IWF rügt US-Wirtschaftspolitik
unserem Korrespondenten Addison Wiggin an der Wall Street in Investors Daily
vom 12. Januar 2004 18:00 Uhr
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Die Wirtschaftszahlen der letzten Tage haben mich ein wenig verwirrt. Zunächst einmal gab es bei CNN Money ein großes Thema: Steht den USA ein Kreditkollaps bevor? Es geht um den Boom bei den Hypotheken, der durch die niedrigsten Zinsen seit einer Generation angefacht worden war. Die Hausbesitzer erhöhten ihre Hypotheken, um das zusätzliche Geld in den Konsum stecken zu können. In Deutschland praktisch unvorstellbar, dass Hypotheken erhöht werden, um mehr Geld für den Konsum zu haben – in den USA völlig gang und gäbe.
In den USA wird von offizieller Seite so argumentiert, dass das Geld aus den Hypothekenerhöhungen zur Tilgung von Kreditkartenschulden verwendet werden könnte. Das ist aber offensichtlich nicht im gewünschten Umfang der Fall: Die Kreditkartenpleiten sind im dritten Quartal auf Rekordniveau geklettert. Selbst wenn es eine Erholung bei der Schaffung von Arbeitsplätzen gibt, dann wird es erfahrungsgemäß erst mit 6 Monaten Verzögerung eine Verbesserung bei der Zahl der Kreditkartenpleiten geben.
Und hier beginne ich mich zu wundern. Denn die Arbeitsmarktzahlen waren letzte Woche überhaupt nicht gut. Dennoch stieg der Dow Jones – weil man sagte, dass die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe jetzt seit 13 Wochen unter der angeblich wichtigen Marke von 400.000 geblieben sei. Aber ohne die Unterstützung durch steigende Immobilienpreise und den Hypothekenboom hängt die "Erholung" von der Schaffung neuer Jobs ab. Oder von neuen Schulden.
"Der Wirtschaft geht es gut, weil sich die Leute verschulden", so Samuel Gardano, Vorsitzender vom "America Bankruptcy Institute"gegenüber der Zeitung Kansas City Star. Da frage ich mich: Was meint er mit "gut"? Im Jahr, das am 30. September 2003 endete, konnte sein Institut 1,66 Millionen persönliche Pleiten zählen ... das ist die höchste Pleitenzahl, die es jemals seit Beginn der Aufzeichnungen gab.
Gardano meint, dass die Kreditkartenpleiten ein "natürlicher Auswuchs" einer 10 Billionen Dollar schweren Konsumentenvolkswirtschaft seien. Und er fügt ziemlich glücklich hinzu: "Je mehr sich die Wirtschaft verbessert, desto mehr werden sich die Leute verschulden und desto mehr Pleiten wird es geben." Jetzt bin ich völlig baff. Orwell hätte das nicht besser machen können: Wenn Schulden und Zahl der Pleiten bereits auf Rekordniveau stehen und dann weiter steigen, dann soll das eine "Verbesserung der Wirtschaftslage" sein! Da können Sie mich wirklich verwirrt nennen ...
"Es ist ein Rätsel" so Roger Whelan, der auch bei diesem Institut arbeitet. "Kredite treiben die Verbesserung der Wirtschaft an, aber ein Übertreiben der Konsumausgaben kann zu Schulden und Verlusten der Kreditwirtschaft führen." Hm ... das hilft. "Wir leben in einer Gesellschaft, wo man nicht mehr nur danach lebt, was man sich leisten kann." Ok, jetzt verstehe ich es langsam. "Schulden = Reichtum", das brauchen wir, weil die amerikanischen Konsumenten gegenüber ihren Nachbarn prahlen wollen, oder zumindest mithalten (wenn diese z.B. ein neues Auto haben).
Aber sollten es nicht genau diese Nachbarn sein, die sich Sorgen machen sollten? Laut einem Bericht des Weltwährungsfonds (IWF), der letzte Woche veröffentlicht wurde, sollte auch die US-Regierung nachdenken. Laut der New York Times warnt der Bericht davor, "dass die amerikanischen Netto-Finanzverpflichtungen gegenüber dem Rest der Welt in den nächsten paar Jahren auf 40 % der gesamten amerikanischen Wirtschaftsleistung explodieren könnten. Das repräsentiert 'ein noch nie da gewesenes Niveau an externen Schulden für ein großes Industrieland', und es könnte zu Verwüstungen beim Dollarwert und bei den internationalen Devisenkursen führen."
"Der IWF hat Recht", so Fred Bergsten, Volkswirt beim Institute for International Economics, so als ob er regelmäßig mit den Korrespondenten des Investor's Daily Wein trinken würde. "Wenn diese Zwillingsdefizite – das Haushaltsdefizit und das Handelsbilanzdefizit – weiter ansteigen, dann wird das Risiko eines Tages der Abrechnung, der ziemlich hässlich werden kann, zunehmen."
Wie kann eine Regierung dem Ausland 40 % ihrer eigenen Wirtschaftsleistung schulden, einer Wirtschaft, die zum größten Teil von ihren eigenen Konsumenten gestützt wird, von denen so viele wie nie zuvor Pleite gehen? Diese Frage habe ich Dr. Kurt Richebächer gestellt. Seine Antwort:
"Für mich sind die größten Unsicherheiten (in Bezug auf die Weltwirtschaft) die US-Wirtschaft, ihr Finanzsystem und ihre Währung. Das große Thema nicht nur für Amerika, sondern auch für die Weltwirtschaft ist, ob die US-Wirtschaft das Niveau erreicht hat, bei dem das Wirtschaftswachstum selbst tragend geworden ist. Oder ob wir in diesem Jahr ein Schneckenwachstum oder sogar eine Rezession bekommen werden. Wenn man sich die Märkte ansieht, dann habe ich den Eindruck, dass viele Leute (besonders Ausländer) Probleme mit dieser Frage haben ..."