„Know How“: Basiswert Zucker
Michael Vaupel in Traders Daily zum Thema Rohstoffe
vom 15. September 2008, 12:00 Uhr
ENL5454
Zu Wochenbeginn - ganz profan - mit grundlegendem Wissen zu einem schönen Rohstoff, nämlich Zucker. Wenn Sie selber Rohstoff-Trader sind, dann wissen Sie wahrscheinlich Bescheid und können diesen Beitrag natürlich überspringen. Für alle anderen gilt - lesen. Los gehts:
Zucker: Das Angebot
Die weltweite Zuckerproduktion ist seit dem Jahrtausendwechsel per saldo gewachsen - einen linearen, eindeutigen Trend gibt es jedoch nicht. Für die Sprunghaftigkeit ist zu einem großen Teil der große Zuckerproduzent Indien verantwortlich, denn dort ist die jährliche Zuckerproduktion nach wie vor davon abhängig, wie der Monsun ausfällt. In diesem Bereich ist der Mensch noch von den Naturgewalten abhängig. Dieser Einfluss Indiens zeigte sich besonders im Erntejahr 2005, als aufgrund einer für Zucker schlechten Monsun-Saison die indische Zuckerproduktion um 30,2% einbrach. Statt 22,14 Mio. Tonnen Zucker wie in der vorigen Saison produzierte Indien in diesem Erntejahr nur 15,45 Mio. Tonnen. Auch sonst ist Indien ein Zuckerproduzent mit sehr schwankender Zuckerernte.
Weltweit sind fünf Produzentenländer für gut die Hälfte der Zuckerproduktion der Welt verantwortlich
Diese fünf Zucker-Riesen sind: Brasilien (mindest. 20% der Weltproduktion, die Europäische Union (etwa 11%), Indien (ebenfalls um die 11%), China (ca. 7,5%), und die USA (ca. 5,5%). Auf alle anderen Staaten der Erde verteilt sich die andere Hälfte. Kuba mit seinen Zuckerrohr-Plantagen kommt auf weniger als 2% der Weltproduktion.
Die Nachfrage: Faktor Ethanol
Zentral ist hier der Zucker-Riese Brasilien. Dieses Land hat zwar seine Zuckerproduktion gesteigert und wird sie meiner Einschätzung nach weiter steigern - aber das bedeutet nicht, dass auch tatsächlich mehr Zucker auf den Weltmarkt kommt. Ganz im Gegenteil: Denn Brasilien verwendet mindestens die Hälfte seiner Zuckerernte dafür, um Ethanol herzustellen. Dadurch sinken die brasilianischen Exporte von Zucker, obwohl die Zuckerernte Brasiliens insgesamt steigt.
Zucker - das ist eine klar erkennbare Entwicklung:
In den 1950ern exportierte Brasilien den gesamten Zucker, der nicht im eigenen Land verbraucht wurde. Dann steckte Brasilien die Hälfte der überschüssigen Zuckerproduktion in die Ethanol-Produktion.
Und mittlerweile steckt Brasilien bereits rund die Hälfte seiner gesamten Zucker-Ernten in die Herstellung von Ethanol.
Die Ethanol-Produktion wird besonders bei steigendem Erdölpreis laufend attraktiver werden, so dass es im Extremfall theoretisch sogar dazu kommen könnte, dass Brasilien fast seine komplette Zucker-Ernte in die Ethanol-Produktion steckt.
Genau daher kommt die Phantasie beim Zuckerpreis: Da ein immer großer werdender Anteil der weltweiten Zucker-Ernte in die Ethanol-Produktion gesteckt wird, fehlt dieser Zucker auf dem Weltmarkt. Trotz steigender Zucker-Ernten kann das Zucker-Angebot so zurückgehen.
Lesen Sie Meldungen über gute Zucker-Ernten vor diesem Hintergrund. Die boomende Ethanol-Produktion ist ein für den Zuckerpreis sehr bullisher Faktor - umso mehr, als der Zuckerpreis noch relativ günstig ist. Er könnte sich verdoppeln, und würde immer noch weit unter historischen Höchstständen stehen. Wichtig ist natürlich auch die Angebot-Seite, und da könnte es in diesem Jahr Indien sein, dass über „Bullenmarkt oder nicht" bei Zucker entscheidet.
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Woche,
Ihr
Michael Vaupel