Intrigen, Rache, Übernahmen und Gerüchte
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 12. September 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Unsere TV-Soaps bieten uns eine Welt voller Intrigen, Rache, Mord und Mobbing. Doch manchmal holt sogar die "Realität" die Phantasie der TV-Drehbuchautoren ein. Die neusten Gerüchte zu TUI könnten den Stoff für eine solche Soap-Episode bilden: Die Tschibo-Connection. Angesichts des doch eher ruhigen Freitagsmittagshandels werde ich mich diesen Gerüchten ausführlich widmen:
Bernd Wrede gilt in der Branche als "Intimfeind" von TUI-Konzernchef Michael Frenzel. Das hat Gründe: Frenzel hatte seinen Widersacher Wrede zunächst auf den Posten des TUI-Bereichsvorstand kalt gestellt. Später, Ende 2001, hat Wrede schließlich TUI ganz verlassen. Michael Frenzel hatte obsiegt.
Rache soll kalt genossen werden: Zwei Jahre später taucht Wrede aus der "Versenkung" wieder auf und will nun seinerseits Michael Frenzel aus dem Amt drängen. Um dieses Ziel zu erreichen, soll einen Investorengruppe um die Tschibo Erben und Geschwister Günter und Daniela Herz, sowie dem Hamburger Wirtschaftsprüfer Otto-Gellert den TUI Konzern einfach mal eben übernehmen, so die Gerüchte. Otto-Gellert gilt als Geschäftsfreund von Wrede. Nach der Übernahme soll Frenzel dann seines Amtes enthoben werden.
Geld für diesen Deal ist genug vorhanden. Denn gerade hatte diese Gruppe ihren 40 %-Anteil an Tschibo für 4 Mrd. Euro veräußert. Aktien sind eventuell auch genug vorhanden. Die WestLB will sich von ihrem 31 % Anteil an TUI trennen. Sollte die WestLB ihren Anteil an die Investorengruppe verkaufen, könnte der Coup gelingen.
Natürlich ist dieser Deal nicht nur ein Freundschaftsdienst, beim Geld hört schließlich alle Freundschaft auf. Werde hat tiefe Einblicke in die Firmenstruktur, besonders da er früher Chef der TUI Tochter Hapag Lloyd war. Und genau um diese Tochter dreht sich der Deal. Denn es heißt, in Hapag Lloyd stecke soviel Substanz, dass eine Veräußerung dieser Tochter allein schon den Übernahmepreis abdecken könnte. Wrede muss es wissen. Der TUI Börsenwert liegt übrigens aktuell ungefähr bei mageren 2,7 Mrd. Euro. Sogar ein potentieller Käufer für Hapag Lloyd wird schon gehandelt: Kühne & Nagel soll Interesse habe. Ein perfektes Gerücht.
Aber! Alle Betroffenen haben natürlich alles dementiert. Gellert sagte gegenüber dem Manager Magazin, dass an dieser Geschichte nichts dran sei. Auch TUI wies diese Gerüchte als "reine Spekulation" zurück. Kühne & Nagel erklärte lapidar, man beteilige sich nicht an solchen Spekulationen. Natürlich wurde zu den Dementis aus den "informierten" Kreisen die These geäußert, dass sie lediglich dazu dienen, die Kurse niedrig zu halten.
Sie werden mich nun vielleicht fragen wollen, was ich von diesen Gerüchten halte. Die Story ist derart "verrückt", dass sie eigentlich nur der Realität entspringen kann. Allgemein halte ich nichts von Gerüchten. Meistens werden sie lediglich gestreut, um Kurse zu manipulieren. Das soll helfen, um aus oder in eine Aktie einsteigen zu können. In diesem Fall wohl eher aussteigen. Der Zeitpunkt heute bietet sich schließlich auch an.
Ich habe mir generell angewöhnt bei Gerüchten Aktien zu meiden. Zu viele Zocker, Insider etc. treiben sich dann in diesen Aktien rum, heftige unvorhersehbare Kurschwankungen sind zumeist die Folge, da kann ich auch Roulette spielen.
TUI (ISIN DE0006952005) konnte nach diesem Gerücht im Hoch um 10 % auf 16,80 Euro ansteigen, liegt aktuell jedoch nur noch mit 4 % Plus bei 15,90 Euro.
Kurz noch zu den US-Märkten: Bedenklich, dass die kleine "Erleichterungsrallye" gestern nur von kurzer Dauer war. Das "smart money" verkaufte in den letzten beiden Handelsstunden, so dass ein Teil der Gewinne wieder dahin schmolzen. Damit wird die Konsolidierung wohl noch etwas weiter gehen. Heute kommen wieder wichtige Konjunkturdaten, dazu gleich mehr.
P.S. Ein wenig verblüfft war ich, dass nun ein Chefvolkswirt der Deutschen Bank erklärte, dass die Dax-Aktien im Moment "klar überbewertet" sind. Er sieht den fairen Wert bei 3.000 Punkten. Genau das sage ich seit Monaten. Aber interessant, dass nun auch Chefvolkswirte der Deutschen Bank ihre rosarote Brille abgenommen haben.