Karstadt vor der Insolvenz
Klaus Buhl in Nebenwerte Daily zum Thema Nebenwerte
vom 8. Juni 2009, 17:00 Uhr
ENL5462
Liebe Nebenwerte Freunde,
hoffentlich hatten Sie ein erholsames Wochenende trotz des nicht ganz überzeugenden Wetters, das so wechselhaft wie die Börse der letzten Tage war.Ich weine dem Wochenende keine Träne nach und bin sogar froh darüber, dass nach dem Walkampfgetöse um die Europawahl wieder neue Themen aufziehen. Vor allem bin ich wegen der heuchlerischen Appelle der Politiker um die Wichtigkeit der Europawahlen sehr genervt. Die sehr geringe Wahlbeteiligung in ganz Europa sollte den Regierungen endlich klarmachen, dass die Bevölkerung die mangelnde politischen Legitimierung der EU durchschaut hat, aber keinesfalls gegen den europäischen Gedanken eingestimmt ist. Es mag sein, dass über 80 % der deutschen Gesetze von der EU auf den Weg gebracht werden. Diese Gesetzesflut wird aber nicht durch den Bundestag initiiert, sondern durch die Kommission in Brüssel. Das Europaparlament aber bringt keine Gesetzesvorlagen in die Kommission ein und besitzt noch nicht einmal ein Budgetrecht, was die vornehmste Aufgabe eines ordentlichen Parlaments sein sollte.
Arcandor ist das erste Opfer seit Beendigung des Wahlkampfes
Noch viel spannender als die Reaktionen der Parteien auf das Votum der Wähler war aber der Stimmungsumschwung bezüglich der Rettung von Arcandor. Die Warenhauskette ist demnach nach der SPD das zweite Opfer der Europawahl. Während vor dem Urnengang vor allem die SPD und Herr Steinmeier sich für Staatshilfe für den maroden Konzern einsetzte (600 Mio Euro Verlust zwischen Oktober und März) kippte die Stimmung am Montag früh urplötzlich. Am Freitag hatte ich den Eindruck, dass hochriskante staatliche Bürgschaften auch für seit Jahren defizitäre Firmen möglich sind, sogar wenn diese über sehr solvente private Eigentümer verfügen sollten. An diesem Tage nämlich beantragte der angeschlagene Reise- und Handelskonzern Rettungsbeihilfe beim Finanz- und Wirtschaftsministerium. Ziel war ein kurzfristiger Kredit der Kreditanstalt für Wiederaufbau über 437 Millionen Euro. Dieser Kredit solle aber abhängig sein vom Fortschritt der Gespräche zwischen der Metro AG und Arcandor und zur Verschmelzung der Warenhaussparten Karstadt und Kaufhof führen. Am Montagmorgen, also einen Tag nach der Wahl und dem Wahlkampf, in welchem sich die SPD noch hinter Arcandor stellte, wollte Finanzminister Peer Steinbrück eine Insolvenz ausdrücklich nicht ausschließen. Die Börse auf jeden Fall zeigte sich pessimistisch für die Zukunft von Arcandor und schickte die Aktie auf Talfahrt. Fast 35 % unter dem Freitagsschluß eröffnete der Kurs am Montag. Sollte Arcandor bis kommenden Freitag keine Mittel erhalten, wäre der Konzern zahlungsunfähig. Dann laufen Kredite der Royal Bank of Scotland, Commerzbank und der BayernLB an Arcandor in Höhe von 650 Millionen Euro aus.
Möglicherweise Zusammenlegung der Warenhäuser
Bereits in den letzten Tagen führte die Metro Gespräche mit dem Bundeskartellamt über eine Fusion der Warenhäuser. Angeblich bietet die Metro AG 100 Millionen Euro für die Warenhaussparte, zu der 91 Filialen, 27 Sporthäuser sowie das Karstadt-Internetgeschäft gehören. Metro würde vorerst 60 Filialen weiterführen, müsste aber etwa 5000 Stellen streichen. Auch das Hamburger Versandhaus Otto hat bereits Interesse an Konzernteilen signalisiert und würde sich an einer privatwirtschaftlichen Lösung beteiligen. Otto interessiert sich vor für die Versandhandelssparte Primondo. Darüber hinaus wären Teile des mittel- und osteuropäischen Geschäfts des Universalversenders Quelle für Otto attraktiv. Angeblich hat der Konzern auch ein Auge auf die Karstadt-Sportfilialen geworfen, denn diese wären eine gute Ergänzung zu den SportScheck-Filialen der Gruppe.
Auch ein Verkauf von Anteilen an der Reisetochter Thomas Cook halte ich für wahrscheinlich. Der Handelskonzern Rewe hat bereits Interesse signalisiert um seine eigene Touristiktochter zu ergänzen. Insbesondere das britische Geschäft von Thomas Cook scheint attraktiv zu sein, für das sich auch TUI interessiert.
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