Ist die Griechenland-Pleite nur der Anfang?
Tim Roedel (Chefredakteur "Wahrer Wohlstand") in Investoren Wissen
vom 25. März 2010, 16:00 Uhr
ENL5454
Von Korruption, Vetternwirtschaft und dem guten Onkel „EU“
Liebe Leser,
nach dem Zusammenbruch der isländischen Bankenlandschaft Ende 2008 / Anfang 2009 und dem faktischen Staatsbankrott der einstigen Vorzeigenation hatte man schon gedacht, es könne nicht mehr schlimmer kommen. Doch das Gegenteil war der Fall: Die Einschläge kamen immer näher. Nun hat es also Griechenland erwischt. Die einstige Weltmacht, Land der ersten wahren Dichter und Denker, ist theoretisch pleite. Noch will es niemand wahrhaben – vor allem nicht in Griechenland selbst. Die nackten Zahlen sprechen aber eine eindeutige Sprache.
Schuldenlast nicht mehr rückzahlbar
Griechenland plagt eine Schuldenlast von mehr als 300 Milliarden Euro. Bei einem erwirtschafteten Bruttoinlandsprodukt (BIP) von etwa 325 Milliarden Euro jährlich ergibt sich eine Staatsverschuldung von mehr als 92% des BIP. Nur Italien steht im Vergleich aller Euro-Länder mit circa 104% noch schlechter da. Und das auch nur, weil Griechenland sogar aus Prostitution, Geldwäsche und Zigarettenschmuggel erwirtschaftete Gelder in die BIP-Berechnung einfließen lässt.
Griechenland – das Land der unbegrenzten (Berechnungs-)Möglichkeiten
Das ist übrigens kein Scherz! Immerhin konnte man durch die Hinzurechnung von Geldern aus den genannten Aktivitäten, die eher im Bereich „Schattenwirtschaft“ laufen sollten, die Schuldenquote innerhalb von fünf Jahren von 110% auf eben 92% des BIP drücken. Ein simpler Rechentrick, der wieder einmal die Unverfrorenheit der (ehemaligen) griechischen Regierung belegen dürfte. Da sich die griechische Wirtschaftskraft innerhalb der vergangenen Jahre kaum bewegt hat, der Schuldenstand aber exorbitant gestiegen ist (bis 2011 auf geschätzte 125% des BIP), zeigt allein schon die Tatsache, dass man die Schuldenquote rein rechnerisch um 18% des BIP senken konnte, dass Griechenland vor allem eines besitzt: eine dominierende Schattenwirtschaft! Wobei ich an dieser Stelle gar nicht wissen will, ob das angegebene BIP von etwa 325 Milliarden Euro überhaupt stimmt.
Schwarzarbeit und Korruption
Es ist womöglich sogar höher, da in diese Berechnung Schwarzarbeit beziehungsweise nicht versteuerte Tätigkeiten (noch?) nicht einfließen. Diese sind in Griechenland aber weit verbreitet. Man sollte es vielleicht nicht unbedingt als Schwarzarbeit bezeichnen – nennen wir es einfach mal Gefälligkeitsdienste. Da kommt mir unweigerlich eine Fernsehreportage von vor ein paar Wochen in den Sinn: Eigentlich alle interviewten Passanten, Café-Besitzer und Geschäftsleute gaben vor laufender Kamera unverfroren zu, dass ein großer Teil ihrer Einnahmen nicht versteuert werde oder dass man auch gerne mal einem Staatsbediensteten etwas zusteckt, um schneller an sein Ziel zu kommen.
Steht Griechenland womöglich besser da als gedacht?
Nehmen wir nun einmal an, dass das BIP Griechenlands eigentlich (viel) höher sein müsste als aktuell berechnet, da viele Einkünfte aus „steuerlichen Gründen“ gar nicht angegeben werden. Bei der Berechnung der Schuldenquote stehen die Schulden bekanntlich im Zähler, das BIP im Nenner. Wenn der Nenner nun aber eigentlich (viel) größer ist als aktuell angenommen, dann würde die Schuldenquote ja dementsprechend (viel) niedriger ausfallen. Demzufolge würde Griechenland viel besser dastehen, als wir alle vermuten. Wenn sich Griechenland ein bisschen anstrengen würde, könnte man seine Schuldenquote vielleicht sogar unter die 80%-Marke drücken, und man würde schuldentechnisch plötzlich sogar besser dastehen als Deutschland!
Back to Reality!
Spätestens jetzt sollte ich den Ironie-Modus abschalten, um Sie, lieber Leser, davon abzubringen, am Verstand des Chefredakteurs zu zweifeln. Die Realität sieht nämlich anders aus: Die Schuldenlast von 300 Milliarden Euro bleibt bestehen – unabhängig von Berechnungstricks. Schauen wir uns noch einmal ein paar Zahlen an: 50 Milliarden Euro benötigt Griechenland zur Tilgung seiner Schulden allein in diesem Jahr, 20 Milliarden davon schon innerhalb der nächsten beiden Monate. Seit Bekanntwerden der Misere konnte die griechische Regierung gerade einmal 5 Milliarden Euro an frischen Mitteln über die Ausgabe einer zehnjährigen Staatsanleihe generieren. Dies allerdings zu Konditionen, die das Schuldenproblem nur aufschieben und eher noch verschlimmern dürften.
Griechenland fest in westeuropäischer Hand ...
Insgesamt haben die Griechen damit rund 290 Milliarden Euro Schulden allein aus ihrem Anleihen-Programm. Der Großteil dieser Staatsanleihen liegt in westeuropäischen Depots. Besonders deutsche Banken waren für die Griechen bislang ein äußerst wichtiger Kreditgeber. Derzeit steht Griechenland bei ihnen mit etwa 32 Milliarden Euro in der Kreide. Der Großteil davon gehört – zumindest indirekt – dem deutschen Steuerzahler. Folgende (teil-)verstaatlichte deutsche Geldhäuser besitzen gegenüber Griechenland Forderungen: Hypo Real Estate (9,1 Milliarden Euro), Commerzbank (4,6 Milliarden Euro,) LBBW (2,7 Milliarden Euro), BayernLB (1,5 Milliarden Euro).
... und Westeuropa fest in griechischer Hand
Gerade auch, weil vor allem die Westeuropäer von Milliardenausfällen bedroht sind, sind nun sie es, die am meisten daran interessiert sein dürften, Griechenland vor einem akut drohenden Staatsbankrott zu schützen. Dies würde aber wiederum nur mit immer neuen Krediten einhergehen, die vor allem Deutschland an Griechenland gewähren müsste. Dagegen sträubt sich aber noch immer eine breite Mehrheit der Europäischen Gemeinschaft, zumal die Griechen selbst nur wenig an einer Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage interessiert zu sein scheinen.
Griechen blockieren Sparprogramm
Jahrzehntelang wurde auf Pump gelebt, man schuf sich ein Wohlstandsniveau, das nichts mit der Realität zu tun hatte. Während andere sparten, wurde der Euro in Griechenland quasi zweimal ausgegeben. Wo sonst gibt es beispielsweise 14 Monatsgehälter? In Deutschland müssen viele Arbeitnehmer seit geraumer Zeit sogar schon auf einen Teil ihrer 12 Monatsgehälter verzichten. Das griechische „System“ wurde über Jahrzehnte aufgebaut und soll nun innerhalb von wenigen Monaten auf ein realistischeres Level hinuntergeschraubt werden. Die Griechen sehen das überhaupt nicht ein und wehren sich mit Generalstreiks. Dass das Lahmlegen der gesamten Volkswirtschaft jeden Tag fast 1 Milliarde Euro am BIP wegnimmt, scheint niemanden so richtig zu interessieren. Den Versuch, die Schuldenlast mittels Sparmaßnahmen bei Gehältern, Renten und Stellen zu minimieren, machen die Griechen mit ihren Streiks doppelt zunichte.
Euro-Länder unter Zugzwang
Gerade die bisherige Uneinsichtigkeit Griechenlands lässt viele Euro-Länder daran zweifeln, ob mögliche Hilfskredite nicht auch wieder im griechischen Sumpf verschwinden. Dennoch hat man sich nun wohl zu einem ersten Hilfsprogramm im Umfang von 25 Milliarden Euro durchgerungen. Dabei stehen weniger die zig Milliarden Euro, mit denen Griechenland bei vielen europäischen Banken und Investoren in der Kreide steht, im Vordergrund, sondern vielmehr der Euro-Raum selbst. Ein Staatsbankrott Griechenlands hätte weit reichende Folgen für das europäische Zahlungsmittel an sich.
Euro-Image in Gefahr
Der Imageverlust des europäischen Währungssystems inklusive des Euro als zentralem Symbol wäre immens. Das ohnehin erschütterte Vertrauen der EU-Bürger in ihre mehr oder minder ungeliebte Währung würde wohl gänzlich verloren gehen. Weitaus dramatischere Folgen könnte der Bankrott eines Euro-Landes aber für den „Wert“ des Euro haben. Der dürfte es zukünftig schwer haben, sich gegenüber vielen anderen führenden Weltwährungen wie dem US-Dollar, dem Yen oder auch dem chinesischen Yuan zu behaupten. Sogar einen Zusammenbruch des Euro-Systems oder den Austritt mehrerer Euro-Länder aus dem gemeinsamen Währungverbund schließen Experten für ein derartiges Szenario nicht aus.
PIGS bergen zusätzliche Risiken
Mehr und mehr setzt sich im Euro-Raum der Begriff „PIG“ durch. Das englische „PIG“ steht im Deutschen ja für den Begriff „Schwein“, dem ein eher negatives, geradezu „anrüchiges“ Image anhaftet. Neben den eher in den USA geläufigen „Schurkenstaaten“, also mehr oder weniger den Regierungen, die den internationalen Terrorismus unterstützen, haben wir jetzt in Europa also so genannte „Schweinestaaten“, deren Geld- beziehungsweise Schuldenpolitik also „zum Himmel stinkt“. Warum aber nun eigentlich „PIG“? – Nun ja, weil das die Anfangsbuchstaben der offensichtlich größten Schuldentreiber in der Euro-Zone sind: Portugal, Italien und Griechenland. Über Letzteres haben wir ja mittlerweile Klarheit erlangt. Die beiden anderen könnten in Kürze hinzukommen. Bei einem Besuch in Portugal erahnt man, dass hier etwas nicht stimmen kann. Die aktuell umgesetzten Infrastrukturmaßnahmen dürften allenfalls noch Konkurrenz in Dubai vor Beginn der Krise gefunden haben. Es wäre übertrieben zu sagen, dass jede zweite Straße und jedes zweite Gebäude aktuell saniert oder neu gebaut wird, aber nah dran sind wir mit dieser Aussage allemal. Alles auf Sand respektive Pump gebaut? Übrigens ließe sich „PIG“ auch noch ohne Weiteres auf „PIGS“ ausweiten, denn auch Portugals Nachbar Spanien scheint einen seriösen Umgang mit seinem Geld nicht allzu ernst zu nehmen. Die Erweiterung des Begriffs in „PIIGS“ dürfte sich zumindest vorüber- gehend erledigt haben, da Irland seine Schulden mittlerweile mehr oder minder in den Griff bekommen hat.
Fazit
Eines hat uns die Geschichte um Griechenland zweifelsfrei vor Augen geführt: Der hoch gelobte Euro scheint nicht so stabil wie vermutet. Nur das Verhindern eines griechischen Staatsbankrotts und das rechtzeitige Eingreifen der europäischen Währungswächter auch in anderen gefährdeten Euro-Ländern können den Euro als starkes Zahlungsmittel retten. Eine Alternative gibt es nicht. Auch wenn man Griechenland aus dem europäischen Währungsverbund ausschließen würde – was in der Praxis quasi nicht möglich ist –, müsste man mit einer signifikanten Abschwächung des Euro rechnen. Ein Szenario, das wohl niemand will, der sein Bankkonto in Euro führt.
Tim Roedel
ANMERKUNG DER REDAKTION:
Tim Roedel ist neuer Chefredakteur des Börsendienstes "Wahrer Wohlstand". Mehr zu Herrn Roedel und zu "Wahrer Wohlstand" erfahren Sie hier...
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Reiner Tiroch (25.03. 2010 18:19 Uhr):
60 Länder zahlungsunfähig, logisch, dass weiter folgen werden die uns bis zum Schluß verheimlicht werden. Der Gau ist nicht zu stoppen.
Antworten - Kommentar von A Sickmüller (25.03. 2010 22:35 Uhr):
Hallo, ich sehe das mit der Rettung Griechenlands exakt gegenläufig zu ihrer Ansicht. Die Rettung würde den Investoren signalisieren, dass mangelhafte Haushaltsdisziplin mit dem bail out "bestraft wird", also letztlich diese auch von anderen Ländern ohne echte Konsequenzen betrieben werden kann. Es liegt auf der Hand, dass dies realökonomisch den Euro schwächen muss. (mehr Schulden bei weniger Wirtschaftsleistung= schwächere Währung). Hingegen würde ein Ausschluss Griechenlands aus der WU signalisieren, dass eine solch dramatische Abweichung von den Stabilitäskriterien nicht akzeptiert wird. (stabile Relation der Wirtschaftsleistung zur Verschuldung = stabile Währung). A.Sickmüller
Antworten- Antwort von Helmut Klotz (26.03. 2010 18:27 Uhr):
Völlig richtig, Herr Sickmüller. Diese Meinung habe ich auch in meinem Kommentar versucht, darzustellen.
- Antwort von Helmut Klotz (26.03. 2010 18:27 Uhr):
- Kommentar von Helmut Klotz (26.03. 2010 18:24 Uhr):
Ich bin mit den Ausführungen von H,Roedel überwiegend einverstanden. Allerdings glaube ich nicht daß ein Ausschluß Griechenlands aus der Währungsunion quasi nicht möglich sei. Wenn man einen Staat ausschschließt, der den Beitritt erlogen und manipuliert hat, liegt man durchaus rechtens. Auswirkun- gen wirtschaftlicher Art bei 3 % Wirtschaftsleistung Grie- chenlands halte ich für vernach- lässigbar. Banken, die griech- ische Anleihen halten, buchen die in eine Bad Bank und warten darauf, daß sich Gr. mit seinen Drachmen und entspre- chender Spardiziplin erholt und nach und nach seine Schulden tilgt. Ein derartig mutiges Ver- halten der EU-Staaten hätte ausschließlich positive Folgen, insbesondere auch im Hinblick auf Staaten, die bisher eine laschere Haushaltspolitik be- trieben haben.l
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