Ist jede Form des Kapitalismus fehlerhaft?

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"Wenn auch jeder Kapitalismus fehlerhaft ist, so sind doch nicht alle Formen des Kapitalismus gleich fehlerhaft", schrieb der Volkswirt Minsky 1985.

Der offensichtliche Fehler" des Kapitalismus ist, dass sowohl die Kapitalisten als auch das Proletariat alle menschlich sind. Sie sind keine digitalen Menschen: Sie können nicht ruhig Risiken messen und die Rendite errechnen. Stattdessen treffen sie ihre wichtigsten Entscheidungen - wo zu leben, was zu tun, und mit wem sie das tun - nicht mit ihren Köpfen, sondern mit ihren Herzen.


So heiratet ein Mann zum Beispiel nicht, nachdem er sorgfältig alle Plus- und Minuspunkte berechnet hat, wie eine Maschine das tun würde, sondern wie ein Tier folgt er Instinkten, die er niemals verstehen wird. Er geht in die Kirche genauso, wie er in den Krieg zieht - also ohne Ahnung. Männer gehen normalerweise ohne viel rationale Kalkulation und Nachdenken zum Altar oder in den Krieg. Stattdessen werden sie von Emotionen mitgerissen, und sie riskieren ihr Leben und ihren Komfort aus Gründen, die in der Ruhe des Zurückblickens normalerweise absurd erscheinen. Wenn Männer von einer Verrücktheit, die gerade modern ist, mitgerissen werden, dann tun sie die erstaunlichsten Dinge. Aber das ist das Tal der Tränen, in dem wir leben.

Minskys Hypothese der finanziellen Instabilität" will zeigen, wie inhärent instabil der Kapitalismus ist. Er hätte genauso gut versuchen können, zu zeigen, dass Bier schal wird, wenn man es zu lange offen rum stehen lässt, oder dass Kinder unruhig werden, wenn sie nicht genug Schlaf haben. Denn der Kapitalismus ist, wie Leben und Tod, eine natürliche Sache; und alle Dinge, die natürlich sind, sind instabil.

Aber was an Minskys Arbeit interessant ist, ist etwas Einsicht, die nützlich hätte sein können. Unter den Illusionen, die die Investoren haben, ist die Ansicht, dass der amerikanische Kapitalismus einen Status des dynamischen Gleichgewichts erreicht hat, und dass er konstant neue und aufregendere Wege erfinden wird, um die Leute reich zu machen.

Auf- und Abschwünge werden als Ding der Vergangenheit gesehen, aus zwei Gründen: Zunächst einmal machen es die besseren Informationen für Unternehmen möglich, das Bilden von Lagerbeständen zu vermeiden; und zweitens deshalb, weil die Kunst der Zentralbanken ein neues Niveau der Erleuchtung erreicht hat. Diese Kunst kann nun zu jedem Zeitpunkt präzise bestimmen, wie viel Geld die Wirtschaft brauchte, und sie kann sicherstellen, dass sie bekommen was sie brauchen.

Doch ich tendiere zu Minsky! Nein, es gibt kein statisches Gleichgewicht, keine Sicherheit. Wir sollten anerkennen, dass auch der Kapitalismus zu keinem statischen Zustand führt. Er ist eine natürliche Sache - und damit instabil. Wie eben alle Dinge, die natürlich sind.

von
Bill Bonner
Bill Bonner

Bill Bonner ist einer der anerkanntesten Finanzexperten der USA und Bestseller-Autor. Bei uns schreibt er regelmäßig im Börsen-Newsletter Kapitalschutz Akte.


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Kommentar von Schulte

Hallo, falls möglich, übermitteln Sie bitte Bill Bonner meinen Dank für seine täglichen Newsletter. Der heutige war wieder einfach Spitze: Witzig, geistreich, hinterfotzig, ein intellektuelles Ver- gnügen und der weiseste aller Ratgeber. Hut ab (auch wenn ich keinen trage) und allerbesten Dank. Freundliche Grüße Ch. Schulte

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Antwort von Peter Harting:

Da stimme ich Ihnen gerne zu. Wieviel Geld haben wohl diejenigen bekommen, die den Mistelzweig auf Theodor zu G. geworfen haben? Den obigen Beitrag von BBonner sollte man der Verfehlung des Barons gegenüberstellen - dann erhält man ein besseres Bild, was Glaubwürdigkeit in der Öffentlichkeit wirklich bedeutet. Die anscheinend besonders empörte FAZ sollte hier mal eine Nachlese halten. Möge jemand den Hebel kennen, sie dazu zu bewegen.

Antwort von Erhard Wolter Kolumbien:

23.2.11 Sehr geehrte Frau/Herr Ch. Schulte! Ich lese täglich mit großem Interesse den Kommentar und kann Ihnen nur beipflichten. Die Kommentare sind einfach spitze und weiter so. Ebenfalls viele Grüße an Herrn Bill Bonner. Mit freundlichen Grüßen von der anderen Seite unserer schönen Erde Erhard Wolter, Kolumbien

Kommentar von J Clauß

Kann mich dem vorigen Beitrag nur anschließen... Nur.. Dem Kapitalismus alleine die Schuld zu geben ist WIE dem Kommunismus die Schuld zu geben.. Was meiner Ansicht nach tatsächlich falsch läuft, ist einfach der Umstand, das JEDES System nur in SEINEN Tolleranzbereichen funktioniert und das so gesehen manche Entscheidungen sozial, manche diktatorisch, mache den wirtschaftlichen Notwendigkeiten entsprechend und manche eben den Launen der Verbraucher folgen müssen.. Es gibt kein System, wo all diese Voraussetzungen erfüllen kann, dieses muss erst geschaffen werden und das kann wiederum nur DANN geschehen, wenn man endlich die "einfarbigen" Brillen aus dem Gesicht nimmt und der Realität entsprechend gehorcht.. Träume können wir uns nicht immer leisten, verbieten können wir sie aber auch nicht immer.. Wir brauchen einen brauchbaren Mittelweg, alles andere ist meiner Überzeugung nach nur Schönfärberei. JGC

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Kommentar von Nadine Binsberger

Der Kapitalismus sei natürlich? So ein Unsinn! Ohne die aktive Verbreitung des Kapitalismus in der ganzen Welt, allermeist gegen den Willen von Einheimischen und ohne die aufwändigen Verteidigungskämpfe der Profitierenden gegen die Nicht-Profitierenden gäbe es den Kapitalismus nicht. Naturvölker sind genausowenig kapitalistisch. Die angebliche Natürlichkeit des Kapitalismus ist ein Mythos aus der PR-Küche der Profitierenden.

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