Kann das wahr sein?
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 21. Oktober 2004 12:00 Uhr
ENL5462
"Kann das wahr sein?" Das hat mich Trader's Daily-Leser Peter F. per Email gefragt. Er schrieb mir:
"Habe einen Hebel Long auf den Dax WKN: ABN3L3 am 4.10.04 ge- und am 12.10.04 verkauft. Open End, Barrier: 3880. Gestern abend habe ich etwas gezockt und mir den Schein noch mal gekauft. Nachdem ich geordert hatte, sah ich zu meiner Verwunderung, dass der gleiche Schein jetzt eine Barrier von 3890 hatte????!!"
"Nachdem der Dax heute gegen Handelsschluss noch mal nach oben drehte, wollte ich ihn gerade für ca. 0,80 verkaufen. Nun stellte ich aber fest, dass der Dax gerade mal die 3890 berührt hat, wieder nach oben gedreht ist und mein Schein bei 0,61 verfallen ist!! Kann es sein, dass während der Laufzeit eines Scheins, sich die Barrier ändert???"
Meine Antwort:
Ja, das ist bei bestimmten Scheinen möglich, dass sich während der Laufzeit des Scheins die Barrier ändert! Und zwar bei sogenannten "Mini Futures" – so wie es der gerade genannte Schein einer war.
Solche Scheine haben überzeugende Vorteile: Keine Laufzeitbegrenzung (!), es gibt kein (oder so gut wie kein) Aufgeld, sie haben ein Delta von fast 1 (d.h., wenn sich der Basiswert um 1 Euro bewegt, dann bewegen sie sich auch um 1 Euro.)
Das sind gewaltige Vorteile gegenüber "normalen" Optionsscheinen. Doch nichts ist umsonst (sogar der Tod kostet einen das Leben): Diese Vorteile müssen Sie damit bezahlen, dass Sie sogenannte Finanzierungskosten bezahlen müssen.
Ich zitiere den Emittenten:
"Die Finanzierungskosten bestehen aus Zinsen abzüglich der eventuell anfallenden Dividenden, die Ihnen angerechnet werden. Dadurch entfällt das Aufgeld. Durch diese Verrechnung erfolgt auch eine tägliche Anpassung der Finanzierungslevel um die Finanzierungskosten. Die Stop Loss Marke wird basierend auf dem veränderten Finanzierungslevel am 15. eines jeden Monats festgelegt und ist dann für einen Monat gültig."
Was das konkret bedeutet: Am 15. eines jeden Monats wird die Barrier (oder Knock-Out-Barriere oder Stopp oder wie auch immer der Emittent diese Marke nennt) bei einem Call ein wenig erhöht, bei einem Put ein wenig verringert. Im Fall des oben genannten Scheins waren es eben genau 10 Punkte! Und das waren – leider für den Leser – genau die kritischen 10 Punkte, die den Schein verfallen ließen.
Ich rate Ihnen dringend, solche Faktoren nicht zu übersehen! Wenn Sie einen "Mini Future" kaufen, dann wirklich bitte nur, wenn Sie auch alle Details kennen.
Und noch ein Tipp: Scheine, bei denen der Kurs des Basiswertes in der Nähe der Barrier liegt, haben zwar den höchsten Hebel – aber natürlich auch das höchste Risiko. Ich würde solche Scheine nie anfassen, alleine schon aus einem Grund: Der Emittent behält es sich meist vor, "Engagements einzugehen, die den Kurs des Basiswertes in die Barrier laufen lassen". Das bedeutet: Wenn z.B. eine Aktie nur noch 10 Cents über der Barrier steht (bei einem Call), dann darf der Emittent am Kassamarkt diese Aktie verkaufen und um 10 Cents drücken, so dass der Schein ausgeknockt wird. Und dagegen kann man nichts tun, da es legal ist. Und die Emittenten nutzen diese Möglichkeit.
Deshalb Vorsicht bei Scheinen, bei denen die Barrier nahe am aktuellen Kurs des Basiswertes liegt!
Freundliche Grüße,
Michael Vaupel
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