Jetzt wird es interessant, denn ...
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 05. August 2005 18:00 Uhr
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ein Markt ist nur über seine Konsolidierungen sauber zu analysieren – letzten Endes. Die aktuelle Konsolidierung wird viel über den weiteren Verlauf im Dax verraten. Der Dax hat bei der 4930er Marke angehalten. Das allein ist durch den Einbruch nach dem Anschlag in London noch kein eindeutiger Hinweis. Nur die aktuelle Konsolidierung wird den Weg weisen. Hört sie schnell auf, wird das Top schnell wieder überwunden, dann sehen wir noch die 3. Aufwärtsbewegung. Geht Sie jedoch zu tief, deutlich unter die 4780 Punkte, verwässert die Dynamik.
Die Sommerblümchenstimmung hat ein Ende, nun kann man wieder über Börse schreiben, erfreulich.
Allerdings erst unter 4600 Punkte muss man sich mittelfristig Sorgen um den Aufwärtstrend machen. Alles bis dahin ist bullish.
Nicht wirklich bearish ...
Interessant ist zudem, wie schnell die Stimmung aus dem Bullenmodus in den Bärenmodus kippt. Fast 800 Punkte ist der Dax in einem Rutsch gestiegen – kaum fällt er mal zwei Tage und das noch nicht einmal dramatisch, schon liest man wieder Sätze wie: "Jetzt wird der Crash kommen!" Solange vom Crash geredet wird, kommt er nicht.
Es kann immer alles sein
Klar kann es sein, dass wir in dieser Woche das Topp gesehen haben, das kann immer sein, bei jedem neuem Hoch. Wirklich wissen kann das keiner. Es geht jedoch an den Börsen nicht um "Wissen", es gibt kein Wissen, was morgen passiert, es gibt keine sicheren Trades, es gibt kein sicheres System. An den Börsen geht es um die Beherrschung des Chaos, anhand von Wahrscheinlichkeiten und Ungleichgewichten. Jeder, der Ihnen etwas anderes erzählen will, outet sich im Prinzip nur als Ahnungsloser.
Ich bleibe weiter bullish, solange ich auf der Longseite mehr Geld verdiene, als auf der Short-Seite. Wenn ich merke, dass ich auf der Longseite kein Geld mehr verdiene, dann werde ich bearish. Eigentlich verrät Ihnen ihr Depot schon, wo der Markt hinwill.
Aber Sie können die eigenen Chancen, die Wahrscheinlichkeiten erhöhen, wenn Sie auch das Umfeld beobachten. Im Moment könnte zum Thema für die Märkte werden, dass schwarz-gelb in den letzten Umfragen keine klare Mehrheit mehr hat.
Große Koalition ist keine Lösung
Die Börsen wollen schwarz-gelb, keine Frage. Hier herrscht Unsicherheitspotenzial, das zunehmend eingepreist werden wird.
Umfragen zufolge will die Bevölkerung eine große Koalition. Ich schätze, das hat etwas damit zu tun, dass die Menschen hoffen, dann würden die großen Parteien an einem Strick ziehen. Dahinter mag sich der Wunsch nach Harmonie, nach vereinten und konzentrierten Kräften in der Krise und ähnliches verbergen. In einer Krise muss man zusammenhalten, das ist ein menschlicher Trieb. Leider ist diese Hoffnung natürlich im höchsten Maße unrealistisch.
Es herrschen, auch wenn man das manchmal kaum glauben mag, fundamentale Grabenkriege zwischen der CDU und der SPD. Beide Parteien würden viel lieber diesen Strick, an dem sie dann gemeinsam ziehen müssten, nehmen und sie der anderen Partei um den Hals legen.
Aus Sicht einer starken Reformpolitik und der Wirtschaft wäre eine große Koalition eine überaus schwache Alternative. Im Prinzip ist das nichts weiter als die Fortsetzung der aktuellen Politik nur unter der Führung von Merkel. Die CDU würde Vorschläge machen und die SPD würde sie ausbremsen. Das Spiel hatten wir umgekehrt nun schon lange genug. War es nicht das, was die Bevölkerung endlich beendet sehen wollten? Vielmehr als ein Regierungswechsel an sich?
Wie gesagt, aus wirtschaftlicher Sicht ist eine große Koalition für die Börsen kein Grund zum Jubeln. Die Börsen werden auch diese Möglichkeit einpreisen.
Zinssorgen belasten US-Märkte
Ein zweiter Grund, der die Börsen belasten wird, ist, dass die US- Zinserhöhungsphase durch den hohen Ölpreis länger gehen kann, als gedacht. Die Ölpreise treiben die Inflation, dagegen muss die Fed etwas tun. Im Moment wird bereits ein Zins bis 4,5 / 4,75 Prozent an den Börsen gehandelt. Das kann die amerikanischen Börsen ausbremsen. Sie wissen um die Tatsache, dass der Dax nur mit den Amis in dieser Übertreibungsphase einmünden kann.
Nur, es sind immer "schlechte" Nachrichten, die eine Konsolidierung einleiten, schließlich müssen Menschen zu Verkäufen gebracht werden. Zu prüfen bleibt die langfristige Aussicht. Dazu mehr in den nächsten Tagen.
Jetzt aber zu den Konjunkturdaten und deren Auswirkungen:
Die Zahl der Beschäftigten (ohne Landwirtschaft) ist um 207.000 gestiegen. Erwartet wurden 175.000 bis 180.000 neue Arbeitsplätze nach zuvor 166.000 (revidiert von 146.000).
Ein sehr gutes Ergebnis nach dem schlechten ISM Teilindex Beschäftigung. Natürlich immer noch nicht ausreichend, mehr als 250.000 je Monat sollten es schon sein.
Viel wichtiger war aber, dass die durchschnittlichen Stundenlöhne um 0,06 US-Dollar bzw. 0,4 % auf 16,13 US-Dollar gestiegen sind. Erwartet wurde ein Anstieg um 0,2 bis 0,3 % nach zuvor +0,2 %.
Da der Ölpreis die Inflationsängste schürt, reagierten die Märkte auf die gestiegenen Stundenlöhne empfindlich. Jetzt werden mehr und mehr Analysten damit rechnen, dass die US-Zinsen auf 4,75 Prozent steigen müssen. Die Märkte preisen diese Sorge ein.
Auf der anderen Seite sind das gute Nachrichten, denn dadurch können die Menschen die höheren Öl- und Energiepreise besser abfedern, ohne dass der US-Konsum zu sehr belastet wird.
Zusammengefasst: Kurzfristig belastend, mittelfristig ist es positiv, dass mehr Stellen geschaffen werden und dass höhere Löhne bezahlt werden. Letzter verdrängt zudem die Deflationssorgen noch ein wenig mehr aus dem Bewusstsein der Anleger.
Am Dienstag ist Fed Sitzung, ich denke die Fed wird übertriebenen Zinserhöhungssorgen entgegentreten. Ab Montag/Dienstag können die Kurse also wieder steigen.