Hommage für Jaques Rueff

in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom


Unser dollarbasiertes Finanzsystem ist wie eine geladene Waffe...

Heute mache ich eine Pause und lasse einen toten Mann zu Wort kommen. Jacques Rueff ist vor 30 Jahren gestorben. Aber in zwei Artikeln, die er für Le Monde im Februar 1976 geschrieben hat, erklärt dieser Wirtschaftsberater von Charles de Gaulle das heutige monetäre System und was vermutlich daraus werden wird. Seine Beiträge sind untypisch, und das in verschiedener Hinsicht. Es ist selten, dass ein Wirtschaftswissenschaftler überhaupt eine Vorstellung von dem hat, was vor sich geht - ganz besonders bei einem französischen Wirtschaftswissenschaftler. Und wenn es um Wirtschaft geht, dann sind die lesenswerten Beiträge der Le Monde so zahlreich wie Schaltjahre.


Um Rueffs Einsichten vollständig schätzen zu können - und wie diese Einsichten sich auf den makroökonomischen Zirkus des Jahres 2008 anwenden lassen - muss man anfangen, indem man sich mit dem Problem der Arbeitslosigkeit befasst. In der Welt der Dreißiger war der Triumph des Kapitalismus keine sichere Sache. Der Kommunismus brachte den Menschen - trotz all seiner Mängel - zumindest Arbeit. Die Kapitalisten ließen die Leute oft an den Ufern der Bucht sitzen. Und hier haben wir ein erstes Maß für die Strecke, die wir seit den Siebzigern zurückgelegt haben. Der durchschnittliche Franzose der Zeit nach Mitterand glaubt, dass es Schlimmeres gibt, als keine Arbeit zu haben. Z.B. zu arbeiten. Heute ist man eifrig darum bemüht, Gesetze zu erlassen, die das vermeiden.

Der wahre Grund für die Arbeitslosigkeit ist offenkundig, selbst für einen Wirtschaftswissenschaftler. Die Leute haben keine Arbeitsplätze, wenn es mehr kostet sie anzustellen, als die Arbeitgeber mit ihnen erwirtschaften können. Und bei einer Konjunkturabschwächung steigen die Arbeitslosenzahlen. Denn bei einer Konjunkturabschwächung fallen die Preise für Dinge" sehr schnell. Aber die Stundenlöhne haben die Neigung, zäher zu sein. Die Arbeiter haben Verträge. Und Rechte! Die Gewinnspannen der Arbeitgeber stecken bald zwischen den entgleitenden Einkünften... und den sturen Arbeitskosten fest. Die Folge: Die Produktion geht zurück und nur weniger Arbeiter verdienen das, was sie brauchen.

In einem freien Markt kämpfen sich die Löhne langsam nach unten, auf ein Niveau, das es den Kapitalisten wieder erlaubt, die Arbeiter auszubeuten. Das ist schon immer so gewesen. Aber aus irgendeinem Grund, ist es in Großbritannien in den Zwanzigern nicht so gekommen. Rueff hat den Schuldigen dafür schon ausfindig gemacht, noch ehe Milton Friedman es tat.

Seit 1911 gab es in England ein System der Arbeitslosenversicherung, das arbeitslosen Arbeitern eine Abfindung gab, die man unter dem Namen dole" kannte. Die Folge davon war, dass man einen Mindestlohn schuf, bei dem die Arbeiter es vorzogen, um diese Gabe zu bitten, anstatt für weniger arbeiten zu müssen. Es scheint so, dass Anfang 1923 die Löhne, die vorher mit den anderen Preisen in England gefallen sind, plötzlich einen neuen Mindestwert erreichten. An diesem Punkt hörten sie auf zu fallen und seither haben sie sich im Grunde genommen nicht mehr bewegt."

Das ist der Grund, warum es in Frankreich heute so hohe Arbeitslosenzahlen gibt, die Arbeitslosenunterstützung ist dort so hoch. Wenn man die Kosten der sozialen Belastungen", den Papierkram und die Mindestlöhne zusammenzählt, dann ist mehr als einer von zehn möglichen Arbeitern sein Geld nicht wert. Aber kein Politiker, der bei klarem Verstand ist, wird so bald die offensichtliche Lösung vorschlagen: Das Arbeitslosengeld loswerden.

Also kam Keynes mit einer List daher. Die Zentralbank sollte während einer Konjunkturabschwächung eine Inflation auslösen, schlug er vor. Steigende Preise für die Güter bedeuteten, dass die Löhne - effektiv - fallen würden. Das war der aalglatte Betrug hinter Keynes' allgemeiner Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes: Die Inflation raubte der Arbeiterklasse ihren Lohn, ohne dass es dieser aufgefallen wäre. Die armen Deppen haben den Politikern auch noch dafür gedankt, dass sie ihnen das Geld aus den Taschen zogen. Rueff nannte das Lohnsenkungen ohne Tränen."

Die Vollbeschäftigung" war schon bald kein Wunsch mehr, sondern eine Verpflichtung.

In Frankreich verpflichtete die Verfassung von 1946 die Regierung, einen jährlichen Wirtschaftsplan vorzulegen, der das Ziel der Vollbeschäftigung erreicht. Im gleichen Jahr setzte Harry Truman ein Beschäftigungsgesetz im amerikanischen Kongress durch. Und heute hat die Zentralbank von Amerika eine duale Mission" - den Wert des Dollars zu schützen, während sie gleichzeitig die Vollbeschäftigung sichert.

Keine Religion hat sich so schnell verbreiten könne, wie die Vollbeschäftigung", schrieb Rueff, ... und auf diesem Umweg konnte eine Regierung, die ihre Steuermittel und Kreditmittel erschöpft hatte, sich den trügerischen Freuden der monetären Inflation zuwenden."

Und an dieser Stelle kommt das dollarbasierte Geldsystem aus der Zeit nach 1971 ins Spiel. Es erlaubte den Vereinigten Staaten, Dollar in Umlauf zu bringen - und diese nie in Gold einlösen zu müssen. Anfangs war die Inflation, die durch die Zunahme der Dollar verursacht wurde, noch moderat und angenehmen, sagte Rueff. Sie hat die Lohnkosten gesenkt. Und als dann die Anbindung an Gold in den frühen Siebzigern durchtrennt wurde, begann die Inflation voran zu galoppieren".

Die Leser erinnern sich vielleicht noch, dass die Inflation in den Siebzigern zugeschlagen hat, und dass sie in den Vereinigten Staaten im März 1980 ein Maß von 14,8% erreicht hatte und in Großbritannien noch höher lag. Die amerikanische Regierung war gezwungen, Geld für Erträge von 15% zu leihen. Großbritannien konnte fast gar nicht mehr leihen.

Rueff ist 1978 gestorben. Hätte er weiter gelebt, wäre er von der Ausdauer der monetären Pferde vermutlich so überrascht gewesen wie ich. Abgesehen von einer kurzen Ruhepause, in der Paul Volcker die Kontrolle über die Pferdeställe hatte, sind sie von einer Blase zur nächsten gerannt... und haben mehr Liquidität immer dahin geliefert, wo sie den größten Schaden verursachen würde. Und während dieser ganzen Zeit hat die Inflation auch weiterhin die Kosten der Arbeit gesenkt. Zwischen 1974 und 1984 sind die Löhne effektiv um bis zu 30% gefallen. Dann haben moderatere Inflationsniveaus sie in den folgenden 24 Jahren unten gehalten.

Aber Rueffs Einsichten werden von einer Warnung begleitet. Ein Geldsystem dass auf Vertrauen basiert und vom Dollar abhängig ist, ist wie eine geladenen Waffe vor einem depressiven Menschen. Es ist zu leicht für die Vereinigten Staaten, die finanziellen Schwierigkeiten zu beenden, indem sie einfach mehr Dollar drucken, gab Rueff zu bedenken. Irgendwann würde dieses exorbitante Privileg für die westlichen Ökonomien suizidal" werden.

Paul Volcker hat die Pistole in den Schrank eingesperrt. Ben Bernanke hat sie dort gefunden. Und Jacques Rueff muss sich schon belustigt fragen, was jetzt wohl als nächstes passieren wird.


von
Bill Bonner
Bill Bonner

Bill Bonner ist einer der anerkanntesten Finanzexperten der USA und Bestseller-Autor. Bei uns schreibt er regelmäßig im Börsen-Newsletter Kapitalschutz Akte.


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