"Kill Trades" - Tod für Ihr Portfolio
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 14. November 2008, 16:00 Uhr
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Liebe Leser,
am Mittwoch stellte ich Ihnen kurz drei fundamentale Trends vor, die ich aktuell sehe. Dieses Thema greife ich heute im zweiten Artikel dieses Newsletters nochmals auf.
Zunächst möchte ich jedoch auf einen anderen Punkt eingehen, sog. "Kill Trades". Gerade in der aktuellen Marktlage, in der viele Anleger sehr viel Geld verloren haben, steigt natürlich die Versuchung, sich das, was einem "zusteht" (oder besser: was manch einer meint, dass es einem zusteht) zurückzuholen. Oft wird hierbei die Hoffnung auf einen einzigen Wert gelegt und sämtliche Formen vernünftigen Risikomanagements über Bord geworfen. Vor solchen Kurzschluss-Reaktionen kann ich Sie eigentlich gar nicht genug warnen! Dieser Artikel ist auch nicht als "Besserwisserei" gemeint, sondern einfach eine Sammlung von Tipps und Ratschlägen bei verlockenden Versuchungen, die meist langfristig Ihrem Portfolio so gut wie nie gut tun.
Die folgende Passage stammt aus einem Artikel, den ich vor Monaten für eine Einführungsserie zu meinem eigenen Börsendienst, den ich damals führte, schrieb:
Hand aufs Herz. Kennen Sie das nicht? Sie haben diese wunderbare Aktie gekauft und sind der festen Überzeugung, das wird der nächste Tausendprozenter! Damit sich auch ordentlich Kapital vermehrt, haben Sie einen ansehnlichen Betrag investiert, denn schließlich sind Sie sich ja sicher, die Sache wird erfolgreich.
Doch halten wir hier einen Moment inne. Was tun Sie denn hier wirklich? Und worauf kommt es denn eigentlich beim Traden an? Wenn Sie schon einiges an Literatur zum Thema gelesen haben bzw. etwas Erfahrung haben, dann kennen Sie sicher die Regel:
Kapitalerhalt geht vor Kapitalaufbau
Wir wollen also nicht in erster Linie gewinnen, sondern wir wollen nicht verlieren. Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist nicht, „Wo gibt es möglichst viel zu holen?", sondern „Wo gibt es möglichst viel zu holen, ohne uns einem großem Risiko auszusetzen?" bzw. „Rentiert sich die Gewinnaussicht, wenn ich mir damit ein noch größeres Risiko einhandele?" In obigen Beispiel sprechen wir von dem Versuch eines sogenannten „Kill Trades". Ziel solcher Aktionen ist es (meist als letztes Mittel), massive Gewinne um jeden Preis zu erzielen. Meist wird ein Trader aber erst zu solchen gefährlichen Aktionen verleitet, wenn vorher schon einiges schief gelaufen ist. Der „Kill-Trade" soll retten, was zu retten ist. Natürlich gelingt er in der Regel nicht und wird dem Trader dann zum finanziellen Verhängnis.
Ist ein Kill-Trade also alleine schon deswegen abzulehnen, weil er oft schief läuft? Sind Trader, die nicht nach solch massiven Gewinnen jagen, dann also feige oder schneiden schlechter ab? Mit Nichten.
Zunächst einmal möchte ich ein paar Punkte auflisten, weshalb ich einen Kill-Trade für absolut unprofessionell und indiskutabel halte:
--> Ein Kill-Trade verstößt gegen die Prinzipien des Money-Managements, d.h. wer zu viel auf einmal setzt und verliert, wird handlungsunfähig. Das ist faktisch das Ende eines Traders, wenn nicht mehr flexibel agiert werden kann. Ein typischer Anfängerfehler.
--> Kill-Trades geschehen aus Gier und Emotionalität. Ein professioneller Anleger lässt sich niemals von Emotionen leiten sondern von den Fakten, die ihm sein eigener Analyseansatz liefert. Sollten Sie einen Berater haben, der in seinen Entscheidungen sichtbar emotional agiert, rate ich Ihnen, die Person rasch durch eine kompetentere zu ersetzen. Sollten Sie einen Börsenbrief abonnieren, der Ihnen zu einem Kill-Trade rät oder übertrieben emotionsgesteuert agiert, bestellen Sie ihn am besten ab und investieren Sie das Geld sinnvoll anderweitig. Panik ist nichts für eine vernünftige Anlage an der Börse. Ich ziehe es vor, von solchen emotionalen Schwächen anderer zu profitieren.
--> Ein Kill-Trade widerspricht allen vernünftigen Konzepten des Risikomanagements.
Auch wenn dieser Artikel, aus dem diese Passage stammt, bereits mehr als ein halbes Jahr alt ist, so sind viele dieser Punkte wohl gerade aktuell brandgefährlich. "Aktien sind billig" höre ich immer wieder in den Medien. Warum nicht zuschlagen?
Wer aber fragt, ob die gängigen Bewertungsmaßstäbe der Krise, welche sich hier gerade erst in der Realwirtschaft entfaltet, gerecht werden? Hierzu höre ich nur sehr wenige Stimmen.
Ein paar typische Kill-Trade-Szenarien:
1) Immer wieder "verbilligen" von Verlustpositionen ("Diesmal geht es jetzt aber hoch! Es muss doch!"... Oder auch nicht)
2) Zu hohes Investment (gemessen am eigenen Portfolio oder gar am eigenen Gesamtkapital) in dieses "kleine, unbekannte Unternehmen", das mit seiner Erfindung die Welt historisch verändern bzw. erobern wird. In 99% der Fällen wird die Welt nur in einem Punkt geändert, nämlich im Bereich des Nettovermögens der Anleger in solche Buden, wenn dieses sich in Luft auflöst. Zum "Spielen" oder als "I-Tüpfelchen" in der eigenen Anlagestrategie mögen solche Dinge ja interessant sein, doch ein Überinvestment in solche Werte ist kein Vermögensaufbau sondern Zockerei, die genauso gut in der Spielothek am Automaten durchgeführt werden kann. Wenn Sie Ihr Geld massenhaft reingesteckt haben, kann ich nur empfehlen, das Zeug abzuladen und das Geld in vernünftigen Anlagen zu parken.
3) Übermäßige Zockerei mit Hebelprodukten ("Durch CFDs vom Sozialamt zum Millionär in drei Minuten", unrealistische oder gar abstruse Hebelprodukt-Spekulationen, K.O-Zertifikate-Sucht, weit aus dem Geld liegende Optionsschein-Kurzläufer, und vieles mehr).
In solch einem Fall kann ich nur empfehlen, hart zu sich selbst zu sein. Geben Sie sich notfalls Trading-Verbot und arbeiten Sie an der eigenen Disziplin. Ihr Portfolio wird es Ihnen danken.