Investieren in Absurdistan
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 26. September 2007 07:30 Uhr
ENL5454
Guten Morgen, verehrte Leserinnen und Leser!
„Uns fehlt die Mauer der Angst“, schrieb ich gestern. Die Lage ist schlecht, aber die Stimmung nicht gut, sondern ausgelassen. Alles wird gut, nein, alles ist gut. Mit besonderer Betonung auf alles. Ach, wir leben in der schönsten aller Welten.
Stellen Sie sich vor, sie wären schwer krank und ihr Zustand würde sich verschlechtern. Würden Sie diese Verschlechterung zum Anlass nehmen, einen neuen Bausparvertrag abzuschließen? Oder würden Sie sich über die deutliche Verschlechterung ihrer Lage freuen, weil dann die hübsche Krankenschwester öfter zu Ihnen kommt? Wohl kaum, denn beides wäre vollkommen absurd.
Absurd ist an der Börse momentan aber gerade voll im Trend. Sollte man dabei sein? Wie sagte doch Forrest Gump: Dumm ist, wer Dummes tut ... Ich ergänze: Ein Idiot ist, wer glaubt, das sich Dummheit dauerhaft durchsetzen wird.
Bleibt nur die Frage offen: Wie lange dauert es diesmal, bis Dummheit bestraft wird?
Konjunkturdaten: ifo schwach
Die gestrigen Konjunkturdaten waren nicht lala, nicht ausbaufähig, sondern Mist. Mal wieder.
Der deutsche ifo Geschäftsklimaindex für September fiel, wie ich ja gestern bereits unkte, stärker als erwartet. Der Gesamtwert lag bei 104,2 (August 105,8, Prognose 105,1). Das ist der tiefste Stand seit 19 Monaten.
Die Einzelbereiche: Die Erwartungskomponente rutschte auf 98,7 nach 100,4 ab (Prognose 99,5). Die Einschätzung der aktuellen Lage sank auf 109,9 nach 111,5 (Prognose 111,0).
Damit ist der ifo viermal in Folge gefallen. Die Regel besagt, dass nach dreimal abwärts nach längerem Anstieg nahezu immer eine nachhaltige Trendwende nach unten erfolgt. D.h. es ist zu erwarten, dass die Wachstumsraten in Deutschland spürbar zurückgehen werden. Der deutsche Aktienmarkt reagierte mit einem „Hüsterchen“ von 20 Punkten nach unten ... das war’s.
Konjunkturdaten: Verbrauchervertrauen schwach
Das um 16 Uhr unserer Zeit veröffentlichte US-Verbrauchervertrauen fiel markant. Sicher, das alleine heißt keinen sofortigen Konsumverzicht, aber die Zahlen waren schon heftig. Mit 99,5 fiel das Verbrauchervertrauen erstmals seit November 2005 unter 100. Besonders wichtig dabei ist, dass die Erwartungskomponente mit 85,2 nach 89,2 ebenso markant fiel wie die aktuelle Lagebeurteilung (121,7 nach 130,1).
Konjunkturdaten: Hausverkäufe schwach
Auch, wenn ich gestern auf Bloomberg zu hören bekam, die Umsätze gebrauchter Eigenheime seien besser als erwartet ausgefallen ... meine Prognosen der Experten gaben das nicht her. Die auch unmittelbar vor Bekanntgabe der Daten aufrecht erhaltenen Werte lauteten auf 5,5-5,6 Millionen Einheiten. Damit ist der herausgekommene Wert von –4,3% auf 5,5 Millionen irgendwie nicht besser als erwartet.
Die Zahl der umgesetzten Eigenheime ist damit auf dem tiefsten Stand seit August 2002. Interessant allerdings, dass der durchschnittliche Preis mit 224.500 Dollar stabil geblieben war, ABER:
Der Case-Shiller Home Price Index, ebenfalls gestern veröffentlicht, spricht eine andere Sprache. Hiernach ist der Preis für Eigenheime in den 20 größten US-Städten im Juli um –0,4% gefallen, im Jahresvergleich gar um –3,9%. Das ist schon eine Hausnummer (vgl. dazu auch den 2. Abschnitt zum Thema Immobilienkrise). Dieser Index fiel damit nun den 13. Monat in Folge!
Denken in Absurdistan: Die Lage wird schlechter, wie wunderbar!
Es gab dereinst eine Zeit, da hätte man sich gesagt: Oh, das sieht aber nach fallenden Unternehmensgewinnen aus, da will ich mal lieber die Finger vom Kaufknopf lassen. Die älteren unter Ihnen werden sich an diese Zeit erinnern. So war das früher ... letztes Jahr zum Beispiel. Heute, ja heute ist – wie immer, bevor es dick eins auf den Hut gibt – alles anders.
Nachdem die lausigen US-Daten herauskamen, fielen die Kurse ca. 30 Sekunden, um dann schnell neue Tageshochs zu markieren. Da tobt der Fachmann und der Laie freut sich. Das übrigens ist eine dieser Situationen, in den auch die letzten Baissiers die Segel streichen und aufgeben. Immer weniger Akteure glauben daran, dass es überhaupt jemals wieder nach unten gehen kann.
Lustig eigentlich, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass der letzte relativ deutliche Rücksetzer erst zehn Wochen zurück liegt. Aber gerade der Umstand, dass bei erstaunlich vielen Akteuren hinsichtlich der Börse nur das Kurzzeit-Gedächtnis in Betrieb genommen wird, macht große Überraschungen möglich, fatale Fehler und völlig absurde Denkweisen. Die allerschlimmste dabei ist:
Viele glauben, was heute funktioniert und zu stimmen scheint, bleibt ewig gültig.
Erfahrene Anleger wissen aus Erfahrung: Genau dieses Denken ist die Basis dafür, dass
- eine Veränderung der Lage (zum Guten wie Schlechten gleichermaßen) sich mit einer in der Länge nicht vorhersehbaren Verzögerung an den Börsen niederschlägt und
- dass diese verzögerte Reaktion dann umso brutaler ausfallen wird.
Verschwörung finsterer Bärenhasser?
Daraus abgeleitet bleibt meine Ansicht ungebrochen, dass diejenigen, die womöglich sogar vollkommen ahnungslos ob der negativen Aspekte um die Börse in den letzten Wochen einsgestiegen sind, weil alles gerade so schön „billig“ war, auf Dauer nicht die dicksten Kartoffeln ernten werden.
Allerdings ... vielleicht ist diesmal doch alles anders? Wenn die Mehrheit der Anleger auf Dauer der Ansicht sein wird, dass schrumpfende Wachstumsraten der Wirtschaft und der Unternehmensgewinne ab sofort die Basis für steigende Aktienkurse sein werden ... dann wird es ewig bergauf gehen. Denn sollten die Gewinne wieder positivere Aussichten haben, dann wird die Logik flugs wiederumgekehrt und gut ist. Das bringt Freude.
Nun schrieb mir ein Leser gestern, dass ich bei meinen Überlegungen vernachlässige, dass die Interessen des Großkapitals und damit derer, die die Zügel in der Hand halten, doch ausschließlich auf steigende Kurse ausgerichtet seien. Die mit dem langen Hebel können keine fallenden Kurse brauchen – also werden die Kurse nicht fallen.
Ich bekomme in letzter Zeit öfter vergleichbare Nachfragen, daher werde ich in Kürze auf diese Thematik ausführlicher eingehen. Vorab sei eines in den Raum gestellt: Dass die langen Hebel in den Händen relativ weniger Entscheider liegen, war schon immer so. Dennoch gab es die Baisse 2000-2002. So leicht ist das also nicht.
Nein, hinter der scheinbar „ewigen Rallye“ steckt keine Verschwörung finsterer Bärenhasser, sondern eine ganze Kette an Umständen und Gründen, die durchaus weniger geheimnisvoll sind, aber komplex in ihrem Wirken zueinander:
Drei Gründe für eine Rallye bei schlechten Nachrichten
Stellen Sie sich vor, Sie wären im Dax Future Short. Nun kommen saumäßige Daten und die Kurse fallen brav. Doch auf einmal geht es einfach – und sei es für Sekunden – nicht weiter runter. Sie haben eine große Position gegen den kurzfristig ja nach oben weisenden Trend und wollen nicht zuviel riskieren ... also decken Sie ein, um einen kleinen Gewinn mitzunehmen. Doch Eindecken im Future heißt kaufen! Und wenn nur ein paar weitere bei geringen Umsätzen denken wie Sie ... steigen dadurch die Kurse. Was Stop-Loss-Marken anderer Short-Positionen auslöst wodurch weitere eindecken – sprich kaufen – was noch mal steigende Kurse mit sich bringt ... was wiederum noch mehr Stop-Loss-Marken auslöst ... und schwupp steht die Börse auf einmal nach miesen Nachrichten auf Tageshoch - nur, weil ein paar Akteure ihre Short-Position schließen wollten.
Hinzu kommt natürlich, dass es wirklich Leute gibt, die das „Denken a la Absurdistan“ pflegen und jubeln, wenn die Konjunkturdaten schlecht sind. Weil das doch noch mehr Zinssenkungen bedeutet. Gut, die Verschlechterung der Lage ist das hier und jetzt, die Wirkung von Zinssenkungen eine mit Fragezeichen versehene Zukunft. Aber manchen ist die Hose komischerweise doch näher als das Hemd ...
Und das dritte Argument, das momentan greifen könnte ... wenn auch meiner Meinung nach nur moderat ... ist das Thema „Window Dressing“. Freitag ist letzter Handelstag des Quartals! Vergessen wir nicht: Die Fonds möchten natürlich gerne nach diesem Kursrutsch im Juli/August trotzdem glänzen. Und bitte vergessen Sie da den Chart des Dax. Die Musik spielt ja in den USA. Der Dax hinkt bloß hinterher.
Sie sehen im Dax-Chart, dass da mit Gewinn im 3. Quartal wohl bei den wenigsten Fonds noch was zu retten ist. Doch anders in den USA. Hierzu der Chart des marktbreiten Standard & Poors 500 (Stand 19 Uhr):
Hier haben wir ein Plus! Das 2. Quartal endete Ende Juni für den S&P 500 mit 1.503 Punkten, aktuell liegen wir darüber. Das ist schon ein gutes Argument dafür, dass aktuell kein großer Druck nach unten zugelassen wird – zumindest bis Ende der Woche. Und das wiederum bedingt nervöse Bären – siehe Argument No 1.
Achten sie darauf, dass Sie sich die „lange Leitung“ der anderen leisten können
Zum Abschluss dazu eine wahre Geschichte: Ein Freund von mir hatte 1987 seine Ersparnisse auf fallende Kurse gesetzt, weil er anhand der Lage völlig sicher war, dass die Aktienmärkte einbrechen würden. Er begann mit einem Drittel des Kapitals im Juni ... lag falsch ... setzte das zweite Drittel im Juli auf Verfalltermin August ... lag falsch ... und setzte das letzte Geld im August auf Verfalltermin September. Der Crash kam ... im Oktober.
Die Einschätzung war klug und fehlerfrei ... aber er erwartete, dass die Kurse prompt reagieren würden und die Börse nicht – wie heute auch – auf der Leitung stünde. Heute weiß er genau, dass sich logische Konsequenzen immer irgendwann einstellen werden ... aber man nie soviel riskieren darf, dass Geduld haben ein unbezahlbarer Luxus wird. Ich rate jedem dazu, aus dieser wahren Geschichte die Konsequenzen zu ziehen.
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag – bis morgen!
Ronald Gehrt
The Daily Observer

