Ist Diversifikation sinnvoll?
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 6. April 2009, 16:00 Uhr
ENL5454
Liebe Leser,
immer wieder höre ich Sprüche wie "Diversifikation! Diversifikation!" oder finanztechnische Bauernweisheiten wie "Nie alle Eier in einen Korb legen!". Mit der Zeit wird es manchmal schon fast unerträglich, wie viele Leute, die es besser wissen müssten, solche Dinge einfach "nachbabbeln" (wie man hier in der Gegend, wo ich wohne, umgangssprachlich sagen würde)...
Ich weiß, dass viele Anleger sicher vom Konzept der Diversifikation überzeugt sind, da es ja nahezu schon als "allgemein gültig" anerkannt zu sein scheint (letztlich predigen Bankberater dies ja immer wieder und verweisen auch auf Markowitz-Modelle etc.). Ganz ohne Diversifikation würde ich selbst natürlich auch nicht operieren, doch vermisse ich bei all dem Diversifikations-Geschrei leider zu oft die folgende Frage:
Welche Diversifikation ist überhaupt sinnvoll und welche nicht?
Natürlich gibt es an der Börse verschiedene Philosophien und wenn ich hier vielleicht den ein oder anderen Punkt überzeugt vertrete, heißt das nicht, dass die Dinge ausschließlich so gehandhabt werden sollten. Ich gebe im Folgenden einfach meine Ansicht zum Thema Diversifikation wieder, die auf meinen eigenen Überlegungen und Erfahrungen beruht. Ganz sicher beanspruche ich hier nicht die absolute und ausschließliche Gültigkeit meiner Herangehensweise.
Fangen wir also an...
Dumme Diversifikation
Unter dummer Diversifikation (den etwas provozierenden Ausdruck habe ich bewusst gewählt) verstehe ich das breite Kaufen von Investments aus Angst heraus, etwas zu verpassen bzw. aus Unwissen heraus, welche Anlageklassen gewählt werden sollten (oder gar aus Unfähigkeit, sich selbst zu entscheiden bzw. festzulegen). Wer von allen Anlageklassen "sicherheitshalber" etwas kauft, hat am Ende gar nichts und verdient es auch nicht anders, denn an der Börse gibt es nichts geschenkt. Die "faule Tour" funktioniert hier nicht.
Unter den Bereich der dummen Diversifikation fällt für mich oftmals auch das ein oder andere "professionelle" Asset Allocation Modell, was manche "professionellen" Vermögensverwalter verwenden. Ich kann z.B. einfach nicht nachvollziehen, weshalb jemand nach wie vor Staatsanleihen in gemanagte Depots kauft, wenn weltweit angesichts der Geldschwemmen von einem Umfeld steigender Zinsen in den nächsten Monaten und Jahren ausgegangen werden muss. Nicht einmal der Aspekt der "Sicherheit" überzeugt angesichts der angespannten weltweiten Lage und der ständigen "Rettungspakete" wirklich.
Dies dann damit zu begründen, dass "zur Sicherheit von allem etwas dabei sein solle" (im Depot) halte ich für herzlich wenig sinnvoll.
Was verstehe ich unter sinnvoller Diversifikation?
Warren Buffet sagte einmal sinngemäß, als man ihn zum Thema Diversifikation befragte, Diversifikation sei etwas für Leute, die nicht wissen, was sie kaufen sollen (Diese Aussage - wenn auch etwas zugespitzt - würde ich sofort unterschreiben).
Und in der Tat handelt es sich hierbei anscheinend nicht nur um einen leeren Spruch, sondern tatsächlich um Herr Buffets Überzeugung. Im Jahre 2007 legten verschiedene Professoren eine Studie vor über die Trades, die Warren Buffet die letzten 25 Jahre durchführte. Die Ergebnisse widersprechen (erwartungsgemäß) völlig der "Weisheit" der Masse:
Im Schnitt machten Warren Buffets Top 5 Positionen 73% seines Portfolios aus und sein Multi-Milliarden-Dollar-Portfolio bestand meist nur aus durchschnittlich 33 Positionen.
Wenn Herr Buffet nur 33 Positionen hat, wie viele sollte dann ein Kleinanleger haben?
Diese Entscheidung liegt letztlich bei Ihnen, aber ich denke, es lässt sich nicht darüber streiten, dass der Erfolg für Herrn Buffet spricht.
Mein persönlicher Ansatz zum Thema Diversifikation ist übrigens ähnlich. Ich halte es meist derart, dass ich mich auf die Top 3 Sektoren im Markt konzentriere (basierend nach einer Reihe von Kriterien wie etwa relativer Stärke, fundamentale Daten, etc.), dort die zwei bis drei stärksten Aktien kaufe und in Krisenzeiten in den schwächsten Sektoren des Marktes Short-Positionen beziehe.
Diversifikation kommt für mich somit nur in der Form zum Tragen, dass ich über 3 verschiedene Sektoren investiere und eben meist short und long bin.
Alles andere erscheint mir im Aktienmarkt eher überflüssig und bremsend.
Ähnlich handhabe ich es mit den einzelnen Anlageklassen. Sieht es insgesamt für eine Anlageklasse eher problematisch aus, dann lasse ich die Finger davon und suche mir die attraktiveren Stellen im Markt aus.
Ich weiß, dass man das Thema Diversifikation auch anders angehen kann, aber für mich hat sich dieser Ansatz als sehr gut funktionierend herausgestellt.
Nicht selten ist zu breite Diversifikation in guten Zeiten eine ordentliche Performance-Bremse und in schlechten Zeiten ein wahrer Stein im Portfolio.
Beste Grüße
Alexander Hahn