Keine Angst vor Optionen (Teil 1 von 10)
Alexander Hahn in Investoren Wissen zum Thema Derivate & Hebelprodukte
vom 8. Oktober 2008, 16:00 Uhr
ENL5454
Liebe Leser,
Sie werden sich vielleicht fragen, warum ich mit dem augenscheinlich schwierigsten Thema, nämlich Optionen, beginne und nicht auf "einfachere" Instrumente zurückgreife. Gäbe es keine Optionen, könnten Sie keine Warrants, also Optionsscheine, handeln. Auch die Welt der Zertifikate wäre sicherlich überschaubarer; Optionen, in Deutschland leider nicht weit verbreitet (und oft mit Optionsscheinen verwechselt), stellen einen großen Teil des Fundaments der Emittenten von Optionsscheinen und Zertifikaten dar.
Was ist eine Option?
Eine Option ist nichts anderes als ein Wettvertrag, den sie eingehen. So ist beispielsweise eine Call-Option eine Wette darauf, dass ein bestimmter Wert in einem klar definierten Zeitfenster steigt. Und ob Sie es glauben oder nicht - auch Sie haben in Ihrem Leben vielleicht schon einmal mit Optionen gehandelt. Zur Veranschaulichung:
Ein Call-Optionskauf ist wie der Kauf eines Hauses
Dazu eine kleine (frei erfundene) Geschichte: Thomas will sich, zusammen mit seiner Frau, ein Haus in Heidelberg kaufen. Er besucht einen Immobilienmakler und findet sofort ein Objekt direkt am Neckar; 350.000€ soll das Haus kosten. Leider kann Thomas aus beruflichen Gründen erst im Juli 2009 nach Heidelberg ziehen. Der Immobilienmakler unterbreitet ihm deshalb folgenden Vorschlag:
„Kein Problem. Sie zahlen mir 10.000€ und bekommen von mir die Sicherheit, im Juli 2009 das Haus für 350.000€ kaufen zu können. Sie können bis zum Juli 2009 jederzeit vom Kauf zurücktreten. Die Anzahlung erhalten Sie allerdings nicht zurück."
Im Frühjahr 2009 fallen aufgrund der weltweiten Krise die Häuserpreise in Heidelberg drastisch. Einen Monat vor dem Umzug macht Thomas' Frau ihn darauf aufmerksam, dass die Häuserpreise in Heidelberg innerhalb des letzten Jahres um ca. 1/3 gefallen sind. Thomas überlegt - ein vergleichbares Objekt, das vor der Krise 350.000€ kostete, ist jetzt für ca. 245.000€ erhältlich. Sein vereinbarter Kaufpreis beträgt aber nach wie vor 350.000€.
Thomas beschließt daher, den Kauf zu annullieren. Ganz aufgeregt macht ihn der Immobilienmakler darauf aufmerksam, die 10.000€ aber nicht zurückzuerstatten. Doch das stört Thomas nicht. Er lacht sich ins Fäustchen, denn er hat soeben 95.000€ gespart (350.000€ - 245.000€ - 10.000€ = 95.000€).
In diesem Beispiel muss ich jedoch anmerken, dass Thomas' „Call-Option", also das Recht, das Haus im Juli 2009 für 350.000€ zu kaufen, wertlos verfiel. Nur durch einen derart starken Preisverfall konnte Thomas Geld sparen, weil er den Basiswert, also das Haus, auf jeden Fall kaufen wollte.
Übertragen auf den Kauf von Aktien stellt sich die Situation ein wenig anders dar, denn meist möchte ein Käufer einer Call-Option den eigentlichen Wert nicht wirklich erwerben, sondern lediglich auf eine Preissteigerung setzen. Tritt diese nicht ein, so ist die Option wertlos.
Was wäre geschehen, wenn das Haus im Wert gestiegen wäre?
Was wäre nun jedoch geschehen, wenn das Haus um 30.000€ im Wert gestiegen wäre, bis Thomas es kaufen möchte?
Die Rendite wäre nun sehr stark geworden, denn durch das Setzen von 10.000€ als Prämie an den Makler für das Kaufrecht hätte Thomas einen Gewinn von 20.000€ erzielt, da er das neue Haus effektiv für 360.000€ (Hauspreis + Optionsprämie an den Makler) hätte kaufen können, obwohl es 380.000€ wert ist. Durch kleine Sicherungsleistungen kann mit Optionen also eine recht starke Hebelwirkung erzielt werden, wobei das Verlustrisiko im Standardfall wiederum begrenzt ist, nämlich auf die Optionsprämie. Schließlich ist eine Option für den Käufer des Kontraktes ja ein Recht und keine Pflicht (anders sieht es für den Verkäufer einer Option aus, dazu aber mehr in späteren Teilen dieser Serie).
Ein Put-Optionskauf - in unruhigen Börsenzeiten sollten Sie sich versichern
Juli 2007 - infolge der amerikanischen Subprime-Krise steigt die Volatilität an der Börse sprunghaft an. Immer mehr Hedgefonds und Banken melden Milliardenabschreibungen. Einige sind nicht mehr zu retten und gehen bankrott. Die Börse zeigt sich hochnervös. Sie erwarten fallende Kurse.
Wäre es nicht genial, wenn es eine Versicherung gäbe, die Ihnen folgendes Angebot unterbreiten würde?
„Lieber Anleger, für nur 500€ versichern wir Ihre Siemens-Aktien gegen fallende Kurse. Je tiefer der Kurs des Wertpapiers fällt, desto mehr Geld erstatten wir Ihnen."
Skeptisch lesen Sie das Kleingedruckte: „Ihr Versicherungsschutz läuft automatisch im Dezember 2007 aus. Sie können während oder am Ende dieses Zeitrahmens Ihre Versicherungsleistung einlösen. Voraussetzung: Der Kurs von Siemens ist wirklich gefallen."
Klingt das interessant? Willkommen in der wunderbaren Welt der Optionen und Optionsscheine.
Verschiedene Ausübungsrechte bei Optionen
Wir unterscheiden zwischen amerikanischen und europäischen Optionen. Es geht hier aber lediglich um die Optionsart bzw. die Ausübungsmodalitäten, nicht um den geografischen Kontinent oder gar das Herkunftsland einer Option. Die Namen „europäisch" und „amerikanisch" haben lediglich traditionelle Bedeutung.
Der wesentliche Unterschied zwischen beiden Optionsarten ist, dass Sie bei amerikanischen Optionen als Besitzer jederzeit Ihr Recht ausüben können, während Sie bei europäischen Optionen dies nur zu einem vorher festgelegten Zeitpunkt / Zeitraum möglich ist.
Ich selbst handele zu 95% mit amerikanischen Optionen und auch nahezu alle meine Ausführungen in dieser Serie gehen von amerikanischen Optionen aus.
Zwei Parteien und die Bank geht dabei leer aus
Im Gegensatz zu Optionsscheinen werden Optionen nicht von Banken emittiert, sondern von privaten oder institutionellen Anlegern direkt „geschrieben". Das bedeutet, dass jeder von Ihnen an der Börse Optionen verkaufen kann (vorausgesetzt, Sie verfügen über die entsprechende Freigabe durch Ihren Broker).
Es gibt also stets den Käufer und den Verkäufer der jeweiligen Option. Der Verkäufer schreibt eine Option und bietet diese zum Kauf an der Börse an. Der Käufer erwirbt das entsprechende Recht. Hierbei entstehen verschiedene Rechte und Pflichten. Der Handel mit Optionen erfolgt reguliert und über Börsen und das wirkliche Risiko, welches Sie mit Optionen haben, hängt von der Strategie ab, welche Sie aus der Vielzahl der Möglichkeiten wählen. Optionen können also sowohl risikominimierend als auch risikoerhöhend eingesetzt werden.
Was ich Ihnen die nächsten Wochen zeigen werde, sind Methoden zur Risiko-Minimierung .
Am Freitag geht es mit dem nächsten Teil dieser Serie weiter, welcher die verschiedenen Rechte und Pflichten bei Optionsgeschäften beschreibt. Darüber hinaus möchte ich Sie stets ermuntern, mir Fragen zu stellen, sollte etwas unklar bleiben oder Sie sich nicht ganz sicher sein, was bestimmte Punkte dieser Serie angeht.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Bis Freitag!
Beste Grüße
Alexander Hahn
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