Kein Respekt
John Myers in Investors Daily
vom 12. Juni 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Die Öl- und Gasreserven der USA werden immer kleiner. Aber Kanada hat genug von diesem Zeug. Also warum werden die kanadischen Öl- und Gasaktien weitgehend ignoriert?
Warum haben sie im Allgemeinen niedrigere Bewertungen als ihre US-amerikanischen Gegenstücke? Vielleicht ist das nur eine schlechte Angewohnheit. Aber ich denke, dass das eine Angewohnheit ist, die man nicht fortführen sollte – denn die amerikanischen Öl- und Gasunternehmen werden einen immer größeren Anteil der amerikanischen Energiebedürfnisse bedienen.
Ein rapide expandierendes Pipeline-Netzwerk wird es ermöglichen, Öl und Erdgas von den kanadischen Feldern in die energiedurstigen USA zu leiten. Dieses Pipeline-Netzwerk ist nur ein Teil des Grundes, warum ich erwarte, dass sich das Bewertungsniveau der US-amerikanischen und der kanadischen Energieaktien in den nächsten paar Jahren angleichen wird. Zunächst einmal ein paar wichtige Fakten:
· Die USA importieren mehr Rohöl und Benzin aus Kanada als aus jedem anderen Land.
· Kanada hat nachgewiesene Ölreserven von 4,9 Mrd. Barrel (Stand: Januar 2002). Die Ölproduktion betrug im letzten Jahr durchschnittlich 2,9 Millionen Barrel pro Tag (bbl/d).
· Und hier ist der Teil der kanadischen Öl-Story, der besonders sexy ist – Kanada hat zwischen 1,7 und 2,5 Billionen Barrel Ölsand! Im Gegensatz zu konventionellem Rohöl enthält Ölsand eine Mischung aus Bitumen, Sand, Wasser. Bitumen umgibt den Sand und das Wasser. · Wenn man den Bitumen vom Sand und vom Wasser trennt, dann kann man ihn in ein hochwertiges Öl verwandeln, in Synthetik-Öl. Im nördlichen Alberta befindet sich eins der zwei weltweit größten Vorkommen an Ölsand (das andere ist am Orinoco in Venezuela). Es gibt in Kanada weitere Ölsand-Vorkommen, aber diese sind nicht so groß wie die Vorkommen im nördlichen Alberta.
Der aktuelle Output an Synthetik-Öl beträgt derzeit schätzungsweise 600.000 bbl/d. Ein neues Ölsand-Projekt – das von Shell Canada, Western Oil Sands und Chevron Canada betrieben wird – soll bald zusätzliche 155.000 bbl/d. produzieren. Ein weiteres kleineres Ölsand-Projekt von Petro-Canada soll auf 30.000 bbl/d. kommen. Laut der kanadischen Regierung soll die Produktion von synthetischem Öl bis 2010 auf 1,2 Millionen bbl/d steigen.
Und das ist erst der Beginn der aufregenden kanadischen Öl-Story. Fantasie kommt auch schon deshalb auf, weil das expandiere Pipeline-Netz einen ganz eigenen Boom auslöst. Dieses wachsende kanadische Pipeline-Netzwerk ist für die Öl- und Gasproduktion genauso wichtig wie für die kanadischen Energieaktien – die es auf das gleiche Bewertungsniveau wie die US-amerikanischen Energieaktien hieven könnte.
Fast das gesamte kanadische Öl wird im westlichen Kanada gefördert (hauptsächlich Alberta), während das Öl hauptsächlich in Ost- und Zentralkanada verbraucht wird. Als Ergebnis davon exportiert der Westen Kanadas in die USA Erdöl, während im Osten Kanadas aus den USA Erdöl importiert wird. Das erklärt, warum Kanada brutto 1,89 Millionen bbl/d. in die USA exportiert, die Nettoexporte aber etwas niedriger sind (1,78 Millionen bbl/d.).
Ein extensives Pipeline-System transportiert Öl aus Westkanada nach Ostkanada und in die USA. Es gibt zwei große Pipeline-Netzwerke. Das erste ist 8.700 Meilen lang (von Enbridge Pipelines Inc.) und liefert Öl von Edmonton, Alberta, nach Montreal, Quebec und Ostkanada sowie ins US-amerikanische Gebiet der großen Seen.
Das ist eines der größten Rohöl- und Benzin-Pipeline-Systeme in der westlichen Hemisphäre. Das zweite größere Pipeline-System ist das Trans Montain Pipe Line (TMPL)-System, das von Albertag in die Terminals von Vancouver und in die Gegend von Washington State liefert.
Die massiven Ölsandvorkommen in Alberta haben neue Pipelines notwendig gemacht. Vor kurzem haben sich die kanadischen Pipeline-Gesellschaften darauf konzentriert, den Ölsand nach Süden zur Verarbeitung in der Gegend von Edmonton zu transportieren. Das ist die Hauptaufgabe des Pipeline-Netzes von Enbridge.
In den letzten Jahren gab es auch bemerkenswerte Fortschritte im Bau von Pipelines für Erdgas zwischen Kanada und den USA. Nehmen wir nur die 2,5 Mrd. Dollar schwere Alliance-Pipeline, die 1.875 Meilen lang ist – die längste Pipeline, die je in Nordamerika gebaut wurde. Diese Pipeline ist dafür konstruiert worden, jeden Tag 1,3 Mrd. Bcf/d (Kubik-Fuß pro Tag) Erdgas von Westkanada in die Gegend von Chicago zu transportieren. Am 1. Dezember 2000 wurde diese Pipeline in wirtschaftlichen Betrieb genommen.
Dann gibt es da noch die Maritimes and Northeast Pipeline (M&NE), die im Januar 2000 in Betrieb ging. M&NE liefert Erdgas von der kanadischen Gegend um Sable Island nach New England. Diese Pipeline wird derzeit erweitert Richtung Massachusetts, wo sie mit dem US-amerikanischen Algonquin Pipeline-System zusammengeschlossen werden soll.
In jedem Bereich – von der Erforschung von Ölsandvorkommen bis hin zur Entwicklung von Pipeline-Erweiterungen – ist Kanada ein Wachstumsmarkt, mit einem riesigen Käufer – den USA. Das gilt besonders für die Ölsandprojekte und für die Erweiterung der Pipeline-Systeme, die in die USA führen.
Kanada wird sicherlich in den nächsten Jahren einer der wichtigsten Energielieferanten werden – wenn es das nicht schon ist.