Jetzt geht das gleiche nervige Spiel wieder los
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 15. November 2006 18:00 Uhr
ENL5454
Ich mag es nicht, wenn ein Markt so deutlich steigt, ohne zu konsolidieren und dann immer weiter und weiter läuft. Es ist das gleiche Spiel wie zum Jahreswechsel:
Schauen Sie sich den Chart an. Sie sehen, wir machen seit Juli im Prinzip die gleiche Entwicklung mit, wie wir Sie von Oktober bis dann schlussendlich Mai mitgemacht haben. Es steigt in kleinsten Schwankungen immer weiter an, ohne größere Konsolidierungen – wobei der aktuelle Anstieg da fast noch schlimmer ist, als der Anstieg bis zum Mai.
Warum das nervig ist? Jeder vernünftige Marktteilnehmer kauft am liebsten nach und in Konsolidierungen - dann, wenn der Markt bereinigt und nicht mehr so überkauft ist. Wenn aber die Kurse immer weiter steigen, dann wird es sehr schwierig, denn dann wird man, sofern man noch mitmischen will, zu immer neuen Höchstkursen einsteigen müssen. Und Sie kennen sicherlich das ungute Gefühl dabei, vielleicht doch gerade genau am Top gekauft zu haben.
Wie gesagt, eine Konsolidierung kann jeden Sekunde über uns hereinbrechen – die Stimmung ist wieder kurzfristig zu bullish und damit gefährlich, aber:
Nasdaq100 ist ausgebrochen!
Der Nasdaq hat den Ausbruch aus der Widerstandszone soweit geschafft, deutlich, mit Dynamik und entsprechendem Umsatz. Auslöser war neben einem positiven Statement eines Fedmitglieds auch, dass nach den Zahlen gestern, jetzt wieder bereits zwei Zinssenkungen für 2007 eingepreist werden.
Nun ist das Kursziel die obere Linie des Aufwärtstrends bei 1850-1870, wenn man den steilen und engen Trend, den der Nasdaq100 seit Sommer dieses Jahres ausgebildet hat, weiterdenkt. An dieser Linie kann es zu einer Konsolidierung kommen. Da jedoch der große Trend zuvor im Tief nach unten gebrochen wurde, ist ein Ausbruch nach oben durchaus im Rahmen der Wahrscheinlichkeit. Aber wir wollen nicht zu weit vorausschauen. Im Moment muss sich erst noch zeigen, ob der Nasdaq100 seinen Ausbruch auch verteidigen kann.
Auf der anderen Seite ist es natürlich auch so, dass das Problem mit dem Einstieg nicht nur ich habe, sondern alle, auch die institutionellen Anleger. Und bei weiter steigenden Kursen werden immer mehr Anleger in den Markt getrieben. So nährt die Hausse die Hausse. Und alles unter der beständigen Gefahr, dass jederzeit eine größere Konsolidierung starten kann.
Übertreibungsphase noch nicht zu erkennen
Wenn ich mir den Dax anschaue, vermisse ich immer noch, wie schon im Mai, die „Übertreibungsphase“. Eine Phase in der der Dax wesentlich steiler und dynamischer und volatiler nach oben schießt und die Stimmung entsprechend extrem bullish ist. Wenn so eine Phase auftaucht, dann würde ich sehr, sehr vorsichtig werden. Dann könnte uns eine längere Konsolidierung blühen, als die, die wir im Mai gesehen haben.
Von der Börsen-Flüsterpost zur Massenhysterie
Noch eine Ergänzung zu gestern: Ich glaube das Beispiel mit der Inflation, das Sie in den letzten Monaten live miterleben konnten, ist gut geeignet, um deutlich zu machen, dass das, was Sie in den Medien lesen, oft genug eine „Mainstreamhysterie“ ist, von der Sie sich loslösen müssen!
Es geht mir dabei nicht darum, andere Kommentatoren oder bestimmte Medien an den Pranger zu stellen. Wir machen alle Fehler, wir werden alle auch einmal Analysen erstellen, die sich kurze Zeit später an der Realität in Rauch auflösen – wir sind alle nur Menschen.
Aber es geht darum zu erkennen, was „Mainstreamhysterie“ ist, wie sie entsteht, um sie dann zu erkennen und sich abseits von diesen Mainstreamgedanken eigene Gedanken zu machen. Einfach mit simpler Logik zu erahnen, wo der Braten wirklich hängt, um sich davon ein Scheibchen abzuschneiden.
Die Gefahr der Aktualität
Dazu sollten Sie sich das Nachrichtensystem anschauen: Die Redakteure, sicherlich auch viele Analysten, besonders aber auch die Fernsehsender und andere arbeiten unter hohem Zeitdruck. Hier müssen in kürzester Zeit Texte und Bewertungen zu den tagesaktuellen Geschehnissen abgeliefert werden. Das gilt ganz besonders für die Börse, schließlich sind hier Nachrichten schneller veraltet, als in jedem anderen Metier.
Wenn ich mir anschaue, wie schnell zum Beispiel nach bestimmten Konjunkturdaten bereits die ersten Kommentare veröffentlicht werden (10-15 Minuten), verstehe ich, dass es zu bestimmten „Fehleinschätzungen“ kommt und kommen muss. Es bleibt einfach keine Zeit, einmal in Ruhe nachzudenken oder zu recherchieren.
Ist dann einmal eine solche Meldung in die Welt gesetzt, wird ein Prozess angestoßen, der eigentlich nur mit dem Kinderspiel „Flüsterpost“ zu vergleichen ist. Andere Redakteure und Analysten stürzen sich auf diese ersten schnellen Veröffentlichungen, mischen ihren eigenen Senf dazu, und fabrizieren ihre eigene Wirklichkeit daraus, die sie ebenfalls veröffentlichen. Alles, wie gesagt, in Windeseile. Auf einmal entstehen Gerüchte, falsche Bewertungen, etc. Denn diese Information werden über das Internet wiederum von anderen gelesen, die sie ebenfalls „weiterverarbeiten“. Das geschieht nicht einmal im Sinne von „geistigem Diebstahl“ oder der Unfähigkeit selber etwas zu schreiben, sondern vielmehr aufgrund der Informationsrecherche über das Internet. Wir sind alle Teil dieser Flüsterpost, denn welcher Redakteur könnte sich davon frei machen?
Angst verkauft sich
Hinzu gesellt sich dann noch die Tatsache, dass in den Medien gilt: „Fear sells“ - Angst verkauft sich. Es müssen also kräftige Schlagzeilen her, die sich aus dem Medienbrei hervorheben: „Wird die Wirtschaft in den USA Opfer der Inflation?“ So werden aus „normalen“ Themen auf einmal höchst brisante Themen. Diese werden dann wieder von anderen aufgenommen und noch einmal mit ein zusätzlich Prise „Brisanz“ versehen, schnell ist die Wahrheit versalzen.
Wenn dann schlussendlich auch noch Kommentatoren mitmischen, die versuchen durch seltsamste Meinungen auf sich aufmerksam zu machen (bestes Beispiel sind die Untergangspropheten, aber auch manche Extrembullen), in der Hoffnung einmal richtig zu liegen und damit dann ganz groß rauszukommen, wird es bunt.
Prompt haben wir eine Massenhysterie!
So war es wahrscheinlich auch bei dem Thema Inflation im Sommer. Dabei besteht keine Frage, dass Inflation in den USA ein Thema war und ist, die Zahlen sprachen und sprechen auch immer noch eine eindeutige Sprache. Die Frage ist wie immer, wie bewertet man dieses Thema, welche Relevanz wird es für den Markt haben und ganz besonders, welche Ursachen stecken dahinter (hier zum Beispiel der Ölpreis). Dann gilt noch zu prüfen, welche Faktoren dafür oder dagegen sprechen, dass dieses Thema vielleicht bald keine Relevanz mehr haben wird.
Sie sind den Redakteuren in einer Hinsicht überlegen
Und hier ist einfach gesunder, aber distanzierter Menschenverstand gefragt. Und Sie haben einen großen Vorteil: „Zeit“! Damit sind sie vielen Redakteuren überlegen. Nun muss man sich nur noch von der gerade in Deutschland weit verbreiteten Ansicht lösen, dass alles was geschrieben steht auch wahr sei, ein wenig selber recherchieren, nachforschen und schon wird man zu guten Prognosen gelangen.
Die Mainstreammeinungen sind sind hingegen in den meisten Fällen entweder komplett falsch oder zumindest stark eingefärbt. Oft genug gereichen sie als Kontraindikatoren.
In diesem Sinne
Viele Grüße
Ihr
Jochen Steffens
P.S. Heute habe ich übrigens einen Kommentar gelesen, der jetzt auch schon auf die Möglichkeit einer Deflation hingewiesen hat – damit simmer schon zwei. Ich bin gespannt, ob und wann weitere folgen.

