Irrationale Trader? Absurde Ausschläge?
Michael Vaupel in Traders Daily zum Thema Value Analyse
vom 17. März 2010, 12:00 Uhr
ENL5462
Trader´s Daily-Leser Gerd W. schrieb mir:
„Ich lese gern ihre täglichen Berichte. (Anmerkung M.V.: Recht so!) In letzter Zeit ist mir bei der Analyse des Marktgeschehens aufgefallen, dass relativ kleine Abweichungen von zurückliegenden Daten, die an der Börse veröffentlicht werden, zum Teil geradezu absurde Ausschläge ganzer Indizes bewirken, sogar wenn schlechte Zahlen (z.B. Arbeitsmarkt, Lagerbestände von Rohstoffen oder periphere Konjunkturdaten) nur weil sie minimal weniger schlecht ausfielen, richtige Kauforgien in Sekunden auslösen. An sich wird doch an der Börse angeblich die Zukunft (Erwartungshorizont 6-9 Monate ) gehandelt. Aber alles scheint nur auf die amerikanische Börse zu starren, wie das Kaninchen auf die Schlange, und wehe wenn deren Klapper ein wenig rasselt, dann springt der Hase (deutsche/europäische Börse) im Viereck. An sich sind doch die alten Daten längst eingepreist. Außerdem werden die derzeitigen Zukunftsperspektiven völlig außer acht gelassen. ( Neulich hat sich ein Komiker gefragt, wie denn die Krise aussehe? ) Die Börse ist zu einem Spiel -wer geht am längsten weiter- geworden. Tolle Wirtschaftsdaten können es ja nun wirklich nicht sein, wenn die Unternehmerverbände selbst Lohnabschlüsse unterhalb der Inflationsrate als grenzwertig
betrachten. Mich würde mal interessieren, wie das von eher konservativ ausgerichteten Anlegern gesehen wird und wie Sie das betrachten."
Meine Antwort:
Recht interessante Punkte, die der Leser da anspricht!
Gerade bei den Wirtschaftsdaten, die in den USA veröffentlicht werden, hat das „Spiel" meiner Ansicht nach teilweise absurde Züge angenommen. Wenn z.B. ein Index gebildet wird, indem 500 typische Amerikaner nach der Einschätzung ihrer aktuellen finanziellen Lage gefragt werden....und eine Veränderung dann von Hunderttausenden Tradern weltweit beachtet wird und z.B. dafür „verantwortlich" ist, dass in Seoul einheimische Energieversorger schwach eröffnen....
...dann finde ich das...
...unterhaltsam.
In solchen Fällen lehne ich mich zurück und genieße die Absurdität der Finanzwelt. Und freue mich darüber, dass wir es da eben NICHT mit rein rationalen Marktteilnehmern zu tun haben. Der typische Marktteilnehmer ist eben kein reiner homo oeconomicus („Wirtschaftsmensch").
Sondern ein homo sapiens. (Ich würde auch von homo ludens sprechen.)
Deshalb ist die derzeit herrschende Ansicht, welche von „perfekten Finanzmärkten" etc. ausgeht, meiner Ansicht nach eindeutig „bullshit".
Als Trader freut mich das. Denn so kommt es zu irrationalen Kursen, welche auch eine Chance bieten können. Übertreibungen...nach oben und nach unten...Massenhysterie...antizyklisch handeln kann sich da sehr wohl auszahlen.
Aus diesem Grund schaue ich mir z.B. auch lieber Wirtschaftsdaten aus China an, welche nicht im Mittelpunkt stehen. Daten wie „das Konsumentenvertrauen der Uni Michigan" nehme ich hingegen nur deshalb zur Kenntnis, weil das eben „alle tun". Denke mir meinen Teil.
Noch ein Punkt: Was die vom Leser angesprochenen „Unternehmerverbände" betrifft, welche selbst Lohnabschlüsse unterhalb der Inflationsrate als „grenzwertig" bezeichnen:
Vergessen Sie nicht, das sind doch Lobbyisten. Was sollen die denn sonst sagen? Da muss man einfach immer jammern, und selbst ein sehr günstiger Lohnabschluss muss als „gerade noch verkraftbar" hingestellt werden.
Wir von der Trader´s Daily-Gemeinde hingegen sind keine Lobbyisten, können das Wahrhaftige aussprechen und auch an das Gemeinwohl denken.
Und noch ein Punkt: Auch wir sind Angehörige der Gruppe „homo sapiens". (Und das „sapiens", wörtlich „weise", ist oft genug zum Euphemismus verkommen, finde ich.)
So geben Sie sich bitte damit zufrieden, wenn ich bloß Wahrscheinliches sage. Aussagen wie „der Kurs WIRD um xy% steigen" werden Sie von mir nicht hören. Woher sollte ich das wissen?
Mit herzlichem Gruß,
Ihr
Michael Vaupel
Diplom-Volkswirt / M. A.
Chefredakteur Rohstoff Signale
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Reinhold Boehmke (17.03. 2010 14:28 Uhr):
Ach Herr Vaupel, so wirklich die Wahrheit sagen tut wohl keiner, oder? Haben Sie sich mal die Derrivateumsätze in den letzten Wochen angesehen? Solche Überhänge von put zu call Umsätzen gibt es selten.Viele Analysten schüren die Skepsis mit Kommentierungen von Widerstandslinien usw. und unterlegen das mit schlechten Wirtschaftsnachrichten und schon werden Wetten alleine in Stuttgart in Milliarden auf fallende Kurse abgegeben. Die Banker sammeln die Prämien und m it Hilfe von Aktienfonds der angeschlossenen Fondsgesellschaften werden die Kurse "hoch geprügelt". Umgekehrt funktioniert das natürlich auch wie 2000 oder 2007/2008. Geschichten gibt es genug und interessanterweise wiederholt sich keine wirklich. Würden die Derrivate weltweit verboten werden, würde alles ein wenig behutsamer laufen und eine Menge Leute hätten keine Jobs, oder? Aktuell wird mit geschürter Skepsis ordentlich verdient, erst wenn alle sagen "jetzt läufts" wäre wohl Vorsicht angebracht. Aber wem schreibe ich das Herr Vaupel. Als ob Sie es nicht wüssten. Herzliche Grüße aus dem sonnigen Offenbach. Rein hold Boehmke
Antworten - Kommentar von Thomas Gangl (17.03. 2010 14:58 Uhr):
Die Absurdität der Markreaktion auf dieses Umfrageergebnis ist gar noch grösser, als von Ihnen zu Recht moniert. So werden bei der stark beachteten vorläufigen Veröffentlichung nur die Antworten von lediglich 250 Haushalten berücksichtigt Derzeit steht auch eine andere Zahl ziemlich schief in der Landschaft: Der morgen anstehende Index von 10 Frühindikatoren. Darin wird die Gelmengenveränderung (M2) zu rund 35% berücksichtig. Kein Wunder sind diese Frühindikatoren urplötzlich wahnsinnig in die Höhe geklettert.
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