Japanika – Teil 3 von 3
Dan Denning in Traders Daily
vom 09. März 2007 12:00 Uhr
ENL5454
Tversky und Khaneman zeigen, dass menschliche Wesen, die vor die Wahl gestellt werden: entweder ein wenig wahrscheinlicher aber umfangreicher Verlust, oder ein wahrscheinlicher aber nur geringer Verlust, dazu neigen, den größeren aber weniger wahrscheinlichen Verlust zu wählen. Oder, in der Sprache des Laien: Wenn Sie vor die Wahl gestellt wären, mit Sicherheit 20 Dollar zu verlieren, oder mit einer 30prozentigen Wahrscheinlichkeit 60 Dollar zu verlieren, würden Sie, wenn Sie sich wie die meisten der federlosen Zweifüßler auf diesem Planeten verhielten, die dreißigprozentige Wahrscheinlichkeit sechzig Dollar zu verlieren vorziehen.
Das ergibt innerhalb einer seltsamen Art emotionaler Logik Sinn. Vor die Wahl zwischen dem sicheren Verlust von 20 Dollar oder den möglichen Verlust der dreifachen Menge (mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:3) gestellt, entscheiden sich die Investoren für das weniger wahrscheinliche Ereignis der höheren Größenordnung.
Wenn man jedoch die statistische, empirische und psychologische Erkenntnis am Markt ansetzt – und hier meine ich die Wertpapiermärkte, die im weltweiten Ausmaß zum Vorschein kommen und in Echtzeit aufeinander reagieren – dann sind die Ergebnisse erstaunlich. Es bedeutet, dass man davon ausgehen kann, dass sich die Leute auf immer riskanteres Verhalten einlassen, und fast immer die größeren Verluste den geringeren Verlusten vorziehen.
“Doch einen Moment noch”, rufen sie, “Sie vergessen die Wahrscheinlichkeiten. Warum sollte man einen sicheren Verlust einem wahrscheinlichen Verlust vorziehen?“
Das ist eine gute Frage. Doch vielleicht ist ihre Vorstellung von einem wahrscheinlichen Verlust falsch. Investoren arbeiten unter der Grundannahme, dass größere Verluste an den heutigen Märkten Ereignisse mit geringerer Wahrscheinlichkeit sind. Es gibt auch den weitverbreiteten Glauben, dass je größer ein Markt wird, und je stärker die Märkte untereinander verflochten sind, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit wirklich halsbrecherischer Verluste. Das Problem mit dieser akademischen Theorie ist, dass sie genau, ausdrücklich und kategorisch falsch ist.
Die Theorie, auf die ich mich hier beziehe lautet, dass Markteinbrüche statistisch gesehen selten sind und dass sie an einer Glockenkurve mit der Normalverteilung der Preisbewegung modelliert werden können. Die meiste Bewegungen lägen bei einer klassischen Glockenkurve innerhalb der einen oder anderen Standardabweichung vom Mittelwert. Für Aktien formuliert hieße das, dass es nur wenige Fälle gibt, in denen der Markt sich deutlich unter oder über die durchschnittlichen Gewinne bewegt. Die meisten Gewinne fallen danach eher nüchtern aus und sind ziemlich vorhersagbar. Außerdem gäbe es wenige Einbrüche und noch seltener gäbe es Gewinne im dreistelligen Bereich. Doch die Beweislage sieht anders aus.
„Zwischen 1916 und 2003“, schreibt Benoit Madelbrot in ‚The Misbehaviour of Markets’, „stellen sich die Indexbewegungen des Dow Jones Industrial Average Index auf dem Zeichenpapier nicht so dar wie eine einfache Glockenkurve. Die äußeren Kanten brechen zu weit aus: es gibt zu viele große Veränderungen. Die Theorie sagt für diesen Zeitraum voraus, dass es 58 Tage hätte geben sollen, an denen sich der Dow um mehr als 3,4% bewegt. Tatsächlich waren es 1.001 Tage. Die Theorie sagt sechs Tage mit Ausschlägen des Index von über 4,5% voraus, tatsächlich waren es jedoch 366. Und die Ausschläge von mehr als 7% sollten sich nur einmal innerhalb von 300.000 Jahren ereignen. Insgesamt hat das 20. Jahrhundert 48 solcher Tage erlebt. Das ist wirklich eine unheilvolle Zeit, die darauf zu bestehen scheint, alle Vorhersagen zur Schau zu stellen. Aber vielleicht sind auch unsere Grundannahmen falsch.“
Und wie steht es mit dieser neuen Ära, liebe Leser? Wenn Sie Mandelbrots Erkenntnisse mit denen von Kahneman und Tversky vergleichen, dann erhalten Sie ein Bild gesteigerter Volatilität und risikofreudigeren Verhaltens. Leute, die kurz davor stehen, viel zu verlieren, riskieren umso mehr.
Die einzige Frage ist, wie hoch die Einsätze ausfallen werden. Und meine Erkenntnis ist, dass der weltweite Topf der Wertpapiere und Anlagewerte noch Raum zum Wachsen hat. Die Volatilität war in den vergangenen Jahren verdächtig still. Sie mag diese Woche durch die Hintertür in Shanghai wieder zurückgekehrt sein. Aber rechnen sie nicht damit, dass es die Investoren konservativer werden lässt und eine Rally bei den festverzinslichen Papieren oder bei den Anleihen hervorruft.
Eher werden wir wohl ein ganz neues Niveau der weltweiten Spekulation zu erwarten haben, eine Größenordnung, die alles übertrifft, was zuvor gewesen ist. Dieses Spiel, die Weltmeisterschaften der Spekulation, ist die Finalrunde eines Experiments mit ungedecktem Geld, Geld, hinter dem keine echten Vermögenswerte stehen. Doch denke ich, es wäre ein Fehler, davon auszugehen, dass wir schon jetzt in der Finalrunde sind.
Diese Tragödie/Komödie hat noch mindestens einen Akt oder einige Jahre vor sich. Und in dieser Zeit empfehle ich, den Stuhl heranzuziehen, Popcorn zu machen (wenn Sie sich das bei den heutigen Preisen noch leisten können) und das Spektakel zu genießen.