Korrekturen nutzen ...
Martin Weiss in Investors Daily
vom 17. März 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Mitte letzter Woche unterschritt der deutsche Blue-Chip Index Dax zwischenzeitlich die 2200-Punkte-Marke. Seit den Iden des März 2000 stellten sich Verluste von knapp 75 % ein! Wahrlich, eine gigantische Kapitalvernichtung, die historisch in der Dramatik nahezu einzigartig ist. Momentan werden angesichts der extrem brisanten Entwicklung selbst in den Massenmedien die 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts als Vergleichsmuster herangezogen. Von einem "goldy-lock-Szenario" spricht niemand mehr. Im Gegenteil, selbst ehemals optimistische Auguren sind sehr vorsichtig und zurückhaltend gestimmt, was die künftige Entwicklung angeht.
Denn nicht nur an den Kapitalmärkten, sondern auch in der ökonomischen und politischen Wirklichkeit ist das von einigen weisen Köpfen bereits vor Jahren vorhergesagte "Ende der Spaßgesellschaft" mehr denn je sichtbar. Jüngstes Beispiel hierfür ist die Regierungserklärung des deutschen Kanzlers, der herbe Einschnitte ins Sozialsystem ankündigte. Auch die hohe Politik scheint nunmehr die Folgen des Salami-Crashs an den Aktienmärken begriffen zu haben. Denn angesichts einer gigantischen Kapitalvernichtung von rund 700 Milliarden Euro allein in Deutschland in den letzten drei Jahren ist es gewiß keine große Überraschung, daß Investitionen und Konsumausgaben drastisch zurückgingen.
Ja, 700 Milliarden Euro, knapp die Hälfte des Volkseinkommens der Deutschen sind buchstäblich "verbrannt". Diese Baisse ist wahrlich mehr als eine bloße Korrektur vorheriger Übertreibungen nach oben. Oder, wie es ein kluger technischer Analyst erst jüngst pointierte, deutet dieser gewaltige Niedergang von Aktien von Unternehmen, die Produkte wie Aspirin weltweit vertreiben, auf kommende "tiefe realwirtschaftliche Einschnitte" hin. Anders formuliert, die Talfahrt an den Märkten wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch mit gewisser Zeitverzögerung in der Lebenswirklichkeit der Menschen widerspiegeln. Unabänderlich, schlechterdings unvermeidbar. Wie geht es weiter?
Sowohl fundamental als auch charttechnisch ist eine Trendwende, ein Ende der Jahrhundert-Baisse nicht zu erkennen. Zwar setzten am Mittwoch, angeführt von den amerikanischen Börsen die Märkte zu einer heftigen Aufwärtsbewegung, die bei einzelnen Dax-Werten zu bisweilen zweistelligen prozentualen Kursgewinnen führten, an, jedoch ist diese Rallye wiederum nur als technisch bedingte Korrektur innerhalb des vollkommen intakten Abwärtstrends zu sehen. Also, selbst wenn diese Aufwärtsbewegung auch noch im Zuge des möglicherweise bald beginnenden Irak-Krieges länger anhalten sollte, nutzen sie diese Gelegenheit, ihre Restpositionen endgültig zu "versilbern".
Denn realwirtschaftlich rückt eine Erholung in immer weitere Ferne. Das Verbrauchervertrauen in den USA ist nunmehr auf den tiefsten Stand seit Oktober 1992 gefallen. Und dieses "Mißtrauen" läßt sich auch immer mehr an diversen Wirtschaftsdaten festmachen, seien es fallende Autoabsätze, rückläufige Einzelhandelsumsätze oder eine stagnierende Industrieproduktion. Zudem ist die Bewertung der breiten amerikanischen Märkte im historischen Kontext alles andere als wirklich "günstig".
Eine durchschnittliche Dividendenverzinsung im S+P 500 von unter 2 % ist vor dem Hintergrund der gewaltigen Risiken, auch in geopolitischer Hinsicht, alles andere als verlockend. Zwar locken mittlerweile einige Dax-Firmen wie Tui oder Bayer für das Jahr 2002 mit relativ hohen Ausschüttungen, aber die Frage der Fragen bleibt: Können die Unternehmen auch in den Folgejahren ihre Dividenden stabil halten, oder müssen sie angesichts der sich rasant verschlechternden wirtschaftlichen und sonstigen (siehe bei Bayer die Klagerisiken) Rahmenbedingungen diese drastisch kürzen?!
Am Rande sei erwähnt, daß das sogenannte "Krisenmetall" Gold in jüngster Vergangenheit ebenfalls zur Korrektur ansetzte, jedoch zur Korrektur im Aufwärtstrend. Zudem ist der aktuelle Preis des Goldes, in Euro bewertet, wahrlich keine "irrationale Übertreibung"! Auch diese Chance gilt es zur langfristigen Vermögenssicherung zu nutzen.