Kali+Salz: Ein Coup in der Krise
Andreas Wolf in DAX Daily
vom 6. April 2009, 08:00 Uhr
ENL5454
Liebe DaxDaily Leser,
während der vergangenen Monate habe ich an dieser Stelle im Rahmen der laufenden Baisse darauf hingewiesen, dass die stark gefallenen Aktienkurse den Markt für Unternehmensübernahmen moderat wiederbeleben könnten. Die Übernahme des größten US - Salzherstellers Molton Salt durch den deutschen Wettbewerber und DAX-Wert Kali + Salz brachten den Märkten eine scheinbar längst vergessene Kapitalmarktdisziplin zurück in Erinnerung. Die erste Reaktion der Märkte erinnerte dann auch daran, dass wir uns ja in Krisenzeiten befinden und alle Formen von Zukäufen mit Kosten und Risiken belastet sind. Der Aktienkurs erhielt also erst einmal einen Dämpfer. Doch auf den zweiten Blick setzte sich der klare Blick von Analysten und Aktienstrategen durch, die die Übernahme nicht nur für sinnvoll, sondern auch als preislich fair bewerteten. Indirekt steht die Übernahme von Molton Salt auch in Verbindung mit der Kapitalknappheit des US-Chemiekonzern Dow Chemical. Denn die Amerikaner haben sich vorgenommen, den Spezialchemiehersteller Rohm + Haas zu kaufen, konnten das Geschäft nach dem Ausstieg ihres kuwaitischen Geschäftspartners aber nur noch schwer stemmen. Um aber bei Nichterfüllung des Vertrages nicht eine hohe Strafe zahlen zu müssen, hat sich Dow Chemical entschieden, Tochtergesellschaften von Rohm+ Haas zu veräußern. Hierzu gehört Molton Salt.
Kali + Salz will eigene Selbstständigkeit erhalten
Neben der Ergänzung der Produktportfolien hat der Zusammenschluss für den DAX-Titel aber auch noch einen anderen Effekt. Die rund 1,7 Milliarden Euro teure Übernahme lässt die Verschuldung des Salz-und Düngemittelherstellers kurzfristig stark ansteigen, weil die Finanzierung ausschließlich über Kredite erfolgt und in bar bezahlt wird. Da das Unternehmen bisher nahezu schuldenfrei war, die Börsen-Baisse den Aktienkurs aber deutlich gedrückt hat, nahm die Gefahr einer Übernahme durch darauf spezialisierte Private Equity-Gesellschaften zu. Diese Finanzmarktakteure haben auch in den aktuell wirtschaftlich schwierigen Zeiten keine Probleme, Übernahmen in diesen Preiskategorien zu organisieren. Gerade in der ersten Jahreshälfte nehmen Übernahmeaktivitäten wieder zu, da dann viel frisches Geld nach Anlagemöglichkeiten sucht. Der Kapitalmarkt ist auf den nachgeordneten Ebenen unterhalb des reinen Bankensystems lange nicht so angeknackst wie es scheint. In dem derzeitigen Marktumfeld versuchen aber alle Investoren den möglichst günstigsten Zeitpunkt zum Kauf von Unternehmen zu finden. Die Trefferquote ist dabei aber kaum höher als bei den Spekulanten am Aktienmarkt. Die hohe Verschuldung schützt Kali + Salz für einen begrenzten Zeitraum vor äußerlichen Begehrlichkeiten, wirkt also wie eine sogenannte "Giftpille" für mögliche Interessenten.
Wettbewerbsstellung wird deutlich verbessert
Mit der Übernahme von Molton Salt verdoppelt sich der Umsatzanteil des Salzgeschäfts von Kali + Salz auf knapp ein Viertel des Gesamtumsatzes. Auf internationaler Ebene steigt das vergrößerte Unternehmen zum wichtigsten und größten Salzanbieter der Welt auf. Die Produktionskapazität mit rund 30 Millionen Tonnen jährlich liegt gut 11 Millionen Tonnen vor dem nächsten Wettbewerber aus China. Vor allem im Streusalz- und Speisesalzgeschäft in den USA erhält Kali + Salz einen deutlich besseren Marktzugang. Die bisherige Wachstumsstrategie sieht der Vorstand mit dem Zukauf nicht in Frage gestellt, ganz im Gegenteil, weitere Investitionen an den deutschen Standorten seihen nun sogar wahrscheinlicher geworden. Diese Meinung scheint nun auch die Börse zu vertreten, die ihre anfängliche Skepsis abgelegt hat und in der Übernahme einen geschickten taktischen Schachzug zur rechten Zeit am rechten Ort sieht. Insgesamt verbessert sich die internationale Wettbewerbsfähigkeit des DAX-Titels damit erheblich.
Baisse-Trend im Visier
Wie so vielen DAX-Aufsteigern erging es Kali + Salz im vergangenen Herbst nach der vollzogenen Aufnahme in den Club der 30 wichtigsten Aktien in Deutschland: Das Papier stürzte regelrecht ab. Am 18.Juni 2008 noch bis 97,35 Euro teuer drückten Wirtschaftskrise und Leerverkaufs-Spekulanten bis Ende Oktober 2008 auf 26,79 Euro. Seither versuchte sich der Titel in einer breiten Bodenbildungsspanne zwischen 30 und 45 Euro. Die jüngste Erholungsbewegung, die von einem Kaufsignal beim MACD-Trendfolgeindikator gestützt wird, hat mittlerweile den Bereich um 40 Euro fast wieder erreicht. In dem intakten kurzfristigen Aufwärtstrend ist davon auszugehen, dass die Aktie die 40er Hürde hinter sich lassen wird und wieder die obere Begrenzung der aktuellen Bodenbildungsspanne bei 45 Euro testen wird. Allerdings ist hier mit einer heftigen Gegenreaktion seitens der Bären zu rechnen, weil nicht nur zwei Hochpunkte aus dem Januar und Februar dieses Jahres dort gesetzt wurden, sondern auch, weil der seit Juni 2008 andauende Baisse-Trend dort in der Zwischenzeit verläuft. Diese beiden Widerstandsfaktoren sollten im ersten Anlauf kaum zu überspringen sein. Erst nach einer angemessenen Konsolidierung im Umfang von 5 bis 10 Prozent könnte ein erneuter Anlauf auf den Abwärtstrend Erfolg versprechen. Bis dahin dürften aber noch einige Wochen ins Land ziehen.
