Irgendetwas stimmt nicht, Herr Greenspan
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 16. Juni 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Ob hier in Deutschland die Unentschiedenheit vielleicht doch irgendwie in den Sternen steht? Der Dax bewegt sich seitwärts, die Wirtschaft bewegt sich seitwärts, die Arbeitslosenquoten geschönt seitwärts, wundert es da, dass der deutschen Nationalelf gestern auch nur ein "Unentschieden", ein "eins zu eins" gegen Holland gelang?
Nur, dass diese Art des "Unentschiedens" bei den Fußball-Fans verhaltene Freude verursachte, bei den Deutschen, bei den Holländern – kaum Krawalle – alles in Ordnung – Finale wir kommen – zumindest bis zum nächsten Spiel.
Aber zu komplizierteren Themen: Diesmal habe ich etwas gebraucht, um den Pferdefuß an den gestrigen Konjunkturdaten zu finden.
Irgendetwas stimmt nicht Herr Greenspan. Ich möchte noch einmal darauf hinweisen: Eine derart anziehende US-Konjunktur hätte auch ohne steigende Ölpreise normalerweise eine Inflation zur Folge, die dann von Zinserhöhungen begleitet würde. Inflation und Zinserhöhungen sind normalerweise die Begleiter einer Konjunkturerholung.
Wenn nun aber die Energiepreise um 4,5 % ansteigen, die Kernrate aber auf einem moderaten Anstieg von 0,2 % verharrt – dann muss irgendjemand die Zeche zahlen. Die Firmen müssen schließlich mehr Geld aufwenden, für Rohstoffe und für Energie, um ihre Produkte herzustellen. Wenn die Produktpreise jedoch stabil bleiben, dann kann das nur zu Lasten der Produzenten gehen. Da die Firmen seit einem Jahr Kostensenkungsmaßnahmen und Stellenbau forcieren, ist hier kaum noch Spielraum. Mit anderen Worten, diese Zange, steigende Produktionskosten bei gleichbleibenden Produktpreisen wird sich sehr bald auf die Gewinnmargen auswirken. Solange die Firmen die steigen Produktionskosten nicht auf die Verbraucher umlegen können, nähern wir uns wieder dem Themenbereich der Deflation. Herr Greenspan, sehen Sie also doch deflationäre Tendenzen?
Wenn eine anziehende Konjunktur bei gleichzeitig stark steigenden Ölpreisen, schwachem Dollar (und trotzdem dramatischen Außenhandelsdefizits) und einer drastischen Erhöhung der Geldmenge keine Inflation auslöst, was dann?
Des Weiteren frage ich mich, warum am Wochenende noch drei Notenbänker auf die Gefahr stark steigender Preise hingewiesen haben und für diesen Fall ebenso stark steigende Zinsen in Aussicht stellten und nun Alan Greenspan die Massen wieder beruhigt: Er erwartet, nach den neuesten Inflationsraten, nur moderate Zinserhöhungen. Seltsam ...
Andererseits könnte man argumentieren, hier soll eine moderate Zinserhöhung von 0,25 Basispunkte dem Markt schonend "beigebracht" werden, so dass die Investoren sich freuen, dass es "nur" 0,25 Basispunkte sind. Ich lasse das mal so stehen. Ich hingegen vermute eher, dass die niedrige Inflationsrate selbst für die Fed überraschend kam. So ist vielleicht auch die Aussage zu verstehen, dass Inflation im Moment kein Thema sei.
Mich interessiert, was die US-Märkte aus diesen Vorgaben heute machen. Gestern kam es nach 20 Uhr zunächst auch zu schwächeren Kursen, obwohl der Markt sich eigentlich hätte freuen müssen. Lediglich zum Schluss hin wurden die Märkte wieder hochgekauft. Also auch bei den US-Investoren scheinen Unsicherheiten vorzuherrschen.
Heute wird das Beige-Book veröffentlicht, vielleicht finden sich hier noch einige weitere Anhaltspunkte zur Inflation und der konjunkturellen Entwicklung in den USA, obwohl die Kernbereiche bereits bekannt sind.
Heute wirkt sich einmal mehr ein Sprengstoffanschlag auf Erdölpipelines im Irak belastend auf die Märkte aus. Man rechnet mit Lieferungsausfällen, die bis zu 10 Tagen andauern können. Die Opec beeilte sich zu beruhigen, dass es zu keinen Lieferungsengpässen kommen werde. Die Organisation wies darauf hin, dass sie eventuelle Lieferschwierigkeiten des Iraks ohne Probleme ausgleichen könne.
Die Investoren werden jedoch durch diesen Anschlag wieder daran erinnert, dass jederzeit auch etwas ähnliches in Saudi Arabien oder anderen erdölfördernden Ländern passieren kann.
Öl (Brendt) scheint im Moment auf dem Niveau von 34 Dollar einen Boden ausbilden zu wollen. Das bedeutet: Zumindest ein kurzfristiger Anstieg auf ein Niveau von mindestens 37 Dollar ist denkbar. Die untere Linie des Aufwärtstrend verläuft im Moment bei ca. 31,5 Dollar.
Und der Dax klebt geradezu an der 4000er Marke. Offenbar scheinen die meisten Investoren dieses Niveau für "angemessen" zu halten. Das sollte man im Hinterkopf behalten. Am Freitag ist mal wieder großer Verfallstag. Oft genug wurden Verfallstage zum Ausgangspunkt eines neuen Trends.