Jahresausblick 2012
Henrik Voigt in DAX Daily zum Thema Börse
vom 2. Januar 2012, 08:30 Uhr
ENL5454
das neue Jahr hat begonnen. Ich wünsche Ihnen, dass Ihre Wünsche und Hoffnungen in Erfüllung gehen. Was die Börsen angeht, so halte ich es für wenig zielführend, irgendwelche Kursziele für den Jahresendstand herumzureichen. Die Möglichkeiten ausgehend von der aktuellen Wegkreuzung sind einfach zu mannigfaltig. Allerdings rechne ich für 2012 eher mit einer größeren Abwärtsbewegung als mit einem neuen Bullenmarkt. Hier meine Begründungen dafür (charttechnische Analysen folgen in einigen der nächsten Ausgaben):
Die Politik lässt sich reihenweise „große Würfe" einfallen, um einen echten Kollaps des maßlos überschuldeten Wirtschafts- und Finanzsystems so lange wie möglich zu vermeiden. Die meisten davon sind das Papier nicht wert. Eine echte Lösung ist bisher nicht in Sicht. Die wird es auch mit den „Standardmaßnahmen" wie Garantien, Rettungspaketen, Sparprogrammen, Absichtserklärungen, Zinssenkungen, Liquiditätszufuhr bis hin zum Geld drucken nicht geben. Man möchte um jeden Preis alles „retten", aber niemand will letztlich dafür zahlen. Aber Kapitalismus ohne Bankrott ist wie das Christentum ohne Hölle. Und so werden immer diejenigen davon profitieren, die es eigentlich am wenigsten verdienen.
Natürlich hält sich hartnäckig die Hoffnung, dass die Krise einfach so verschwindet. Die Leute suchen weiter nach einer Lösung, die es nicht geben kann: Dass der Geist wieder zurück in die Flasche geht. Da unterschätzt man aber die exponentielle Wirkung des Zinseszinses gewaltig. Die Schuldenproblematik hat sich in den letzten Jahren nicht verringert, sondern trotz (oder sogar wegen) aller Lösungsversuche dramatisch verstärkt. Im Jahr 2008 war das Problem noch privatwirtschaftlicher Natur (es betraf vor allem Banken und US-Hausbesitzer). Heute haben wir ein Problem, das die Staaten, die Finanzwirtschaft und einen Großteil der Realwirtschaft betrifft. Das Problem dabei ist, dass die Politiker uns nicht die Wahrheit sagen.
Wie soll man auch 10 Billionen Dollar Staatsschulden allein in der OECD, auf die jährlich hohe zweistellige Milliardenbeträge an Zinsen anfallen, wieder wegsparen? Wenn die Verschuldung bereits Größenordnungen erreicht hat, die in vielen Ländern die gesamte jährliche Wirtschaftsleistung übersteigen? Und diese Wirtschaftsleistung, wie im Falle Griechenlands, Italiens oder Hollands bereits deutlich sinkt und so immer weniger Steuereinnahmen bringt?
Optimismus ist sicher in vielen Situationen nützlich, aber er sollte den Blick für die Realität nicht verstellen. Spätestens seit dem Augustcrash dürfte klar sein, dass wir es nicht mit einem normalen Abschwung zu tun haben, sondern mit einer echten Schuldenkrise. Und zwar nicht nur in Europa, sondern in der gesamten westlichen Welt (die USA und Japan ganz besonders eingeschlossen). Und die oben genannten 10 Billionen Dollar sind geradezu niedlich, wenn man sich die 600 Billionen Dollar (kein Tippfehler!) an offenen Derivatepositionen des weltweiten Bankensystems (vor allem des amerikanischen) vor Augen führt. Sie merken bereits an den Größenordnungen: Hier müssen andere Lösungen her. Kein Wunder, dass der Ruf nach einem Reset des Finanzsystems lauter wird. Nur wie der aussehen soll, das weiß niemand. Eine solche Situation hat es schlichtweg nie gegeben. Es wird wohl eines Tages entweder auf eine Abschreibung der Schulden oder auf eine Monetarisierung durch höhere Inflation hinauslaufen. Wobei noch lange nicht klar ist, welcher Weg schließlich eingeschlagen wird (möglicherweise erst der eine und dann der andere).
Was jahrzehntelang gutging - Schulden machen auf Teufel komm raus - geht jetzt plötzlich nicht mehr. Das Vertrauen in die ewige Solvenz des Staates ist dahin. Es wird so schnell auch nicht wiederkommen, da helfen auch die reichlich spät eingeleiteten Sparprogramme nicht mehr. Die Höhe der eingesparten Summen im Verhältnis zu den Schulden ist einfach zu lächerlich. Die Sparpakete werden also nur einen Aufschub bringen und nicht die Wende. Irgendwann wird er Druck größer und dann wird man das gesamte Finanzsystem vom Kopf auf die Füße stellen müssen, weil es gar nicht mehr anders geht. Ich hoffe ehrlich gesagt, dass dann etwas Neues, Besseres, Gerechteres entsteht. Und ich gehe nicht davon aus, dass dieser Punkt bereits unmittelbar vor uns liegt. Dafür sind die Möglichkeiten zur kreativen Augenwischerei unserer Polit- und Zentralbankenelite noch viel zu groß. Andererseits sind die rezessiven Tendenzen in vielen westlichen Ländern unübersehbar.
Nun möchte ich mit diesen Ausführungen nicht den Weltuntergang an die Wand malen. Diesen wird es jedenfalls nicht geben. Dem Korn auf dem Acker ist es egal, in welcher Währung der Bauer bezahlt wird, der es anbaut. Und auch die Sonne wird morgen noch aufgehen. Die Börsen hingegen sind wie immer auf kurzfristige Gewinne aus und übertreiben - mal nach oben, dann wieder nach unten. Die Unsicherheit an den Märkten, wie es in dieser scheinbar ausweglosen Situation weitergeht, wir auch in diesem Jahr bestehen bleiben. Und damit auch die hohen Schwankungen.
In meinem Börsendienst DAX Profits habe ich lange nach einer passenden Antwort auf die enormen Unsicherheiten gesucht. Ich denke, wir haben diese auch gefunden. Es gibt tatsächlich Anlagestrukturen, die Sie weitgehend unabhängig von Marktschwankungen machen und mit denen sich dennoch ansehnliche Gewinne erzielen lassen. Ich befinde mich damit in der komfortablen Lage, mir meine Meinung „zur Krise" nicht von der eigenen Portfolioausrichtung diktieren lassen zu müssen und kann daher im Gegensatz zu vielen Analystenkollegen ohne jeglichen Rechtfertigungszwang auskommen. Und ich denke, für uns dürfte es ein gutes Jahr werden. Egal, wie es für den DAX ausgeht. Vielleicht schauen Sie mal vorbei.