Ist wirklich nur Griechenland das Problem?
Klaus Buhl in Nebenwerte Daily zum Thema Aktien & Aktienhandel
vom 5. September 2011, 17:00 Uhr
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Da ist es also wieder, das mediale Draufschlagen auf Griechenland.
Die "Welt online" etwa titelt reißerisch "Europa wird zur Haftungsanstalt für bockige Griechen" oder "Die Griechen nehmen uns aus wie Weihnachtsgänse".
Grund für die neuen Attacken ist wohl die Tatsache, dass Athen (wenig überraschenderweise) die ihm aufgezwungenen Sparziele voraussichtlich nicht erreichen wird. Damit wäre der Schuldige also gefunden und das Bier schmeckt am Stammtisch für viele Leute doch gleich viel besser, wie es scheint...
Wie wäre es aber, wir betrachten die Sache mal ein wenig umfassender und realitätsnäher?
Sind die Probleme Athens nicht nur eines vieler Symptome der Krankheit, an welcher der Euro bereits seit seiner fehlerhaften Konstruktion litt? Welchen Sinn außer Ablenkungsmanöver von den eigentlichen Schuldigen hat es also, wenn man Griechenland vorwirft, nicht genug zu sparen (natürlich haben sich die Griechen in den Euro gelogen, aber das ist nicht der Kern des Problems, so unschön dies auch ist)? Wäre es nicht sinnvoller, die Dinge so zu betrachten, wie sie sind, anstatt irgendwelchen Großeuropäischen Nationalstaatsträumen anzuhängen, deren Wegbereiter die Währungsunion gegen den Willen sämtlicher Völker offenbar sein soll?
Griechenland kann und wird nicht sparen. Genauso wenig werden es die weiteren in Bedrängnis geratenen Staaten ernsthaft tun, denn dies bedeutet für die entsprechenden Politiker auf nationaler Basis automatisch, dass sie keine Wahlgeschenke mehr an die Bevölkerung ausgeben können und somit ihre Wiederwahl sehr unwahrscheinlich wird. Und welcher Politiker gibt schon freiwillig sein Amt auf?
Dazu kommt, dass es fast schon egal ist, in welche Umfrage Sie sehen: Die absolute Mehrheit der Bevölkerungen in anderen "Geberländern" und in Deutschland ist gegen die auf höchst zweifelhafte Weise erlassenen europäische Transfermechanismen, Rettungspakete und die zunehmende Abgabe nationaler Kompetenzen an den undurchsichtigen EU-Behördenapparat. Doch dennoch baut besonders die deutsche Politikerkaste fernab von jeglicher Realität parteiübergreifend munter weiter am EU-Gebilde und stiehlt sich damit letztlich die eigene politische Unterstützung in der Bevölkerung.
Europa ist in den letzten Jahrzehnten sehr gut zusammengewachsen. Doch dies kann nur halten, wenn der Rückhalt in den Bevölkerungen da ist und diese nicht mit Stiefeln in den Boden getreten werden. Momentan sehen wir jedoch eine Politik, die an den Menschen völlig vorbei geht und verschiedene Staaten (Geber vs. Nehmer) gegeneinander auch noch ausspielt.
Es mag vielleicht kurzfristig möglich sein, mit der Brechstange gegen den Willen der Völker EU-Institutionen zu installieren und Gelder an alle möglichen Adressen zu vergeben, aber auf Dauer sieht die Bevölkerung hier mit Sicherheit nicht zu.
Die Politik zerstört damit in ihrem Wahn des großeuropäischen Superstaates letztlich den europäischen Integrationsprozess.
Als tief überzeugter Europäer hoffe ich nicht, dass es letztlich soweit kommen wird. Wenn allerdings kein Politiker einlenkt und den Irrsinn stoppt, ist die logische Folge, dass auch Deutschland irgendwann sein "AAA"-Rating verlieren wird und spätestens dann hat es sich "ausgerettet".
Was dann mit dem Euro geschehen wird, bleibt wohl abzuwarten. Gut bekommen wird es ihm jedoch kaum.
Den Griechen die Schuld für all dies zu geben, wäre jedoch an Verlogenheit kaum zu überbieten.
Herzliche Grüße, Ihr
Klaus Buhl
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von K H Günther (05.09. 2011 17:30 Uhr):
Ein sehr guter Beitrag! Insbesondere der folgende Passus ist bemerkenswert: "Griechenland kann und wird nicht sparen. Genauso wenig werden es die weiteren in Bedrängnis geratenen Staaten ernsthaft tun, denn dies bedeutet für die entsprechenden Politiker auf nationaler Basis automatisch, dass sie keine Wahlgeschenke mehr an die Bevölkerung ausgeben können und somit ihre Wiederwahl sehr unwahrscheinlich wird. Und welcher Politiker gibt schon freiwillig sein Amt auf?" Besser kann man m.E. das Problem nicht auf den Punkt bringen.
Antworten - Kommentar von Kurt Luder (05.09. 2011 18:17 Uhr):
"Großeuropäischen Nationalstaatsträume" brauchen wir nicht, aber wenigstens Leute mit Visionen. Kein führender Politiker in Europa hat heute leider solche. Jeder springt seinen oder ihren kleinen Tagesproblemchen nach. Der Euro ist eine gute Sache und so ist die EU. Wer möchte dann schon wieder zurück in die alten Lire- und Drachmenzeiten? De Gaulle war ein Visionär und propagierte damals schon ein Europa vom Atlantik bis zum Ural. Warum nicht die schweizerische Verfassung den europäischen geographischen Verhältnissen anpassen und Europa wieder erstarken lassen?
Antworten - Kommentar von WK (05.09. 2011 19:22 Uhr):
zu "natürlich haben sich die Griechen in den Euro gelogen, aber das ist nicht der Kern des Problems, so unschön dies auch ist" - da bin ich nicht mit Ihnen einer Meinung. Mir würde es SEHR helfen, wenn die Politiker (besonders die griechischen) dazu mal einige Worte verlieren würden. Um es plakativ zu formulieren: wenn mir einer meine Geldbörse klaut, muss er sich nicht wundern wenn ich nicht besonders motiviert bin ihm zusätzliche Kredite zu geben.
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