Krieg und Geld
unserem Korrespondenten John Myers in Investors Daily
vom 28. August 2002 18:00 Uhr
ENL5454
"Für amerikanische Investoren ist Saudi Arabien eins der wichtigsten Länder der Welt. Es handelt sich schließlich um den größten Öl-Exporteur, der zwischen 25 und 30 % der bekannten Welt-Erdölreserven kontrolliert. Wenn Saudi Arabien niest, dann können sich die US-Börsen eine Lungenentzündung einfangen.
"For U.S. investors Saudi Arabia is one of the most important countries in the world. It is the largest oil exporter containing somewhere between 25 % and 30 % of the known world oil supply. When Saudi Arabia sneezes, U.S. investment markets catch pneumonia." (Richard J. Maybury)
Wenn es beim ersten Mal nicht klappt, probier es immer wieder. Das muss das Motto der Bush-Familie sein, da George W. sich gerade auf einen Krieg gegen Saddam Hussein vorbereitet, 12 Jahre nachdem sein Vater die irakische Armee geschlagen hatte, ihr aber den Rückzug nach Hause erlaubt und Saddam Hussein im Amt gelassen hatte.
Aber dieser Krieg wird für die USA anders sein, da er die Richtung, die die USA als "Supermacht" nehmen wird, mitbestimmt. Dieser Krieg wird bestimmen, ob Amerikas Macht weiter steigt oder fällt. Es ist abzusehen, dass das, was in den nächsten 6 Monaten passieren wird, die Investment-Märkte ziemlich stark beeinflussen wird ... und vielleicht wird dadurch auch die Inflation/Deflation-Frage beantwortet.
Meine Mutter hat immer gesagt, "Du kannst nicht zwei Vögel mit einem Stein töten." Sie hatte unrecht. Die US-Regierung hat jetzt eine Möglichkeit, sogar drei Vögel mit einem Stein zu töten – und ich wäre geschockt, wenn sie diese Möglichkeit nicht nutzt. Wenn George W. Bush die US-Truppen im Irak einmarschieren lässt, dann scheinen drei Dinge sicher zu sein: (1) Saddam Hussein wird aus dem Amt entfernt, (2) Muslims in der ganzen Welt werden ihre Meinung über die USA ändern, und (3) es wird eine kräftige Änderung der Machtverhältnisse im Mittleren Osten geben. Es geht hier nicht nur um den Versuch, den arabisch-gesponsorten Terrorismus zu vernichten, sondern es geht auch um die Kontrolle über die ölreichste Region der Welt – den Persischen Golf. Der Persische Golf hat mehr als zwei Drittel der weltweiten Öl-Reserven und die Nationen, die diese Region kontrollieren, kontrollieren gleichzeitig den zukünftigen Energiepreis und damit eine für alle Volkswirtschaften zentrale Größe. Verstehen Sie mich nicht falsch; Software ist das Gehirn des Informationszeitalters, aber Öl bleibt die Maschine.
Beispiel USA: 40 % der Energie, die von Amerikanern verbraucht wird, stellt das Erdöl – und Benzin stellt 97 % der für Transporte benötigten Energie. Für jeden erschwingliches Benzin ist eine Grundvoraussetzung für einen gesunden Automobil- und Transportmarkt.
Habe ich gesagt, dass Öl erschwinglich ist? Es mag nicht so aussehen, wenn Sie Ihren Wagen voll tanken wollen. Die Wahrheit ist jedoch, dass der inflationsbereinigte Ölpreis relativ niedrig ist. Denken Sie daran, dass der Ölpreis 1980 zeitweise 40 Dollar pro Barrel erreichte. Wenn wir die Inflation berücksichtigen, dann müssten die Ölpreise heute auf 94 Dollar steigen, um das gleiche Niveau zu repräsentieren! Das wäre ein Anstieg um mehr als 300 % von den aktuellen Preisen. Wie Sie sich vorstellen können, würde eine solche Explosion des Ölpreises die Kurse der Ölaktien durch die Decke gehen lassen.
Sind 100 Dollar pro Barrel möglich? Die kurze Antwort ist ja, WENN der Krieg gegen den Irak entweder Israel oder andere arabische Nation in den Krieg reinzwingt oder WENN die saudische Königsfamilie durch den Angriff auf den Irak von Protesten hinweggefegt wird. In diesen Szenarien könnte der Ölpreis leicht auf 100 Dollar pro Barrel steigen – die Ereignisse von 1980 (autofreier Sonntag, ...) könnten sich wiederholen. Die Kaufkraft unseres Einkommens würde Monat für Monat zurückgehen. Hinzu kommt, dass der Aktien- und besonders der Bondmarkt sich eine steigende Inflation auch nicht leisten kann.
Die Verluste bei langjährigen Festverzinslichen – die in den letzten Monaten per saldo ja sehr fest notierten – würden katastrophal sein, und könnten ausländische Investoren dazu bewegen, sich aus dem Dollar-Raum zurückzuziehen (noch aggressiver, als sie es ohnehin schon tun). Das würde weiteren Druck auf den Dollar ausüben.
Ganz bestimmt geht es also um sehr viel in diesem Spiel, dass Bush und seine Berater spielen. Bush mag zwar davon träumen, dass die US-Armee den Irak überrennen wird wie einst die Deutschen Polen per Blitzkrieg besiegten; dass Saddams Armee und sein Vorrat an chemischen Waffen genau wie er persönlich eliminiert werden; und dass stattdessen eine neue, US-freundliche Regierung im Irak an die Macht kommen wird.
Wenn dieses Szenario tatsächlich eintrifft, dann würde es wahrscheinlich zu einem deutlichen Preisrückgang beim Rohöl kommen. Der Preis pro Barrel könnte auf Jahre unter 20 Dollar bleiben. Außerdem würde ein schneller und deutlicher Sieg Amerikas militärische und finanzielle Position als einzige Supermacht der Welt auf Jahre zementieren.
Ein neuer Golf-Sieg würde nicht nur im Krieg gegen die Terroristen helfen, sondern auch die erste ökonomische Priorität der Bush-Regierung unterstützen: Sicherung von billiger und leicht verfügbarer Energie für Amerikas Zukunft.
Ein Sieg im Mittleren Osten könnte auch die US-Wirtschaft beflügeln. Kriege stimulieren die Wirtschaft schließlich, oder? Selbst der begrenzte Krieg gegen den Terrorismus hat zu einem Anstieg der Bundesausgaben in den USA geführt, was kritiklos hingenommen wird. Alles zusammengenommen, ist der Plan perfekt ... denkt die Bush-Regierung ... es ist ein genialer Plan, um den Terrorismus zu bekämpfen, die Bundesausgaben zu erhöhen und gleichzeitig den Zugang zu den Öl-Elefanten Saudi Arabien, Iran und Irak zu kontrollieren. Ein Problem gibt es allerdings. Kriege laufen selten wie geplant ab. Dieser Krieg könnte ganz anders als der von 1990 aussehen, als die USA von einer breiten Koalition auch arabischer Staaten unterstütz wurde und mit UNO-Mandat die irakischen Truppen aus Kuwait vertrieb. Abgesehen davon, dass es derzeit überhaupt keine Konsens über die Notwendigkeit des Krieges gibt, noch nicht einmal in der Bush-Administration selbst, kommt die einzige außenpolitische Unterstützung von Großbritannien. Und selbst Tony Blair zeigt sich nicht sehr erfreut. Hinzu kommt außerdem, dass sich die politische Lage am Persischen Golf geändert hat. Die saudische Königsfamilie hat immer mehr Schwierigkeiten, ihr Volk, das die USA als Feind sieht, ruhig zu halten.
Iran und Irak haben sich inzwischen angenähert, eine Generation nach ihrem blutigen Krieg. Die iranische Regierung hat die USA gewarnt, dass sie es als schweren Fehler ansehen würde, Truppen in der Region zu stationieren. Und wer weiß, was Israel machen wird ... sie sind heute viel unberechenbarer als 1990. Man muss kein Experte sein, um festzustellen, dass die Region ein Pulverfass ist, eins das sehr leicht explodieren könnte – und die Ölpreise würden durch die Decke gehen.
Auf jeden Fall profitieren die nordamerikanischen Ölgesellschaften mit ihren riesigen Ölreserven pro Aktie vom explosiven Potenzial dieses Marktes. Praktisch, oder? John Myers