Ist Ihr Investmentparadigma noch aktuell?
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 6. Dezember 2010, 16:00 Uhr
ENL5454
es gibt im Leben nichts permanentes außer der Veränderung.
Dieser altbekannte Grundsatz gilt bekanntlich auch für die Finanzmärkte.
Sehr oft werde ich gefragt, warum ich nichts davon halte, "langfristig" in irgendwelche Fonds zu investieren oder in den Markt. Darauf antworte ich meist "Diese Art des Investierens ist schon längst tot. Wer so handelt wird in 90% der Fälle nichts erwirtschaften und am Ende sogar mit Verlust dastehen." (Ausnahmen hierunter sind marktunabhängige Investments und Value-Investment Spezialisten, die genau wissen, was sie tun. Die Masse der Anleger fällt aber definitiv nicht hierunter).
Die wenigsten Leute wollen das hören, haben sie jedoch (nicht zuletzt von der Finanzindustrie) gehört, dass Aktien doch langfristig so gut wie immer steigen.
Doch woher kommen solche "Weisheiten" bzw. Investmentparadigmen für die Masse der Privatanleger, die etwas für ihr Alter tun wollen?
Sehen wir uns einmal einen historischen Chart des Dow Jones Industrial Average Index an:
Abb.: Historischer Chart des Dow Jones Industrial Average Index
Wie Sie sehen, gibt es an den Märkten immer wieder Phasen, die oft mehrere Jahrzehnte gehen und damit ihre Spuren in der Investmentmentalität der Masse hinterlassen. Mitte der 80er-Jahre etwa begann der US-Markt sehr stark zu steigen, was sich bis zur Jahrtausendwende hielt.
Wenn man als Anleger die Märkte 15 Jahre steigen sieht, hinterlässt das natürlich Spuren. Dies betrifft besonders die Anleger, die in dieser Zeit erst zur Börse gefunden haben. Stellen Sie sich jemanden vor, der erst seit den 1990ern investiert. Vielleicht weiß er rational, dass Aktien nicht immer steigen müssen, aber von seinem inneren Gefühl her kennt er es nicht anders, als dass es langfristig "dann schon hoch" geht.
Solche Dinge macht sich natürlich auch die Finanzindustrie zu Nutze und bewirbt massenhaft Produkte, welche gerade auf diesem Investmentparadigma beruhren (siehe z.B. die zahlreichen Fondssparpläne, die auf Themenfonds wie "Aktien weltweit" oder "Aktien Deutschland" etc. basieren).
Zu einfach gedacht
Doch so einfach funktionieren die Märkte nicht. Paradigmen ändern sich. Und wer hier nicht mitzieht, zahlt den Preis mit seiner Performance und im schlimmsten Fall mit seinem Portfolio.
Sehen Sie sich den obigen Chart nochmals an.
Was denken Sie, was Ihnen jemand zum Thema Aktien gesagt hätte, wenn Sie ihn Ende der 70er-Jahre gefragt hätten. Dass Aktien langfristig immer steigen? Sicher nicht. Damals galten andere "Gesetze", da die Masse der Menschen durch eine entsprechende zehnjährige Seitwärtsbewegung von ihrem Investmentverhalten eben anders geprägt war.
In zahlreichen Köpfen steckt heute immer noch die "Buy&Hold-Programmierung". Dabei sind wir längst in eine neue Phase eingetreten: Sehr vieles spricht zur Zeit für längerfristig seitwärts laufende Märkte (und damit meine ich ein bis zwei Jahrzehnte, die innerhalb dieser Auf- und Abwärtsbewegungen natürlich möglich und sehr wahrscheinlich sind). Im obigen Chart ist das schon im Ansatz gut zu erkennen, wenn Sie sich die Situation ab 2000 einmal ansehen.
Rein aus technischer Sicht müssen lange Anstiege erst einmal konsolidiert werden. Doch auch aus fundamentaler Sicht spricht m.E. sehr viel für eine längerfristige Seitwärtsbewegung.
Wird hier der durchschnittliche Buy&Hold-Anleger, der Aktien und Fonds "langfristig" kauft, gute Gewinne einfahren mit dieser Strategie? Ich zweifle massiv hieran. Im besten Falle gibt es unter dem Strich Performance-Stillstand und durchaus erwähnenswerte Verluste durch Inflationierung seitens der Zentralbanken.
Viel mehr waren die letzten Jahre bereits das "Zeitalter" des mittelfristigen und kurzfristigen Traders.
Wer erkannte, dass sich die "Gesetze" der Märkte hier geändert haben, kam deutlich besser weg.
Darum kann ich auch Ihnen nur raten, Ihre eigene "Investment-Programmierung" kritisch zu hinterfragen. Berücksichtigen Sie genug, dass sich die übergeordneten "Gesetze" der Märkte nach langen Jahren immer wieder ändern? Oder ist Ihre Investment-Einstellung unbewusst eigentlich noch die, welche man im Boom der 90er-Jahre gebraucht hätte?
Von dieser Frage dürfte langfristig mehr für jeden Durchschnittsanleger abhängen, als die Masse für sich glauben mag.
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die Woche.
Beste Grüße
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Bredenow (07.12. 2010 10:44 Uhr):
Sehr geehrter Herr Hahn, ich kann Ihnen leider nur zustimmen. Auch ich gehöre zu den Buy and Hold Opfern. Dies trifft für Fonds und Aktien zu. Besonders was Fonds anbetrifft hat mich die Entwicklung maßlos enttäuscht! Ich dachte mit den üppigen Verwaltungsgebühren und Abschlägen beim Kauf würde ich Expertenwissen erwerben. Ergebnis: 2002 erwarb ich zwei Aktienfonda. Der Verlust bis heute beträgt bei dem einen 27%, bei dem anderen 33%. Selbst bei einem von mir als absolut sicher geglaubtem Geldmarktfond verlor ich im letzten Jahr 12%. Meine Lehre, ich kaufte mir ein paar Goldklümpchen,meine Fonds und die Aktien werde ich in Tagesgeld verwandeln, und erst mal abwarten. Mit freundlichen Grüßen Rainer Bredenow
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