Kein Grund zur übertriebenen Euphorie?
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 19. April 2006 18:00 Uhr
ENL5454
Nun wissen wir, warum der Euro am Montag derart stark angestiegen ist. Wir wissen damit auch, warum sich die Märkte gestern so erstaunlich gut gehalten haben. Es wurde das Sitzungsprotokoll der letzten Fed Sitzung im März veröffentlicht. Daraus geht hervor, dass die Mehrheit der Fed mit einem baldigen Ende der Zinserhöhungen in den USA rechnet. Einige Mitglieder zeigten sich sogar über zu starke Zinserhöhungen besorgt. Hinzu kam die Aussage, dass die Kerninflation in den USA weiterhin niedrig erwartet wird. Im Vorfeld dieser Veröffentlichung waren bereits Gerüchte durchgesickert, erste Fed-Mitglieder strebten das baldige Ende der Zinserhöhungen an.
Der Markt feierte die Veröffentlichung des Sitzungsprotokolls und der Dow legte eine 140 Punkte Rally hin, der größte Kursgewinn in diesem Jahr.
Auch der schwächere Immobilienmarkt wurde von der Fed beachtet und der negative Einfluss auf den Konsum dargestellt. Die einhellige Meinung: "Jungs, bei 5 %, spätestens bei 5,25 % ist Schluss mit den Zinserhöhungen."
Wirklich?
Erste Zweifel
Man muss leider darauf hinweisen, dass das Protokoll vom März ist und es erst danach zu dieser imposanten Rally in einigen Rohstoffen, wie auch im Ölpreis, gekommen ist.
Steigende Rohstoffpreise, insbesondere steigende Ölpreise, wirken sich auf die Inflation aus. Zum einen direkt dadurch, dass die Energie-, Heiz- und Benzinpreise anziehen, zum anderen indirekt dadurch, dass die Produktionskosten ansteigen (bei der Produktion von Waren werden Rohstoffe und Energie verbraucht) und diese höheren Kosten sich auf die Verbraucherpreise niederschlagen werden.
Wir hatten Anfang des Jahres mit eher stagnierenden Rohstoffpreisen zu tun. Wie ich hier schon ausgeführt habe: Wenn die Rohstoffpreise stagnieren, wird auch schnell der inflationstreibende Effekt ausbleiben, selbst wenn die Preise auf einem hohen Niveau bleiben. Schließlich geht es bei der Inflation um eine beständige "Verteuerung".
Mit anderen Worten: Die Fed ist zu dem Zeitpunkt des Protokolls noch von anderen Rahmendaten ausgegangen!
Fed bleibt dicht an der Konjunktur!
Da die Fed auch immer wieder deutlich macht, dass sie die Entscheidung über weitere Zinsschritte von der konjunkturellen, wie auch von der Entwicklung der Inflation in den USA abhängig machen will, kann es sein, dass bei der nächsten Sitzung sich das Bild schon wieder geändert haben wird.
Dollarschwäche führt zu Rohstoffrally
Ein weiterer Effekt, den ich oben bereits anführte: Der Dollar ist deutlich eingebrochen. Nun werden die allermeisten Rohstoffe dieser Welt letzten Endes in Dollar gehandelt. Eine theoretische Betrachtung: Wenn der Dollar fällt, dann sind die Rohstoffe theoretisch aber immer noch genauso viel "wert" wie vorher. Mit anderen Worten, man muss dann für die gleiche Menge "Rohstoff" mehr Dollar hinblättern. Somit wirkt sich die durch die Ankündigung der Fed eingeleitet Dollarschwäche natürlich auch auf die Rohstoffpreise aus, mit der Folge: Sie steigen an.
Und hier erkennen wir nun einen weiteren Effekt: Wenn die Fed die Zinserhöhungen aussetzt und es im Anschluss zu einer länger andauernden Schwäche des Dollars kommen sollte, dann werden die Rohstoffpreise weiter steigen. Das wiederum wirkt sich, wie oben beschrieben, zusätzlich inflationstreibend aus.
Es steht also die Frage im Raum, ob die Fed die Zinsenserhöhungen tatsächlich schon so bald, wie sie es in dem letzten Protokoll angedeutet hatte, aussetzten kann – zumindest wenn man der Fed glaubt, dass sie auf die Inflation achten wird [ich bin nach wie vor der Meinung, die Fed hätte die Zinserhöhungen schon längst "erst einmal" aussetzen sollen].
Hinzu kommen die geopolitischen Verwerfungen
Wenn Sie dann noch die geopolitischen Verunsicherungen durch den Iran betrachten, dann ist doch ein wenig Skepsis angebracht, ob sich aus der gestrigen Eintagsrally eine ausgewachsene Rally entwickeln kann.
Auf der anderen Seite war der gestrige Anstieg durchaus dynamisch.
Diese Faktoren bestimmen zurzeit den Markt
Wir haben es im Moment also mit folgenden wichtigen Faktoren zu tun:
Belastend wirken sich aus:
Die hohen Rohstoffpreise und die dadurch resultierende Gefahr höherer Inflationssorgen mit der Folge von weiteren Zinserhöhungen.
Die geopolitischen Sorgen, hauptsächlich der Atomkonflikt mit dem Iran und die dadurch steigenden Ölpreise.
Begünstigend wirken sich aus:
Das Statement der Fed, das die Bereitschaft erkennen lässt, die Zinserhöhungen bald auszusetzen.
Die über den Erwartungen liegende Berichtssaison in den USA.
Um zu prognostizieren, ob die Märkte steigen oder fallen werden, müssen Sie nun lediglich erahnen, welcher dieser Faktoren von der Masse der US-Investoren am höchsten bewertet wird.
Der Markt zeigt den Weg
Da ich leider nicht in die Köpfe der US-Investoren schauen kann, warte ich einfach ab, was der Markt mir zeigt. Geht es heute und morgen dynamisch weiter, wird wahrscheinlich das Ende der Zinserhöhungen im Fokus der meisten Anleger stehen. Verfruselt sich die Rally hingegen, oder kommt es sogar zu stärkeren Abgaben, dann scheinen die geopolitischen Unsicherheiten und die Rohstoffpreise im Fokus der Anleger zu liegen – das ist alles.
Charttechnisch kann man es auf den altbekannten Punkt bringen, der seit Wochen Relevanz besitzt: Schafft der S&P500 die 1310 Punkte Marke nachhaltig oder nicht?