Kapitalverbrauch
Dr. Kurt Richebächer in Investors Daily
vom 07. Februar 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Es war einmal allgemein anerkanntes Wissen der Volkswirtschaftslehre, dass Investitionen in produktive Fabriken und Ausrüstungen der Schlüssel zu steigender Produktivität und einem steigenden Lebensstandard sind. Ausreichende Investitionsausgaben führen zu einer Erhöhung von Angebot und Nachfrage, Produktivität und Gewinnen.
Es gibt einen zentralen, einfachen Punkt, um den es bei der Entwicklung der US-Wirtschaft in den letzten 20 Jahren geht. Das Umfeld für hohe Sparraten hat sich drastisch verschlechtert, da eine Wirtschaftspolitik verfolgt wurde, die den Konsum und das Schuldenmachen förderte – auf Kosten der Ansammlung von produktivem Kapital.
Es war auch einmal anerkanntes Wissen der Volkswirtschaftslehre, dass jemand, der dauerhaft mehr für den Konsum ausgibt, als er verdient, nicht reicher – sondern ärmer wird. Das gilt auch für eine Nation. Dennoch lesen wir weiterhin, dass Amerika in den letzten Jahren soviel Reichtum wie noch nie geschaffen hat. Was macht das für einen Sinn? Nun, man muss zwischen der Entwicklung auf Konsumenten-Ebene und der auf gesamtwirtschaftlicher Ebene unterscheiden – also zwischen Mikro- und Makroebene. Aus Sicht eines Individuums vergrößern steigende Aktienkurse ohne Zweifel seinen Reichtum. Aber dieser Reichtum verbessert nicht die Lage der realen Volkswirtschaft, weil auf dieser Ebene realer Reichtum in Form von Fabriken und Ausrüstungen gemessen wird. Aus der nationalen Perspektive kann man nur reicher werden, wenn Industriekomplexe und Häuser gebaut werden. Das heisst: Durch Investitionen.
Steigende Aktienkurse hingegen förderten in den USA nur die Verschuldung der Konsumenten und damit das exponentielle Wachstum der Schulden zu Hause und im Ausland. Leute mit einem gesunden Menschenverstand sehen direkt, dass ein solcher schuldenfinanzierter Konsum der Konsum von Kapital ist, und damit Reichtum zerstört wird.
Es ist derzeit allgemeine Meinung, dass der aktuelle scharfe Rückgang bei den Unternehmens-Investitionen den vorherigen Überinvestitionen und vorhandenen Überkapazitäten zu verdanken ist. Diese Annahme beruht auf dem Fakt, dass in Amerika in den Jahren vor dem Platzen der Spekulationsblase relativ viel investiert worden ist. Meiner Meinung nach ist der derzeitige Rückgang bei den Investitionen den außergewöhnlichen Konsumexzessen zu verdanken, die den Anteil des Bruttoinlandsproduktes, der für Investitionen bereitsteht, verringerten.
Netto-Investitionen sind die Brutto-Investitionen minus Abschreibungen. Normalerweise entwickeln sich beide ziemlich parallel, aber manchmal divergieren sie, wenn sich die Abschreibungen verlangsamen oder beschleunigen. Letzteres war in Amerika in den letzten paar Jahren der Fall. Als die Investitionen in kurzlebige Güter wie Computer und Software einen immer größeren Anteil der Investitionen ausmachten, explodierten wenig später die Abschreibungen. Ein immer größerer Anteil der Brutto-Investitionen ersetzte deshalb nur die Abschreibungen, weshalb netto immer weniger investiert wurde.
Ein weiterer Grund für die das Auseinanderdriften von Brutto- und Netto-Investitionen sind statistische Spielereien: 1999 entschieden die Statistiker vom amerikanischen Commerce Department, dass die Unternehmensausgaben für Software keine Ausgaben, sondern Investitionen seien. Das hat sich gewaltig ausgewirkt, denn in den späten 1990er Jahren erreichten die Ausgaben für Software einen Anteil von 45 % an den High Tech-Investitionen der Unternehmen. Ehrlich gesagt ist dies eine statistische Schummelei. Es überrascht mich, wie leicht man die große Armee der weltweiten Finanz- und Wirtschaftsexperten zum Narren halten kann. Die traurige Realität ist, dass die Netto-Investitionen als Anteil des amerikanischen Brutto-Inlandsproduktes seit den frühen 1980er zurückgehen.
Weltweit sagen fast alle Analysten, dass nach drei Verlustjahren am Aktienmarkt jetzt die Negativ-Serie gestoppt ist. Es kümmert sie nicht, dass genau die gleiche Prognose vor einem Jahr total daneben lag. Das alleinige Verstreichen von Zeit ohne gleichzeitiges Lösen der Probleme wird diesen Abwärtstrend aber nicht stoppen.