Kleines Lexikon der Konjunkturdaten
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 10. Mai 2006 07:30 Uhr
ENL5454
Liebe Leser, in diesem Bereich finden Sie immer Montags eine Vorschau auf diejenigen Konjunkturdaten, die wirklich für die Börsen relevant sein werden. Diese werden von mir, sobald sie auf dem Tisch liegen, ausführlich erklärt und deren Bedeutung kommentiert. An Tagen ohne bedeutsame Daten finden Sie hier jeweils eine Erläuterung interessanter Konjunkturdaten, können sich also letztlich so ein kleines "Konjunkturdaten-Lexikon" zusammenstellen.
Die US-Einzelhandelsumsätze
Nachdem heute Abend um 20:15 das Statement der US-Notenbank nach ihrer regelmäßigen, alle sechs Wochen stattfindenden Zinssitzung veröffentlicht wird, werden sich die Augen der Marktteilnehmer der Aktien- und Anleihemärkte weltweit gespannt auf die US-Einzelhandelsumsätze für April richten, die morgen um 14:30 Uhr unserer Zeit als erste wichtige Konjunkturzahl nach dem Notenbank-Statement auf den Tisch kommt.
Warum sind diese Daten so wichtig? Der Einzelhandel ist Amerikas Konjunkturmotor. Der größte Teil des Bruttoinlandsprodukts wird durch den Einzelhandel generiert. Stottert dieser Motor also, wackelt die gesamte US-Konjunktur und in der Folge – da es die größte Volkswirtschaft der Welt ist – hat dies Auswirkungen auf die Konjunkturentwicklung weltweit.
Für die morgigen April-Daten wird eine Steigerung gegenüber dem Vormonat von 0,8-0,9% erwartet – in der Gesamtzahl. Wichtiger ist hierbei aber die so genannte „Kernrate“. Hier werden die stark schwankenden Umsätze für Kraftfahrzeuge herausgerechnet, so dass diese Zahl ein klareres Bild vermittelt. Die Erwartung in der Kernrate lautet auf +0,9-1,1%. Grundsätzlich gilt nun:
Je besser diese Daten ausfallen, desto besser für die Wirtschaft. Steigende Umsätze bedeuten in der Folge steigende Unternehmensgewinne. Und wenn diese steigen, ist das auch gut für die Aktienkurse. Eine einfache Logik. Nur wird sie nicht immer angewendet, da Börsianer gerne um zwei Ecken denken. Denn:
Umgekehrt wird auch ein Schuh daraus!
Läuft die Wirtschaft zu gut, besteht Inflationsgefahr. Denn bei sehr hoher Nachfrage lassen sich die Preise leicht erhöhen, sprich es tritt Inflation auf. Es ist eine der Aufgaben der US-Notenbank, Inflation entgegen zu wirken, und dies kann sie nur tun, indem sie die Zinsen erhöht. Denn so werden Investitionen für die Unternehmer teurer und hält sie davon ab, ihre Produktionskapazitäten zu weit auszubauen bzw. die Produktion zu sehr zu steigern.
Damit wird also ein zu schnelles Wachstum gebremst. Gut so, die Inflation bleibt im Zaum. Das bedeutet aber in der Konsequenz, dass die Unternehmensumsätze nicht weiter stark steigen können und so den Gewinnsteigerungen der Unternehmen ein Deckel aufgesetzt wird. Und das ist wiederum nicht gut für die Aktienkurse! Sie sehen: Über den Erwartungen ausfallende Daten können morgen genauso für steigende wie für fallende Aktienmärkte sorgen. Gleiches gilt für unter den Prognosen liegende Zahlen. Es kommt immer darauf an, welche Sichtweise bei den Marktteilnehmern vorherrscht. Und diese wird vor allem davon geprägt sein, wie das Statement der US-Notenbank heute abend ausfällt.
Sie sehen: Das Ganze ist kompliziert, aber auch immens spannend. Morgen werde ich Ihnen ausschließlich diese drei Elemente in Beziehung setzen: Das Notenbank-Statement, die Einzelhandelsumsätze und beider Auswirkungen auf die Märkte ... denn das wird für Bewegung sorgen!