Jenseits von Nietzsche
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 17. November 2003 18:00 Uhr
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Wir Menschen schmeicheln uns selbst. Wir glauben, dass wir vernünftige Leute sind. Wir sind mit unserer Vernunft bei Dingen, von denen wir etwas verstehen, so erfolgreich, dass wir nicht widerstehen können und denselben Prozess auch auf Dinge anwenden, von denen wir überhaupt keine Ahnung haben.
Wir versuchen, den Sinn der Ereignisse zu beschreiben, die um uns herum passieren, indem wir diesen "Gründe" zuweisen ... und dann schauen wir nach vorne und leiten daraus ab, zu was diese Gründe als nächstes führen werden.
Aus der Sicht eines Investors sind die Ereignisse, die wir kommen sehen, uninteressant. Denn diese Ereignisse werden kaum Gewinne bringen. Eine Gesellschaft, die Jahr für Jahr 20 Cents pro Aktie erwirtschaftet, für ein gesamtes Jahrhundert lang, bietet wenig Überraschungen. Die Investoren werden bei einer solchen Aktie selten von Enthusiasmus oder Verzweiflung überwältigt.
Und dennoch gibt es Zeiten, in denen man diese Aktien kaufen sollte, und Zeiten, in denen man sie verkaufen sollte. Denn die Welt steht nicht still. Unter den offensichtlichen und vorhersehbaren Trends liegen weniger offensichtliche ... einige davon scheinen völlig unvorhersehbar, und dennoch haben auch sie ihre Muster. Es sind diese Trends, die die tragischen Überraschungen produzieren, die komischen Momente und die lächerlichen Szenen, die Künstler und Historiker inspirieren.
Hier beim Investor's Daily sind es genau diese zuletzt genannten Muster, die uns interessieren. Nicht nur deshalb, weil sie unterhaltsamer sind, sondern auch, weil das die profitabelsten sind. Es sind die unerwarteten Ereignisse, die am stärksten in Bezug auf die Kurse bzw. Preise falsch bewertet sind. Und es ist das unvorhergesehene Unglück, dass den größten Schaden anrichtet. Aber gerade dieses Unerwartete zu sehen ist nicht leicht. Auch wir vom Investor's Daily haben unsere richtigen und unsere falschen Einschätzungen.
Aber wir verrichten unsere Arbeit mit der Geduld der Proto-Volkswirte Adam Smith und Adam Ferguson. Ferguson war ein schottischer Moralphilosoph im 18. Jahrhundert. Ich versuche nicht, die Zukunft vorherzusagen, sondern nur, die Natur der Menschen zu verstehen. Ich studiere den Menschen, als ob er zum Beispiel ein Honigbär sei: Gleichzeitig hinreißend, gefährlich und geistesschwach – und ich versuche, herauszufinden, was er als nächstes tun wird.
Was einzigartig – mehr oder weniger – am Menschen ist, ist seine Fähigkeit zur Vernunft. Anders als eine Mücke oder ein Känguru kann ein Mensch 2 und 2 zusammenzählen. Er kommt dabei öfter auf 4 als nicht. Aber wenn er dieselbe Logik auf Dinge anwendet, die ihm fremd sind – wie zum Beispiel auf die Frage, wie man im Nahen Osten Frieden schaffen kann oder wie man einen Boom an der Wall Street erzeugen kann –, dann wird aus 2 und 2 zum Beispiel 5,245 oder ein Sumpf in Indonesien ... und die gesamte Gleichung wird kompletter Unsinn.
Vernunft ist die größte Stärke der Menschheit – und gleichzeitig ihre größte Schwäche.
Nietzsche hat zwei Arten von Kenntnissen identifiziert. Es gibt die Dinge, die man aus persönlicher Erfahrung und Beobachtung weiß, und das nannte er "Erfahrung". Und es gibt die Abstraktionen, von denen man denkt, dass man sie weiß – also die Art von Dingen, die in den Zeitungen stehen. Das nannte er "Wissen".
Heute fahre ich in der Nietzsche-Tradition der Gelehrsamkeit fort, und in meiner traditionell pseudo-intellektuellen Art erweitere ich die Erkenntnisse von Nietzsche. Nicht nur, dass es zwei Formen von Kenntnissen gibt – es gibt auch zwei komplett verschiedene Wege des Nachdenkens.
Die erste Art von Nachdenken ist die über Dinge, von denen man etwas weiß. Wenn man z.B. jemand auf einem Baum herumklettern sieht und dann bemerkt, dass der Ast abbricht ... dann kann man vernünftig schlussfolgern, dass einem selbst das in vergleichbaren Umständen auch passieren würde. Ich nenne diese Art von Denken "schwer überlegen".
Aber wenn man über den "Krieg gegen den Terror" oder die nächste Wahl nachdenkt, dann nutzt man einen ganz anderen Denkprozess. Statt über Dinge, die man kennt, nachzudenken ... denkt man über Dinge nach, die man nicht kennen kann und noch nicht einmal erklären kann. Ich nenne diese Art von Denken "leicht denken". Ein Beispiel dafür ist eine Schlagzeile in einer Zeitung: "Zeit für Amerika, zu intervenieren."
Amerika kann nicht intervenieren, denn die Nation existiert nur als eine Abstraktion. Ein amerikanischer Soldat kann jemanden erschießen ... ein amerikanisches Flugzeit kann eine Bombe abwerfen ... aber Amerika selbst ist viel zu groß. Was "Amerika" tut, das wird nur von einem ganz geringen Prozentsatz des Ganzen getan ... die meisten Amerikaner werden dabei keine Rolle spielen, einige werden dagegen sein ... und mehr als ein paar werden überhaupt nicht mitbekommen, was passiert.
Oder eine weitere Schlagzeile: "Die amerikanische Antwort muss durch das strategische Bewusstsein aller beteiligten Interessen geleitet sein."
Was heißt das? Nehmen wir zum Beispiel die amerikanischen Interessen. Was sind das für welche? Wer kann das sagen? Die Amerikaner haben verschiedene Interessen – ihre Angehörigen, Urlaub, Geschäftsbeziehungen –, aber das sind nicht notwendigerweise dieselben Interessen.
Man könnte allgemein sagen, dass "Amerika ein Interesse an Frieden" im Mittleren Osten hat. Aber zu welchem Preis? Unter welchen Bedingungen? Selbst wenn diese Aussage stimmt, dann kann man nicht wissen, welche Handlungen dazu führen werden.
Aber die Leute nehmen diese Art von Denken ernst. Sie denken, dass sie die großen Dinge genau wie die kleinen verstehen können, und dass sie die Weltereignisse so manipulieren können, wie sie durch das Zusammenreiben von zwei trockenen Stöcken Feuer erzeugen können.
"Deutschland muss zahlen ..." das forderte 1919 die französische Zeitung Le Temps. "Der Feind muss für alles zahlen ... das ist das fundamentale Prinzip." Am Ende des Ersten Weltkriegs gab es die große Illusion, dass Deutschland die hohen Kosten der Alliierten für den teuersten Krieg der Welt ersetzen würde bzw. könnte. Alle Kriegsteilnehmer hatten sich während des Krieges stark verschuldet, um die Kriegsführung finanzieren zu können. Jetzt wollten sie alle, dass Deutschland ihre Schulden bezahlen sollte.
Womit sollte Deutschland zahlen? Das Land lag am Boden. Die deutsche Wirtschaft war ruiniert. Deutschland hatte sich selbst kolossal verschuldet, um den Krieg zu finanzieren – und zwar hatte es Schulden in der Höhe des Dreifachen des Bruttoinlandsproduktes aufgenommen! Die deutschen politischen und sozialen Strukturen wankten. Das Land befand sich bei Kriegsende am Rande einer Revolution.
Und nebenbei gesagt – wie der Ökonom Keynes betont hat: Der Waffenstillstand wurde auf der Grundlage der alliierten Zusage abgeschlossen, dass Deutschland nicht mehr als seinen fairen Anteil an den Kriegskosten bezahlen sollte. Aber dieses Argument stieß später auf taube Ohren ... aber die jungen Nazis griffen es auf, um zu zeigen, dass Deutschland einen "Dolchstoß in den Rücken" erhalten habe.
Natürlich konnte Deutschland die geforderten Summen (die sogenannten "Reparationen") nicht aufbringen. Von den geforderten 152 Milliarden Goldmark wurden nur 23 Milliarden gezahlt. Und selbst diese moderate Summe hatte eine schlimme Folge: "Die Weltwirtschaftskrise von 1929 war zum Teil durch die finanziellen Illusionen von 1919 verschärft worden", so der französische Historiker Simonnot.
Krieg zahlt sich nicht aus.
Aber vom Kriegsbeginn bis zum Kriegsende half das "leicht Denken" den Leuten, zu glauben, was sie glauben wollten – dass der Krieg kurz und siegreich sein würde, dass die Kosten des Krieges jemand anderes übernehmen würde. Der Erste Weltkrieg lief so ab, wie es wohl kaum eine einzige Person in der gesamten Welt vorher erwartet hatte. Und er lief so ab, wie es sich wohl niemand gewünscht hätte – bis auf ein paar verrückte extremistische Revolutionäre vielleicht.
Wie ist das möglich, liebe(r) Leser(in)? Die klügsten Köpfe der Welt – Millionen von ihnen – setzten sich mit einem Thema auseinander, bei dem es um Leben und Tod ging ... und trotzdem konnte es kaum eine einzige Person verstehen oder sogar richtig prognostizieren.
Was soll man davon halten ... wenn das Resultat ihres zusammengefassten Denkens die größte Katastrophe war, die bis dahin die Menschheit befallen hatte? Denn der Erste Weltkrieg war keine Naturkatastrophe. Kein Vesuv hat die Menschen in Asche erstickt. Stattdessen wurden Millionen im europäischen Schlamm durch Kanonen und Maschinengewehrfeuer niedergemäht. Es war kein Asteroid, der auf die Erde prallte ... keine Dürre oder keine Pest. Und dennoch waren bei Kriegsende Millionen Menschen tot.
Ein Drittel des französischen Kapitals war dafür verbraucht worden. Ein Drittel des britischen Kapitals. Und ein Fünftel des deutschen Kapitals. Und danach ging die Menschheit wieder "back to business" ... auf ihrem Weg zum nächsten großen Fehler.
Ihr Autor Bill Bonner, auf dem Weg dazu, seinen nächsten großen Fehler zu machen ...