Konventionen
Bill Bonner in Investors Daily
vom 15. September 2005 18:00 Uhr
ENL5462
Ich frage mich, warum der Dollar nicht fiel, warum die Aktien weiterhin oben sind und wie es sein kann, dass die Leute immer noch Vertrauen in die amerikanische Wirtschaft haben, obwohl sie doch jeden Tag Geld verliert und keine Rücklagen hat, auf die sie zurückgreifen kann.
Ich glaube, dass ich feststellen kann, an welcher Stelle in einem finanziellen (oder sogar in einem imperialen) Zyklus wir uns gerade befinden, indem ich die Täuschungen unter den Teilnehmern untersuche. Im Monat Juli lagen die privaten Sparraten in Amerika im negativen Bereich bei 0,6 Prozent. In siebzig Jahren ist die Rate nicht so niedrig ausgefallen. Zum letzten Mal ist das während der großen Depression passiert, als die Amerikaner das Gefühl hatten mit dem Rücken zur Wand zu stehen; damals mussten sie auf ihre Ersparnisse zurückgreifen um sich halten zu können.
Heute greifen sie nicht mehr auf die Ersparnisse zurück, stattdessen laufen sie bei jedem Notfall zu den Menschen im Ausland und bitten um einen Kredit. Zwei Nationen kontrollieren effektiv den Kredit der Welt. Deutschland und Japan. Diese beiden teilen sich fast die Hälfte der überschüssigen Ersparnisse der Welt. Wenn sie jemals aufhörten, Amerika Geld zu leihen, dann würde sich die amerikanische Wirtschaft sehr schnell verändern.
Die Kosten, die Katrina verursacht hat, werden auf 120 Milliarden Dollar oder mehr geschätzt. Der Kongress hat bereits zusätzliche Ausgaben von 62 Milliarden Dollar bewilligt. Aber weder die amerikanische Regierung noch die Bürger hatten Geld für so einen düsteren Tag zurückgelegt, sie sind gezwungen, Geld zu leihen, um das Dach zu reparieren.
Was lässt die Menschen aus dem Ausland glauben, dass sie ihr Geld zurückbekommen? Amerika ist schon heute der größte Schuldner der Welt. Und ist eigentlich auch schon insolvent. Summiert man sämtliche Schulden und die finanziellen Verpflichtungen der Regierung und der Privatleute, dann übersteigen sie den Wert des gesamten Landes und aller Dinge, die sich darin befinden.
Warum verkaufen diese Menschen den Dollar nicht viel eher, als dass sie ihn kaufen? Die funktionieren nicht wirklich basierend auf harten, vernünftigen Berechnungen. Stattdessen reagieren sie auf Symbole, Gefühle, Täuschungen und Konventionen.
Die gesamte Welt scheint von den hauchdünnen Fäden der Konventionen zusammen gehalten zu werden. Man glaubt, dass man etwas besitzt, aber es ist nur eine Konvention, die einen zum Besitzer macht. Das heißt, es funktioniert nur so lange, andere auch bereit sind, bei dem Programm mitzumachen. So kommt man vielleicht eines Nachts nach Hause und stellt fest, dass dort eine andere Familie ist. Wie könnte man sie wieder rausbekommen, wenn es nicht ein riesiges Netzwerk der Konventionen gäbe? Man kann die Polizei rufen, einen Rechtsanwalt, und irgendwann vor Gericht gehen. Sie könnten aber ebenso gut beschließen, dass ein anderer der Besitzer ist oder, wie in den kommunistischen Ländern, dass es kein privates Eigentum geben darf.
Von Diktatoren sagt man, dass sie ihre Nationen mit brutaler Gewalt regieren. Aber welcher Diktator hat genügend brutale Gewalt zur Verfügung, gegen eine gesamte Nation anzukommen? Vielmehr muss er sich auf ein ganzes Netzwerk von Konventionen verlassen: Eine Armee, die bereit ist, ihn zu unterstützen, Geschäftgruppen, Kreditgeber, religiöse Gruppen und die Arbeiter. Ein großer Anteil der Gesellschaft muss bereit sein, zu dem Programm zu stehen, denn sonst wird es nicht funktionieren.
Könige, Kaiser und Zaren sind alle von den Konventionen abhängig, die sie umgeben. Dschingis Khan hat vielleicht eines der größten Kaiserreiche der Welt regiert, aber er hätte nicht einmal sein eigenes Zelt regieren können, wenn sich seine Leibwächter gegen ihn gestellt hätten. Das gilt auch für die Geschäftsführer. Ein Vorstand oder ein Feldmarschall kann vielleicht einen Befehl geben, aber die Untergebenen könnten ihn natürlich auch immer ignorieren, wenn sie das wollten. Fabrikarbeiter könnten sich dazu entschließen, einen Tag frei zu nehmen. Soldaten könnten sich gegen ihre Kommandeure wenden (und tun es manchmal auch) und sie erschießen. Wenn sich die Leute wirklich in einem Augenblick entschließen, sich den Konventionen entgegen zu stellen, dann ist das ganze Spiel vorbei.
Amerikas Fantasiewirtschaft wird durch solche Konventionen geschützt. Und auch der Dollar. Gestern ist er noch was wert gewesen; die Leute erwarten, dass er morgen höchstens ein bisschen weniger wert ist. Es ist immer noch imperiales Geld, die Reservewährung der Welt. Aber wer kümmert sich um die Grundlagen? Und so muss auch der Dollar seinen Lauf nehmen, bis zu seinem bitteren Ende.
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