Kann Griechenland Pleite gehen?
Michael Vaupel in Traders Daily zum Thema Kapitalschutz
vom 15. März 2010, 12:00 Uhr
ENL5462
Trader´s Daily-Leser Otto S. schrieb mir:
"Als regelmäßiger Leser (Anmerkung M.V.: Sehr gut!) Ihrer sehr interessanten Beitrage doch mal eine worst-case Frage: Kann ein Land wie Griechenland überhaupt pleite gehen? In einem Land mit eigener Währung kann es natürlich zu einer riesigen Inflation kommen, wie sichern sich eigentlich dann die internationalen Gläubiger gegen die Nichtzahlungsfähigkeit eines Landes ab? Aber wie sähe das z. B. mit Griechenland aus? Man kann zwar über die Preise eine Abwertung vornehmen, aber die Verbindlichkeiten? Wer würde dann für die Schulden aufkommen?"
Meine Antwort:
Zunächst: Melde mich hiermit genesen an Leib (und Seele?) zurück.
Dann: Natürlich kann ein Land wie Griechenland Pleite gehen.
(Kann grundsätzlich jedes Land.)
Die Tatsache, dass Griechenland ebenfalls den Euro hat, ist keineswegs eine zwangsläufige Verpflichtung, dass die anderen Euro-Staaten bei der Bedienung der griechischen Staatsschulden behilflich sind.
Wissen Sie, es gibt genug Staaten, die Pleite gegangen sind, auch in einer fremden Währung. Und die anderen Länder, welche diese Währung haben, sind keineswegs zur Hilfe geeilt.
Nehmen wir doch nur Argentinien. Anfang des Jahrtausends war das. Da gab es in Argentinien einen Staatsbankrott. Der Staat hatte um die 150 Milliarden Dollar Auslandsschulden.
US-Dollar, wohlgemerkt.
Auch mitteleuropäische Käufer von argentinischen Fremdwährungsanleihen waren negativ betroffen (ich fürchte, wohl auch einige aus der Trader´s Daily-Gemeinde.)
Sprich: Für ihre Anleihen gab es nichts bzw. nur einen Bruchteil zurück.
So ist das eben bei einem Staatsbankrott.
Den „leichten Weg" über eine Inflation kann Griechenland nicht gehen - denn dazu ist es nicht mächtig genug, den Euro im Alleingang zu inflationieren. (Zum Glück.)
Bitte beachten Sie diesen Punkt: Ein Land kann durchaus Pleite gehen, ohne die Währung, in der es dies tut, in den Abgrund zu ziehen. Es gibt zig Beispiele von Ländern, die ihre Schulden meist in US-Dollar hatten und in den Abgrund gerissen wurden.
Übrigens würde ich nicht gegen Griechenland wetten. Das Land ist mir sympathisch, und ich halte nichts davon, bewusst noch zu forcieren, dass eine ganze Gemeinschaft ins Elend gestürzt wird. (Was nicht heißt, dass die Griechen nun sparen, sparen, sparen sollten. Misswirtschaft der Vorjahre wirkt sich nun eben leider aus.)
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Woche! Und noch ist Griechenland nicht verloren (leicht abgewandelte polnische Nationalhymne).
Ihr
Michael Vaupel
P.S.: Noch ein Hinweis: Morgen bin ich auf einem ganztägigen Seminar. Den nächsten Trader´s Daily gibt es deshalb am Mittwoch.
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Andre Kannengiesser (15.03. 2010 12:26 Uhr):
Hallo Herr Vaupel, als langjähriger Leser bin ich über Ihre Fehler in letzter Zeit sehr erstaunt. Dies kenne ich so von Ihnen nicht. Haben Sie zuviel Stress? Haben Sie den Korrekturlektor gewechselt? Sie meinten sicherlich: "Was nicht heißt, dass die Griechen nun NICHT sparen, sparen, sparen sollten", oder? ja die schwierige doppelte Verneinung! ;-)) Liebe Grüße, Andre Kannengiesser
Antworten - Kommentar von Christoph Schiffer (15.03. 2010 20:44 Uhr):
Sehr geehrter Herr Vaupel, ich mag Ihre Traders-Daily Kolumne. Besonders, dass Sie allen noch so negativen Nachrichten immer noch ihre, wenn auch differenzierte, positive Seite, oder auch deren ganz persönlichen Aspekt abgewinnen (und uns Lesern dann auch mitteilen!), finde ich klasse! Ganz konkret das Beispiel Griechenland. Man muss sich das einmal vorstellen, die Griechen (oder zumindest viele von ihnen) sind Lebemenschen, die nicht unbedingt so weit in ihre Zukunft voraussehen. Die Meisten sind froh, wenn sie mit ihrem Tagewerk über die Runden kommen. Vielleicht stimmt das auch nicht ganz - ich war leider schon ziemlich lange nicht mehr dort. Jetzt werden sie alle dafür bestraft, dass der Staat seinen Haushalt nicht konsolidiert hat. Da ist es doch kein Wunder, dass die Leute protestieren und das obwohl sie selbst nicht ganz unschuldig sind an der prekären Lage. Eins muss den Menschen klar sein, dass in unserem System Literatur wie "Die Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral" (von Heinrich Böll) verfasst werden darf. Wenn man es aber in Zukunft halbwegs gut haben möchte, muss man schon selbst etwas dafür tun, dass man politisch und wirtschaftlich mithalten kann. Wie vorher gesagt, möchte ich hier nicht den Griechen allgemein die Fähigkeit absprechen sich um ihre ganz persönliche Lebenssituation zu kümmern. Wenn es wieder aufwärts geht, sind die Griechen vielleicht die Ersten, die davon profitieren, dass "wir Deutsche" (Anm: d. Verf.: Ich bin selbst Belgier) dringend guten Urlaub benötigen. In diesem Sinne alles Gute, mit freundlichem Gruß Christoph Schiffer
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