Kahle Äste
Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 30. November 2009, 07:30 Uhr
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Im vergangenen Monat erzielte eine Wohnung in Hongkong einen Rekord. Sie wurde für 56,6 Millionen Dollar verkauft, was ungefähr 113.500 Dollar pro Quadratmeter entspricht. Das ist der höchste Preis, der je für eine Wohnung in China bezahlt wurde. Der Käufer hat vielleicht nur ein Dach über dem Kopf gebraucht. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass er China gegenüber optimistisch ist. Auch ich bin es in gewisser Weise. Ich erwarte, dass China reifer wird und im 21. Jahrhundert zu Reichtum und Macht kommt. Aber das hier ist eine noch bessere Wette: China wird explodieren, ehe es wachsen wird.
China ist ein Land der Übertreibung. Es gibt kaum etwas, das man über China sagen kann, das nicht auf -tse" endet. In gewisser Hinsicht ist China die älteste Gesellschaft der Welt. In anderer Hinsicht ist es die neueste. Es ist das reichste Land der Welt - mit mehr als zwei Billionen Dollar in den Reserven. Es ist auch das ärmste Land der Welt, In dem mehr als 200 Millionen Menschen mit weniger als fünf Dollar am Tag auskommen müssen. Dem Land stehen auch die größten Probleme weltweit bevor.
Die Barbaren haben China nichts zu bieten
Und selbst in seinen Krisen ist China unvergleichbar. Die Leute innerhalb der Großen Mauer waren bis ins 19. Jahrhundert ungefähr so reich wie die Menschen außerhalb. Damals verpasste China die industrielle Revolution. Japan hätte sie auch fast verpasst, hat den Fehler dann aber schnell noch korrigieren können. Das Land hat die Barbaren auf Armeslänge von sich ferngehalten, aber es ist ihm dennoch gelungen, ihnen die Taschen auszuräumen. Die Chinesen blieben jedoch gelassen, sie dachten, die Barbaren hätten ihnen nichts zu bieten. Sie denken das auch heute noch. So sagte z.B. Xue Chen vom Shanghai Institute of International Studies kürzlich: Die Vereinigten Staaten müssen China um viel bitten. Auf der anderen Seite haben sie China nur wenig zu bieten."
Im frühen 19. Jahrhundert kauften Händler aus Großbritannien und Amerika Porzellan (auf Englisch heißt es "China"), Seide und Tee. Die Handelsbilanz mit China war negativ. Das Problem war, dass sie nichts fanden, dass sie im Tausch hätten verkaufen können. Und China konnte daher beachtliche Reserven aufbauen (in Silber). 1830 hieß es, dass ein chinesischer Händler namens Hao Gua, der so etwas wie ein Monopol auf den Handel mit den Gweilos (ausländischen Teufeln) hatte, der reichste Mensch der Welt sei.
Doch dann fanden die Engländer etwas, das die Chinesen kaufen würden - Opium. Die Frucht des Mohns war in vielen Ländern sehr beliebt, aber China hat es, wie üblich, auch damit übertrieben. Zuerst war es bei den oberen Schichten beleibt. Und dann kamen einfache Arbeiter dahinter. Und schon bald haben sie ihre Arbeit vernachlässigt und China steckte in einer Krise. Als die Behörden versuchten, den Drogenhandel zu stoppen, eröffneten die Engländer das Feuer, beleidigten die Regierung und ließen sie fast in die Pleite gehen. Die Leute haben ihr Vertrauen in die Mandschu-Herrschaft verloren. Zur Mitte des Jahrhunderts gab es in fast der Hälfte des Landes offene Revolten. Ein christlicher Revolutionär hatte in Nanjing das himmlische Reich" aufgebaut. Er hat die Armeen aufgerufen und die Qing-Dynastie zum Kampf gefordert. Eine Zeitlang sah es so aus, als würde er gewinnen.
Kahle Äste
Im Norden war inzwischen der Kindsmord an weiblichen Babys weit verbreitet - eine Reaktion auf Hungersnöte und Knappheit. Bis zur Mitte des Jahrhunderts konnte einer von vier jungen Männern in der Region keine Frau mehr finden. Kahle Äste" wurden sie genannt. Und 1855 waren diese kahlen Äste bereit zu brechen. Sie bewaffneten und organisierten sich. Sie haben die Regierungskräfte vertrieben und einen großen Teil des Landes kontrolliert, ehe sie endlich geschlagen werden konnten. Aufgrund von Naturkatastrophen und Krieg gehen einige Experten davon aus, dass es im 19. Jahrhundert unvorstellbare 200 Millionen Tote gegeben hat. Und dann kam das 20. Jahrhundert. Das Reich der Mitte stolperte vorwärts, von einem Fehler zum nächsten Unfall zur Katastrophe. Von den Taipingaufständen zu Mao Tse-tung. Und dann verkündete vor 30 Jahren Deng Tsaoping die neue Linie: Werdet reich und ruhmvoll" sagte er. Plötzlich fingen die Chinesen an, jeden Pfennig zu sparen. Sie bauten Fabriken, sie senkten die Preise. Und sie schlugen die Barbaren bei ihrem eigenen Spiel.
Und wieder haben sie es übertrieben. Die Amerikaner haben zu viele Einkaufszentren gebaut, und die Chinesen gleichzeitig zu viele Fabriken. Und dann kam in den Jahren 2008 bis 2009 der größte Einbruch des Welthandels in der Geschichte", wie Nobelpreisträger Paul Krugman sagt. Die Amerikaner - ihre wichtigsten Kunden - entdeckten die Sparsamkeit wieder. Man könnte jetzt meinen, dass China auffallen würde, dass man zu hohe Kapazitäten hat, und dass man sich deswegen zurückziehen würde. Stattdessen hat man noch mehr Stahl herbeigebracht. Man hat noch mehr Fabriken und Büros gebaut... und ganze Städte.
Wenn Konjunkturausgaben ein Maß für Dummheit sind, dann ist China dreimal so dumm wie Amerika. Beide Regierungen haben auf die Korrektur reagiert, indem sie noch mehr Fehler gemacht haben als zuvor. Die Kredite in China steigen um fast 40% des Bruttoinlandsprodukts pro Jahr. Die Geldmenge steigt um fast 30% im Jahr. Wir gehen davon aus, dass die Festkapitalbildung 70% von Chinas Wachstum im Jahr 2008 ausmacht und 90% in der ersten Jahreshälfte dieses Jahres", heißt es in einem Bericht von Pivot Capital.
Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Blase bei den Kapitalausgaben platzen wird. Aber China ist voll von Blasen. In einem anderen Fall der eigenen Zentralplanung verfiel das Land auf die alte Praxis. Ein Kind pro Paar lautete die Regel. Die Folge waren fehlende Mädchen. Und als die Jungs dann heranwuchsen, stellten sie fest, dass wieder die Bräute fehlten. Die Zahl der arbeitenden Bevölkerung Chinas bricht ein... Im Jahr 1990 kamen auf einen Alten noch sieben Arbeitnehmer. Jetzt sind es kaum mehr vier. Bis 2035 werden es nur noch zwei sein. Was passiert mit den Arbeitern? Sie sind die fehlenden Kinder der fehlenden Mädchen, die dann zu fehlenden Müttern wurden. Und im Jahr 2040 werden 397 Milliarden alte Menschen - mehr als die Gesamtbevölkerung von Frankreich, Deutschland, Italien, Japan und Großbritannien zusammen - diese fehlenden Arbeiter gemeinsam vermissen.
Ich gebe nicht vor zu wissen, wo dies hinführen wird. Aber kahle Äste neigen sich... und dann brechen sie.
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Martin (30.11. 2009 09:45 Uhr):
Zitat: "Und im Jahr 2040 werden 397 M i l l i a r d e n alte Menschen - mehr als die Gesamtbevölkerung von Frankreich, Deutschland, Italien, Japan und Großbritannien zusammen - diese fehlenden Arbeiter gemeinsam vermissen." Auf welchem Planet leben die?
Antworten - Kommentar von Norbert Scheid (30.11. 2009 11:41 Uhr):
Hallo und guten Tag Herr Bonner, ich lese gerne Ihre Beiträge, auch wenn ich manchmal an Ihren negativen Prognosen zweifle. Aber dass meist die Richtung stimmt ist wichtiger. Nur diesmal sollte Ihre Zahl von "397 Milliarden alten Menschen" doch korrigiert werden. Denn erstens sind wir auf der ganzen Welt derzeit erst bei ca. knapp sieben Milliarden angelangt und zweitens sind so dermaßen genaue Zahlen in der Zukunft unseriös, denn wer trifft die Werte so genau, die 20 und mehr Jahre in der Zukunft liegen? Also: "ca.400 Millionen" anstatt 397 Milliarden würde besser klingen. Ansonsten weiter so, es macht Spaß zu wissen, dass es jemanden wie Bill Bonner gibt, der weiter denkt und es auch kommuniziert. Beste Grüße sendet....Norbert Scheid
Antworten - Kommentar von William (30.11. 2009 14:24 Uhr):
... Und im Jahr 2040 werden 397 Milliarden alte Menschen - mehr als die Gesamtbevölkerung von Frankreich, Deutschland, Italien, Japan und Großbritannien zusammen - diese fehlenden Arbeiter gemeinsam vermissen .... DIES SIND EINIGE MILLIARDEN ZUVIEL !
Antworten - Kommentar von Joachim Werner (30.11. 2009 17:22 Uhr):
mit den 397 Milliarden haben Sie sich wohl vertan
Antworten - Kommentar von weidner (30.11. 2009 18:55 Uhr):
397 miliarden menschen sind selbst für chinesen viel zu viel. an dieser stelle ein entschiedenes veto weil es jetzt reicht. wenn schon für deutsche aus amerika geschrieben wird sollten sollche fehler nicht auftreten. da zur zeit 6,... miliarden menschen auf der erde leben ( bezogen auf ihren Artikel )dürfte diese zahl nicht der wahrheit entsprechen.feststellen konnte ich des öffteren schon bei der betrachtung logischer zusammenhänge das millionen mit milliarden und milliarden mit billionen verwechselt werden.niemand ist bisher-so lange wie ich mich mit börse beschäftige(20 Jahre) - auf die idee gekommen den deutschen mitzuteilen ,dass die amerikaner wenn sie von milliarden reden millionen meinen und wenn sie von billionen reden milliarden meinen.diese aufdeckung würde so mancher reißerischen parole den gar ausmachen.oder? lieben gruß ihr leser weidner
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- Kommentar von Edmund Moser (02.12. 2009 10:04 Uhr):
Die 397 Milliarden alte Menschen sollte wohl 397 Millionen heißen.
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