Gefahr zu bringen. Aber diese Strategie verließ sich darauf, dass die feindlichen Spartaner versagen würden und nicht darauf, dass die Athener einen Schritt in Richtung Sieg unternehmen würden.
Mit größter Wahrscheinlichkeit hat Perikles nie die Schriften des Militärforschers Sun Tzu gelesen, wenn er überhaupt von ihm gehört hat. Aber in Kapitel vier seines großen Werkes "die Kunst des Krieges" schreibt der chinesische Meister, dass die "Unbesiegbarkeit in der Verteidigung ruht, die Möglichkeit eines Sieges im Angriff." Es war ein großer strategischer Fehler Perikles', dass er nur die eine Hälfte dieser Gleichung bedacht hat.
Nach 15 Jahre hatte dieser Krieg schon hohe Kosten verursacht, aber es gab noch kein Ergebnis. Es war kein Punkt in Sicht, der ein Ende der Kämpfe und Feindschaften angekündigt hätte. Das ganze Blut und die Vermögen, die in die Schlachten gesteckt wurden hatten zu noch keinem fundamentalen Wandel im Machtverhältnis zwischen Athen und Sparta geführt. Der Krieg ging weiter.
Wie Clausewitz gesagt hätte: Das Gravitationszentrum der beiden Staaten blieb intakt. Sparta hatte immer noch seine mächtige Armee und die Athener beherrschten die See. Es gab keine gipfelnden Anstrengungen auf einer der beiden Seiten, keine hatte einen entscheidenden Sieg davontragen können. Die Auseinandersetzungen setzten sich an der Peripherie beider Staaten fort, weil immer neue Allianzen zum Schaden des anderen eingegangen wurden. Aber beide Seiten waren mit der entmutigenden Aussicht konfrontiert, dass der Krieg noch eine unbestimmte Anzahl von Jahren andauern könnte. Irgendetwas musste sich ändern.
Ob bewusst oder unbewusst, waren die Athener bereit, eine neue Strategie zu übernehmen. Ein Mann namens Alkibiades, ein junger und dynamischer Offizier kam mit einem kühnen Plan daher, den Krieg auf eine Weise zu verändern, die am Ende den Athenern nutzen und Sparta schwächen würde. Er schlug vor, Sizilien anzugreifen und einer Reihe kleinerer Stadtstaaten zu helfen, die spartanischen Kolonien dort anzugreifen, ganz besonders die in Syrakus. Obwohl Sizilien 1.500 Kilometer von Athen entfernt ist, war die Idee der Athener, dass es die spartanische Macht schwächen würde, wenn man Syrakus zu Fall brächte.
Der Schlachtplan Alkibades war, ein Kontingent von 60 Schiffen aus Athen und eine bescheidene Anzahl von Truppen nach Sizilien zu schicken. Einmal dort angekommen, sollten sie Bündnisse mit den sizilianischen Städten und Stämmen eingehen, bei denen man davon ausging, dass sie Athen wohl gesonnen waren. Dann wollte man, mit Hilfe dieser heimischen Gruppen, Syrakus einnehmen und die Kontrolle über die Hauptquelle für Lebensmittel und Vorräte, die nach Sparta exportiert werden gewinnen. Wenn Sizilien Teil des Bündnisses von Athen wäre, dann würde es für die Flotte Athens leichter werden, die Regionen um Sparta zu blockieren, bis man Sparta zur Unterwerfung ausgehungert hätte.
Es war ein Plan, der für Athen nur sehr geringe materielle Verluste barg und sich dennoch strategisch auszahlen könnte. Wie es weiter ging? Mehr dazu kommende Woche, hier im Trader's Daily!