ISM-Index, ein gutes Zeichen?
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 02. November 2006 18:00 Uhr
ENL5454
Wie befürchtet, kommt es im Vorfeld der US-Kongresswahl zu einer Konsolidierung. Die Analysten suchen die Antworten in den Konjunkturdaten, ich sehe die Konjunkturdaten wie gewohnt etwas anders, dazu gleich mehr. Leider bin ich mir noch nicht sicher, ob die Republikaner wirklich die Mehrheit im US-Kongress verlieren werden und das, obwohl die Wetten in den mit 33 zu 67 deutliche Worte sprechen. In dieser Woche sind die Quoten sogar nach einer kleinen Zwischenerholung für die Republikaner wieder zurückgekommen. Warten wir ab, Wahlen werden am Wahltag entschieden.
Sorgenvolle Fragen
Mich beschäftigen andere Fragen, die nicht wirklich zu beantworten sind. Falls die Demokraten in den USA die Mehrheit im Kongress erhalten, kommt es dann zu einem politischen Vakuum? Werden dann Reformen blockiert? Wie werden sich die angedrohten Untersuchungsausschüsse auf die politische Stabilität in den USA auswirken? Kommt es gar zu einer politischen Krise? Wie sieht es dann mit den US-Soldaten im Irak aus? Was wird dann mit dem Ölpreis?
Das sind natürlich Fragen, die nicht nur mich interessieren. Es sind offensichtlich die Fragen, die viele Anleger in den USA umtreibt. Mit solchen Sorgen im Rücken, wer soll da investieren?Als normaler Anleger kann man angesichts solcher Fragen nur resignieren, denn es ist unmöglich auf diese Fragen verlässliche Antworten zu finden.
Wirklich resignieren? Hier ist es ratsam, sich wieder an die alten Börsenweisheiten zu erinnern. Sie kennen sicherlich den Satz: „Die Börse mag keine Unsicherheit!“ Ich will diesen Satz heute ein wenig abändern und eine ganz persönliche Steffensche Weisheit kreieren:
„Verkaufe die Unsicherheit, kaufe die Sicherheit, egal wie Sie dann auch aussieht.“
Okay, ich gebe zu, es ist von allem etwas geklaut, nichts wirklich revolutionär Neues, aber in diesem Fall sehr treffend:
Wenn die Wahlen um sind, ist die Unsicherheit sofort aus dem Markt. In diesem Moment herrscht über das Wahlergebnis Sicherheit. Die Menschen werden sich daran gewöhnen, egal was in den USA im Kongress passiert ist. Die Unsicherheit ist damit aus dem Markt und die Börse wird sich eine neue „Zukunft“ suchen, auf welche sie spekulieren kann. Politische Börsen haben kurze Beine und nichts ist älter als die Nachricht von gestern.
Damit zu den "uralten" Nachrichten von gestern:
ISM Index geht zurück, Preisindikator auch!
Als Begründung für den gestrigen Kursrückgang wurde der ISM Index des verarbeitenden Gewerbes angegeben, der gestern, entgegen der Erwartungen deutlicher zurückging. Er näherte sich damit der 50 Punkte Linie. Werte unter dieser Marke weisen auf eine Rezession hin. Rezession ist das Angstwort, ergo kam es zu fallenden Kursen: Hier der Chart dazu:
Wie ich hier schon einmal geschrieben habe, ist es für die Börse nicht wichtig, ob es zu einer Rezession kommt, sondern wie lange sie dauern wird. Bei einer erwarteten kurzen rezessiven Phase würde die Börse darauf setzen, dass sie schnell wieder vorbei geht. Oft waren schlechte Jahre für die Wirtschaft gute Börsenjahre, vergessen Sie das nicht!
Doch für mich war einer der Unterindizes des ISM Index wesentlich interessanter. Es geht um die „bezahlten Preise“. Schauen Sie sich die Entwicklung seit dem Hoch im Juli an. Ganz deutlich ist ein massiver und nachhaltiger Einbruch der bezahlten Preise zu sehen. Das ist ein früher Hinweis/Beweis auf die weitere Preisentwicklung. Es bestätigt sich immer mehr, dass der Inflationsdruck nachlässt. Gleichzeitig schwächt sich aber auch die US-Wirtschaft ab.
Stagflation wird unwahrscheinlich
Analysten machten und machen sich Sorgen um „Stagflation“. Also eine stagnierende US-Wirtschaft bei hoher oder zunehmender Inflation. Eine stagnierende Wirtschaft kann man mit niedrigeren Zinsen bekämpfen. Allerdings nur, wenn die Inflation nicht ausufert. Eine Stagflation wäre also für die US-Notenbank ein verheerendes Szenario. Aufgrund der Inflation kann sie nicht die Zinsen senken, aufgrund der schwachen Wirtschaft die Zinsen nicht anheben. Eine Zwickmühle, in der man sich für eines der Übel entscheiden muss – da eine galoppierende Inflation sehr gefährlich ist, würde man sich gegen die Wirtschaft entscheiden. Kurz Stagflation = tiefe Rezession.
Doch der ISM-Index des verarbeitenden Gewerbes weist darauf hin, dass der Inflationsdruck nachlässt. Sollte das US-Wirtschaftswachstum weiter nachlassen, dann wird sich auch das noch zusätzlich auf die Preise dämpfend auswirken. Mit anderen Worten, die Fed kann und wird dann mit sinkenden Zinsen reagieren!
Sinkende Zinsen sind mittelfristig gut für die Börsen
Sinkende Zinsen sind für erfahrene Anleger ein gutes Indiz, um Aktien zu kaufen. Obwohl, nach den ersten Zinssenkung könnte es, in einem entsprechend schwachen Umfeld, auch zunächst zu Kurseinbrüchen kommen. Einige Anleger könnten zunächst diese Zinssenkungen als Eingeständnis der Fed in die Schwäche der US-Wirtschaft interpretieren. Da Anleger etwas zu Hysterie neigen, könnten sie sogar auf die Idee kommen, die Fed wäre aufgrund der schwachen Wirtschaft „gezwungen“, die Zinsen zu senken und alles sähe weitaus schlimmer aus, als die Fed es zugeben würde.
Doch es ist bekannt, dass in solchen Momenten die schwachen Hände verkaufen. Die starken Hände wissen, wie gesagt, dass sich Zinssenkungen positiv auf die Wirtschaft auswirken müssen, zumindest wenn es um Zinssätze geht, welche keine spannende Renditen erwarten lassen.
Das Geld sucht einfach Rendite und wenn es unter 5 % erhält und das bei einer Inflation von ca.2-3 %, dann macht eine Kaffeefahrt im Schulbus sicherlich mehr Spass. Nein, bei sinkenden Zinsen wird das Geld Rendite suchen. Rohstoffe sind bei einer schwächer werdenden US-Wirtschaft mit der Folge einer daraufhin ebenfalls schwächer werdenden Weltwirtschaft keine gute Idee. Emerging Markets sind zu einem großen Teil rohstoffabhängig. Der US-Immobilienmarkt hat sein Hoch gesehen. Wo also wird das Geld hinfließen?
Die Wahrscheinlichkeit, dass es in den US-Aktienmarkt fließt, ist groß. Aus diesem Grund sind sinkende Zinsen gut für den Aktienmarkt.
Fazit
Wenn ich die Zahlen der letzten Woche interpretiere, dann bestätigt sich immer mehr mein Eindruck, dass die Inflationsschlinge um den Hals der Fed sich immer weiter lockert. Die Fed hat nun wieder genug Spielraum die Zinsen notfalls zu senken, falls die Wirtschaft sich zu sehr abkühlt. Eine Zinsanhebung ist zurzeit absolut unsinnig.
Wenn nicht die Öl- und Rohstoffpreise wieder anfangen dramatisch zu steigen...
Von mir hören Sie erst am Montag wieder die neuesten anderen Ansichten zur Börse, da ich mich ab morgen auf der Tradersworld aufhalten werde. Ich hoffe wieder einmal auf interessante Gespräche mit Kollegen und Kunden, auf gute Vorträge und ganz besonders auf nette kleine Partys am Abend.
In diesem Sinne
Ihnen ein gutes Wochenende
Jochen Steffens
