Katastrophensehnsucht? Ein Leserbrief
ein Leserbrief in Investors Daily
vom 29. August 2006 18:00 Uhr
ENL5454
Hallo Herr Steffens,
ich glaube, es ist weniger die Angst vor einem "Weltuntergang", als vielmehr die Sehnsucht danach, die die Menschen zu solchen Schwarzmalern macht, wie Sie sie beschrieben haben. Sehnsucht? - werden Sie vielleicht ungläubig fragen - ja, Sehnsucht, sage ich!
Wie komme ich darauf? Also, erstens bin ich psychologisch gebildet (Unistudium, aber dennoch heute in einen anderen Beruf tätig), und zweitens, Beobachtung meiner selbst (was mit dem ersteren eng zusammenhängt). Vor noch nicht allzulanger Zeit gehörte ich selbst zu den "Untergangspropheten". Die Bücher zu dem Thema - derer es reichlich gibt - gehörten zu meiner Lieblingsliteratur. Die einen sprachen vom Zusammenbruch der Weltwirtschaft, die anderen vom "Weltkrieg der Kulturen", andere wiederum vom Kometeneinschlag, oder Polsprung. Und ich habe sie alle gelesen, nicht etwa um mich einfach nur zu "informieren", sondern weil ich dabei auch eine Art Genuss erlebte, der seine Quelle darin hatte, alles, was mir verleidet, verhasst, hässlich und inakzeptabel in dieser Welt war, mit einem Schlag hinweggeschafft zu sehen - durch irgendeine gewaltige Katastrophe in der nächsten Zukunft. Und danach, nach diesem "Großen Reinemachen" würde alles wieder neu - und vor allem: besser werden! Und klar, ich sah mich als einen von denen, die die Katastrophe - so schlimm sie auch wäre - überleben, und "danach" den Aufbruch des Goldenen Zeitalters miterleben würde.
So war das mal bei mir. Heute ist das anders. Heute habe ich eine Familie und eine süße kleine Tochter, der ich das bestmögliche Leben ermöglichen möchte. Neben meinem Haupterwerb handle ich an der Börse und habe gerade angefangen ein eigenes Internet-Geschäft aufzubauen. Was ich jetzt am wenigsten gebrauchen kann, ist ein Wirtschaftscrash, ein Kometeneinschlag oder ein Polsprung! Jetzt hoffe ich sehr, dass diese Welt weiter vorangeht, dass die Wirtschaft blüht, die Börse steigt, und die Krisenherde sich beruhigen. Denn jetzt habe ich Ziele und Sinn in meinem Leben, und sie sind dessen positiver Inhalt, der mich über alle Misslichkeiten dieser Welt - die nach wie vor existieren - hinwegträgt. Ich bleibe nicht an diesen Misslichkeiten hängen, lass mich von ihnen nicht lähmen, und dazu verleiten davon zu träumen, dass irgendeine höhere Schicksalsfügung sie abschafft.
Deswegen glaube ich, dass es vielen Menschen heutzutage so geht, wie es mir früher ging. Sie sind von Grund auf unzufrieden mit Ihrem Leben und mit dieser Welt. Die Gründe mögen individuell unterschiedlich sein. Der eine wird es Leid sein, seit zwanzig Jahren den gleichen langweiligen Bürojob zu machen, die andere kann ihren nörgelnden Ehemann nicht mehr ausstehen, ein anderer wiederum ist arbeitslos, oder verschuldet, oder... Es kann aber auch die "Gutgestellten" treffen, so dass eine tiefsitzende Unzufriedenheit an ihnen nagt. Da nützt auch "mein Haus, mein Auto und mein Boot" nichts, irgendwas fehlt ihnen dabei - der Sinn. Und dann bietet die Welt da draußen nur noch Bestätigungen in Hülle und Fülle, wie "böse" sie doch ist. Terroranschläge, Kriege, Hungersnöte, Umweltkatastrophen, Kriminalität... die Liste ist lang. Daran bleibt die Aufmerksamkeit haften. Selektive Wahrnehmung nennt man das.
Und viele dieser unzufriedenen Menschen tun nichts, um ihre Lage zu verändern. Sie glauben vielleicht, dass sie nichts tun können und der Situation machtlos ausgeliefert sind, sie sind vielleicht zu ängstlich um ein Risiko einzugehen, oder zu bequem um sich anzustrengen. Ich kenne solche Menschen aus meiner Umgebung. Und dann sind natürlich immer "die Anderen" schuld: der Staat, die Politiker, die Unternehmen, die Umweltverschmutzer - die "böse Welt" eben. Nebenbei gesagt, die Welt war schon immer im gewissen Sinne "böse". Draußen, in der Natur herrscht das Gesetz "fressen, oder gefressen werden". Daran hat sich bis heute nichts geändert. Aber es kommt ganz darauf an, wie sich einer dazu stellt. Wenn er sich in die Opferrolle begibt, dann wird er eben zum Opfer. Ihm geschieht nach seiner Einstellung. Dennoch, kein Mensch will auf Dauer leiden, auch wenn es "nur" unterschwellig ist. Immer, wenn auch unbewusst, sucht er nach einem Ausweg, der dem Leiden ein Ende setzt. Und wenn er selber - aktiv – sich um einen Ausweg nicht bemüht, dann projiziert er sein Dilemma nach draußen, und ersehnt dort die Erlösung: die Wirtschaft soll zusammenbrechen, oder der Komet einschlagen - denn wenn, dann gründlich - damit er aus der misslichen Lage endlich befreit ist. Wie gesagt, danach würde alles neu und besser werden!
Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.
G.G.