Jetzt wird es sehr interessant an den Börsen!
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 12. Januar 2007 18:00 Uhr
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Leider auch etwas kompliziert. Ich will aber versuchen es strukturiert darzustellen, denn die nachstehenden Punkte werden die Börse in den nächsten Wochen maßgeblich beeinflussen. Das sind die Punkte, die Sie wissen müssen, um den weiteren Verlauf der Börsen zu verstehen und die Reaktion auf Nachrichten besser beurteilen zu können!
Wie ich gestern schon in den Konjunkturdaten angedeutet hatte, erleben wir im Moment einen Paradigmenwechsel.
Verlieren schlechte Konjunkturdaten ihren positiven Einfluss?
Bisher war es so, dass US-Konjunkturnachrichten, die eher schlecht, aber nicht allzu schlecht waren, gut für den Markt gewesen sind. Das geht seit zwei Jahren schon so. Als die US-Leitzinsen noch gestiegen sind, hoffte der Markt, schlechte Nachrichten könnten das Ende der Zinsanstiege verursachen. Jetzt und in den letzten Monaten führten schlechte Nachrichten dazu, dass der Markt mit sinkenden Zinsen rechnete (sinkende Zinsen sind gut für den Markt).
Nach zwei Jahren haben wir uns daran gewöhnt, dass schlechte Nachrichten zunächst zu einem Kursrutsch führen, dann aber wieder gekauft werden, bis der US-Markt im späten Handel dann doch wieder ins Plus gelaufen ist.
Soweit so gut.
Märkte steigen bei guten Nachrichten
Durch die sehr guten Arbeitsmarktdaten der vorherigen Woche, wie auch den verbesserten ISM-Index des verarbeitenden Gewerbes ist die Hoffnung, dass die Fed die Zinsen senken wird, stark zurückgegangen. Dieser Umstand wurde durch die bekannte Konsolidierung eingepreist.
Hintergrund ist folgender: Ein starker Arbeitsmarkt führt dazu, dass Arbeitskräfte gesucht werden. Mehr noch als in Deutschland führt das in den USA zu steigenden Löhnen, da dort die Tarife nicht so geregelt sind, wie hier. Steigende Löhne wiederum sind aber eines der Hauptargumente für Inflationssorgen.
Stellen Sie sich die Kette so vor: Immer mehr Menschen haben Arbeit. Deswegen können viel mehr Menschen nach Herzenslust konsumieren, vom Whopper bis hin zu teuren Sportschuhen. Wenn dann die Leute noch mehr verdienen, neigen gerade die Amerikaner zu einem wahren Konsumrausch. Die Nachfrage nach Waren nimmt deutlich zu.
Steigt aber die Nachfrage, so die alte Lehrbuchmeinung, steigen die Preise. Prompt hängt man in der Inflationsspirale.
Kurz: Gute Arbeitsmarktdaten = höhere Inflationsgefahren.
Gegen Inflation hat die Fed etwas
Inflationsgefahren begegnet die Fed gemeinhin mit Zinssteigerungen. Es ist also bei starken Arbeitsmarktdaten unwahrscheinlich, dass die Fed die Zinsen senkt - so der Marktkonsens. Sie wissen, ich gehe sowieso davon aus, dass die Fed die Zinsen eher unverändert lassen wird, weil es immer schon längere Phasen gab, an denen die Zinsen bei Werten um 5 % gelegen haben.
Der Ölpreis als Zünglein an der Waage
Zweiter Schritt.
Aber es gibt natürlich noch einen anderen Faktor: Den Ölpreis. Wie wir gesehen haben, sinkt der Ölpreis seit geraumer Zeit dramatisch. Und hier gibt es zwei Effekte:
- Dadurch, dass der Ölpreis sinkt, können Benzin, Heizöl und andere Preise ebenfalls sinken. Das dämpft die Inflation. Aber auch die Produktionskosten sinken. Da wir in den USA immer noch einen starken Wettbewerb sehen, verführt der starke Konkurrenzdruck die Unternehmen dazu, die Preise bei sinkenden Produktionskosten zu senken. Dieser übermäßige Wettbewerbsdruck ist, wie ich hier schon mehrfach erörtert habe, eine direkte Auswirkung der ausgebliebenen Rezession in den USA, die zu einer Marktbereinigung geführt hätte. Sprich: Unternehmen wären vom Markt verschwunden. Da das nicht der Fall ist, gibt es durch den starken Konkurrenzdruck einen Druck auf die Preise – das ist das, was ich mit verdeckten Deflationsgefahren meine. Kurz: fallender Ölpreis führt zu sinkenden Inflationsgefahren
- Auf der anderen Seite haben dann natürlich die Verbraucher mehr Geld zur Verfügung, das diese in den Konsum stecken können. Wenn das auf einen starken Arbeitsmarkt trifft, dann wird das auch noch die Konsumneigung anfeuern.
Sie sehen, es ist wie immer alles sehr komplex. Aber es geht noch weiter.
Konsum ist gut für die Wirtschaft
Wenn also ein starker Arbeitsmarkt und sinkende Ölpreise den Konsum antreiben, dann ist das erst einmal sehr gut für die Unternehmen. Dann steigen nämlich deren Umsätze. Wenn die Börse davon ausgeht, dass die Umsätze der Unternehmen anziehen, dann wird sie natürlich darauf spekulieren.
Und das ist der Paradigmenwechsel, von dem ich oben gesprochen habe. Es kann sein, dass die Börsen nun oder in naher Zukunft auf gute Konjunkturnachrichten hofft, darauf hofft, dass die Wirtschaft wieder anzieht. Es könnte also sein, dass gute Konjunkturnachrichten von nun an zunächst zu einem Kurseinbruch führen und dann zu stark steigenden Kursen. Also das genaue Gegenteil der letzten beiden Jahre! So geschehen bereits gestern, nach den guten Erstanträgen auf Arbeitslosenhilfe.
Gute Konjunkturnachrichten=US-Wirtschaft fällt nicht in eine Rezession, die Unternehmen haben mehr Geld = steigende Kurse.
Damit zum letzten Punkt dieser Ausführungen:
Nur, dann haben wir ein Problem: Denn der Ölpreis fällt unter anderem, weil die Marktteilnehmer bisher davon ausgegangen sind, dass die US-Wirtschaft in eine Rezession abgleitet. Die eigentliche Frage, um die sich die Analysten gestritten haben, war lediglich: Wird es eine sanfte Landung oder eine harte.
Wenn die US-Wirtschaft lahmt, dann hat das direkten Einfluss auf die Weltwirtschaft, da die USA der Hauptkonsument dieser Welt ist. Wenn die Weltwirtschaft in den Sog der US-Wirtschaft gerät, und stagniert, dann braucht die Welt nicht mehr so viel Öl.
Alte Lehrbuchmeinung: Sinkende Nachfrage (nach Öl) = sinkende Kurse.
Wie immer nimmt die Börse alles vorweg und deswegen ist der Ölpreis seit August letzten Jahres gesunken, wobei natürlich jetzt auch noch der warme Winter Öl ins Feuer gießt. (Wobei dieser Vergleich hier dramatisch hinkt.)
Gute Wirtschaft = steigender Ölpreis
Ein letztes „Wenn“: Wenn es also danach aussieht, als könne die US-Wirtschaft sich doch schneller als erwartet berappeln (siehe Punkte oben) dann dürfte es mit der Talfahrt des Ölpreises vorbei sein. Zumal Anfang Februar ein zyklisches Tief im Öl zu finden ist.
Ein allerletztes „Wenn“: Wenn der Ölpreis jedoch wieder steigt, dann steigen auch wieder die Inflationsgefahren, allerdings erst sehr zeitversetzt. Ein steigender Ölpreis wird aber sofort wieder den Konsum belasten.
Der Ölpreis und die US-Wirtschaft haben insoweit eine enge Verbindung, sie korrelieren miteinander und sind voneinander abhängig. Zwar sinkt die Bedeutung des Öls für die Weltwirtschaft stetig, aber bei den Kursschwankungen im Öl sind die Auswirkungen deutlich spürbar
Die Waage
Zum Schluss: Der Ölpreis und die US-Wirtschaftsdynamik werden also in den nächsten Wochen/Monaten versuchen, ein Gleichgewicht zu finden, wie auch immer das aussehen wird. Die Fed wird, so denke ich, versuchen dieses Gleichgewicht durch eine ruhige Hand bei den Zinsen zu unterstützen.
Warten wir also ab, ob gute Nachrichten nach und nach immer deutlicher zu Kursteigerungen führen.
Und damit, weil Wochenende ist und ich mir sicher bin, dass Sie ein paar weiter Zeilen nicht allzusehr quälen werden:
Der Ölpreis im Chart
Es gibt im Moment zwei mögliche und idealtypisch weiter gedachte Szenarien:
Es gibt eine wichtige Unterstützungszone beim Öl, das ist die 52,50er Marke. Diese bildet sich aus dem Hoch im Herbst 2004 und dem Tief im Herbst 2005. Sollte der Ölpreis an dieser Marke sein Tief finden, wird eine inverse Schulter-Kopf-Schulter (SKS) Formation als Umkehrformation wahrscheinlich. Das würde dafür sprechen, dass wir genau im Herbst, denkt man es symmetrisch weiter, wieder beim Hoch unter 80 Dollar stehen. Dort sollte es dann zu einem großen Doppeltop kommen, aber das muss man dann sehen. Im Anschluss wäre ein lange Seitwärtsbewegung denkbar.
Die andere Variante:
Wenn es sich bei der aktuellen Korrektur um eine idealtypische „abc“ Korrektur handelt, wenn also die 52er Marke nach unten verlassen wird, dann sind Kurse bis runter auf 42 € denkbar. Wobei ich vermute, Öl würde bereits etwas höher seinen Boden finden, also zwischen 42 und 47 €. 47 € wäre eine 50 % Korrektur wenn man den Gesamttrend betrachtet.
Kommt es zu dieser „C“ und geht diese bis 42 Dollar, wäre der Ölpreis erst einmal „durch“. Neue Hochs wären höchst unwahrscheinlich. Nach einer heftigen Gegenbewegung wäre die Zukunft ungewiss.
Das sind die beiden Szenarien, die ich Ihnen nicht vorenthalten wollte.

