Kindleberger und die Theorie von Manie, Panik und Crash!
Miriam Kraus in Rohstoff Daily zum Thema Rohstoffe
vom 4. November 2008, 20:00 Uhr
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Liebe Leser,
heute möchte ich damit beginnen, mich einigen Theorien bekannter Ökonomen zu widmen um im Verlauf einer kurzen und heute beginnenden Daily-Reihe meine Schlüsse für die aktuelle Situation an den Finanzmärkten und auch insbesondere für die Entwicklung der Rohstoffmärkte aufzuzeigen.
Obwohl, wie ich zugeben muss, mein Lieblingsökonom nach wie vor Benjamin Graham ist (Lehrer der lebenden Investment-Legende Warren Buffett), dessen manisch-depressiven Mr. Market ich vor allen anderen als Metapher für die Märkte bald täglich wahrnehme, möchte ich mich heute ausschließlich Charles P. Kindlebergers Theorien widmen. Wobei ich vereinfacht gesprochen den bipolaren Mr. Market rudimentär auch in Kindlebergers Theorien wieder entdecken zu vermag. (Meine Sichtweise!) Abgesehen davon ähneln sich gute Theorien sowieso!
Und da ich Mr. Market bereits mehrmals in den letzten Monaten im Daily verwendet und erwähnt habe, geht's nun los mit Kindleberger:
Kurz zu seiner Biografie...Charles P. Kindleberger (Jahrgang 1910) verfasste zu seinen Lebzeiten mehr als 30 Bücher. Der Ökonom wurde unter anderem bekannt für die hegemonische Stabilitätstheorie. Für mich interessant ist aber vor allen Dingen das Buch mit dem Titel Manias, Panics and Crashes". Die Erstauflage ist von 1978 und beschäftig sich - salopp gesagt - mit Finanzkrisen. Das Buch wurde im Jahr 2000 nach der Dotcom-Blase neu aufgelegt. Die neueste Version stammt aus dem Jahr 2004, dabei zum Teil allerdings aus der Feder von Robert Aliber, da Kindleberger im Jahr 2003 verstarb.
Gut, sie sehen schon worauf ich mal wieder in erster Linie heraus will: auf die gegenwärtig Finanzkrise. Vielleicht haben Sie Manias, Panics and Crashes sowieso schon gelesen. Das Buch erfreut sich gegenwärtig natürlich wieder wachsender Beliebtheit.
Kindleberger verfasst in dem Buch praktisch eine 400 Jahre währende Geschichte an Finanzkrisen. Angefangen bei der Tulpenkrise im Jahr 1636, über die Mississippi-und South-Sea-Bubbles, die Aktienmarktblase in den USA 1927-29, die Japan-Krise in den 90ern, bis hin zur Asienkrise 1997 und der Dotcom- oder New Economy- Blase.
Zentrale Aussagen
Meiner Meinung nach gilt es zwei zentrale Aussagen aus Kindlebergers Überlegungen zu ziehen.
1. Krisen sind typisch für eine Volkswirtschaft
Kindleberger zeigt auf, dass es im Laufe der Geschichte des modernen Zeitalters immer wieder zu Wirtschaftskrisen aufgrund platzender Blasen gekommen ist.
Und dies immer wieder aus den gleichen Gründen, oder besser gesagt, in der gleichen Art und Weise. Die Geschichte lehrt, dass eine Art Krisenkreislauf sich immer wieder aufs Neue wiederholt.
Am Anfang einer Krise steht immer billiges Geld. D.h. die leichte Vergabe von Krediten führt dann zu einem Aufschwung (Konjunktur und Aktienmärkte steigen). Dabei wird Wohlstand generiert. Dieser führt dann dazu, dass sich der Hang zu Spekulationen erhöht. (Renditen sind gefragt; Investoren wollen mit aller Macht ihr Geld loswerden /anlegen). Schließlich entsteht eine neue Blase. Diese platzt schlussendlich und die Krise ist da. Dann geht der Kreislauf mit billigem Geld wieder von vorne los.
Sie sehen schon worauf ich hinaus will. Die gegenwärtige Krise ist perfekt beschrieben. Vereinfacht ausgedrückt: günstige Kredite führten zur Immobilienblase, deren Platzen schließlich die - ich nenne es einmal so - Bankenblase zum Platzen brachte. Und nun stehen wir wieder in Phase 1 - die Zentralbanken sorgen gegenwärtig weltweit für billiges Geld. (ohne vorgreifen zu wollen, an diesem Punkt geht es morgen mit der Geldmenge weiter, worauf wir wieder zu den Rohstoffen kommen)
Sie mögen sich erinnern: ich habe bereits im September - wenn auch zugegebenermaßen etwas früh - darüber geschrieben, dass auf eine geplatzte Blase immer auch wieder eine neue Blase folgen wird. Dies ist eine Erkenntnis, die mir so auch das Krankheitsbild des bipolaren Mr. Market liefert. Und so bin ich auch weiterhin zuversichtlich, dass dies früher oder später geschehen wird. Die Frage ist nur wann, oder besser gefragt, wann wird sich die realwirtschaftliche Abkühlung wieder umkehren?! Natürlich kann ich die Frage auch nicht konkret beantworten, aber vielleicht ist es schon im zweiten Quartal des nächsten Jahres so weit. Wir werden sehen...
...doch nun zur zweiten zentralen Aussage:
2. Neue Blasen sind direkte Auswirkungen der zuvor geplatzten Blasen
Kindleberger bezieht sich dabei auf die Asienkrise, ebenso wie auf die Dotcom-Bubble und benennt beide als direkte Folgen der Japan-Krise.
Ich möchte hierbei einen Schritt weitergehen und sagen: er hat Recht. Und zwar trifft die Erkenntnis, die Kindleberger aus den Krisen der 90er gewonnen hat meiner Meinung nach wohl auf so gut wie alle Blasen zu. Nur, dass mittlerweile die Zeitabstände zwischen den einzelnen Krisen/Blasen immer geringer werden.
Wiederum eine Erkenntnis, die mir das Krankheitsbild des bipolaren Mr. Market liefert. Denn bei dieser Krankheit ist es ähnlich: je weiter die Krankheit fortschreitet, desto schneller wechseln sich manische und depressive Phasen ab.
Jetzt wird auch deutlich, warum immer wieder die Schuld" an unserer gegenwärtigen Blase/Krise auf Alan Greenspans Schultern landet. Ihm wird vorgeworfen, durch seine lasche Zinspolitik, sowie seinen unbedingten Glauben an einen freien und vollkommen unregulierten Markt erst die neue Blase (Immobilien und Derivate) zur Entstehung gebracht zu haben.
Und heute? Heute tritt Ben in die gleichen Fußstapfen - gezwungenermaßen wie man allerdings fairer Weise zugeben muss. Denn Ben und seine FED, haben ebenso wie die anderen Zentralbanken keine Wahl, wenn sie neben dem schlimmen, das schlimmste verhindern wollen.