Kopfkorsett
Axel Retz in DAX Daily
vom 13. Juli 2006 08:30 Uhr
ENL5454
Weniger als mehr und mehr als weniger erscheinen zu lassen, war die Aufgabe des Korsetts, das vermutlich Anfang des 16. Jahrhunderts erfunden wurde. Welche Körperpassagen dabei zugunsten welch anderer qequetscht und geklemmt wurden, richtete sich nach dem gerade durch die Köpfe wehenden Zeitgeist. Zu Beginn war es die weibliche Oberweite, die platt gemacht werden musste, später eiferte die Damenwelt der Form der hocherotischen Form der Eieruhr nach. Mit einem Taillenumfang von 28 cm schaffte es Cathy Jung aus Old Mystic in den USA ins Guinness Buch der Rekorde.
Dass Medizinier schon relativ früh vor möglichen Organschäden und Skelettverformungen warnten, irritierte übrigens wenig. Im Gegenteil: Durch eine schon in der Kindheit begonnene Schnürpressung hoffte die Dame von Welt, Haken und Ösen im weiteren Lebensverlauf leichter handhaben zu können.
Kopfkorsette sind in der Historie nicht beschrieben. Vermutlich weil ihre Anwendung gerade diejenigen Gehirnteile abschnürte, die zu ihrem Erkennen Wesentliches hätten beitragen können.
Letztgenannte Kleidungsstücke gelten bisweilen auf dem Börsenparkett unter avantgardistischen Anlegern als dernière crie. Richtig in Mode waren Sie zuletzt zu Zeiten der New Economy. Auch hier wurde aus weniger (bisweilen sogar aus buchstäblich nichts) mehr, und aus viel wenig gemacht. Bis das Korsettchen dann platzte und die Dinge wieder in ihre natürliche ökonomische Form zurückschnellten.
Heute sind wir von einer derartigen Mode glücklicherweise weit entfernt. Zumindest glauben das die Meisten. In der Klemme sitzen allerdings die Notenbanken. Der Ölpreis kletterte in der vergangenen Nacht wieder über die Marke von 75 US-Dollar/barrel, die Kurse vieler Industriemetalle streben in Richtung neuer Hochs.
Begleitet von nicht zum Verstummen zu bringenden Kommentaren über die Schädlichkeit eines hohen Ölpreises für die Aktienmärkte liefen Ölpreis und Dax während der letzten drei Jahre in bester Einmütigkeit gemeinsam nach oben. Dass das nicht so ganz der „natürlichen ökonomischen Form" entsprechen kann, liegt auf der Hand. Und sollte der Ölpreis demnächst auf 85 US-Dollar oder höher ansteigen, wird es für die Börsen eng!
