Insider im Fokus: Update zu Conergy
Cindy Bach in Insider Daily zum Thema Aktien & Aktienhandel
vom 20. November 2007 14:30 Uhr
ENL5454
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
einen wahrhaft finsteren Wochenauftakt haben wir gestern am deutschen Aktienmarkt erlebt. Der DAX fiel um 1,3 Prozent oder 100 Zähler auf 7.512 und befand sich damit auf dem niedrigsten Schlussstand seit Mitte September. Aber auch die anderen deutschen Indizes konnten sich dem Abwärtsstrudel nicht entziehen.
Im TecDAX kam es vor allem bei Werten der Solarbranche zu hohen Verlusten. Grund der drastischen Abwärtsbewegung war laut Aussage der Händler unser „Insider im Fokus“ von vergangener Woche – die Conergy AG. Der ohnehin schon arg angeschlagene Konzern muss nun gegen hochkochende, ja fast überkochende, negative Medienschlagzeilen ankämpfen. Aus diesem Grund möchte ich hier noch einmal in Kürze darauf eingehen.
Risikofaktoren ohne Ende...
Wie die ARD-Börse vermeldet geht die Abstrafung mit einem Artikel aus der „Welt“ vom Wochenende einher, in welchem berichtet wurde, dass die frischen Kredite, die Banken Conergy zur Verfügung gestellt haben, bereits zum 28. Februar 2008 wieder fällig würden. Und darüber hinaus sei in Conergy´s selbst ernanntem „großem Coup des Jahres“ – der milliardenschweren Solarfabrik Frankfurt/Oder – bislang nur die Modulproduktion, nicht aber die mit Glanz und Gloria angekündigte integrierte Waferproduktion angelaufen.
Jetzt kursieren sogar Gerüchte, wonach die Deutsche Prüfstelle für Rechnungsstellung (DPR) Conergy´s Jahresabschluss 2006 sowie den Abschluss für das erste Halbjahr 2007 genauer prüfen wolle. Das war Salz in eine tiefe Wunde. Und diese blutet nun deutlich nach...
Solarwerte im Conergy-Sog
Bereits die Gewinnwarnung Ende Oktober hatten die Conergy-Aktionäre mit einem Kursverlust von 30 Prozent quittiert, und die jüngsten Hiobsbotschaften wurden gestern mit einem Kursabschlag von bis zu 19 Prozent zur Kenntnis genommen. Mit 20,46 Euro erreichte der Solarwert ein neues Jahrestief. Daraufhin gaben auch andere Solarwerte wie Solon, Q-Cells, Solarworld und Ersol Solar deutlich mit teilweise zweistelligen Raten nach. Einzig die Papiere von QSC konnten nach der Bekanntgabe der endgültigen Quartalszahlen um 3,9 Prozent auf 2,72 Euro zulegen.
Das Vertrauen der Anleger in Conergy scheint nun endgültig dahin. Und auch viele Analysten halten die Aktie auf dem jetzigen Kursniveau noch für zu hoch bewertet. Sven Krupp, Analyst von AC Research, zeigte dies deutlich und stufte die Conergy-Aktie von „halten“ auf „reduzieren“ zurück. Die negative Analysteneinschätzung zu Conergy scheint sich auch heute am Markt durchzuschlagen. Aktuell notiert die Aktie sogar nur noch bei 18,42 Euro. Damit hat der Solarwert innerhalb von nur fünf Wochen mehr als 75 Prozent seines Börsenwertes eingebüßt.
Manche sehen gar den Totalverlust kommen
Der neue Finanzchef wird wohl eine Weile brauchen, bis er sich in das völlig verworrene Firmenstruktur-Geflecht aus 27 inländischen und 58 ausländischen Tochtergesellschaften eingearbeitet hat. Und selbst dann kann er das Ruder nicht mit einer eleganten Handbewegung rum reißen. Vielmehr ist in naher Zukunft mit horrenden Abschreibungen, einem Berg von Restrukturierungskosten und weiteren Prognosesenkungen zu rechnen. Und so mancher Experte sieht schon jetzt ein Horrorszenario von einem Totalverlust wahr werden.
Wie konnte es so weit kommen? Menschliches Versagen des ehemaligen Vorstandschefs Rüter? Das allein kann doch ein solches Riesendebakel nicht verschulden, oder doch? Zugegeben, das was der ehemalige Boss sich in den letzten Monaten so alles leistete grenzt schon an Kriminalität. Denn wenn man sich Mitte des Jahres noch voller Optimismus bezüglich der gestellten Jahresprognosen äußert, und diese sogar vor vier Wochen, also kurz vor der Gewinnwarnung, nochmals bestätigt, dann ist da etwas mehr als faul. Doch so eine hinterhältig böse Story wurde bisher noch immer irgendwann aufgedeckt… So auch jetzt. Und das ist gut so…
Das Fazit zum Fazit
Bevor ich Ihnen meine „Moral von der Geschicht“ unterbreite, möchte ich Ihnen nochmals mein Fazit der vergangenen Woche ins Gedächtnis zurück holen. Hier schrieb ich in der Mittwochsausgabe: „Mein Fazit: Auch wenn die Conergy-Aktie auf aktuellem Kursniveau wieder günstig erscheint, sollte angesichts der dramatischen operativen Entwicklung hier mit Vorsicht zu Werke gegangen werden. Wie schnell hat man in ein noch weiter fallendes Messer gegriffen. Der drastische Rückschlag ist noch zu frisch, als dass man hier schon einen künftigen Trend ausmachen könnte. Ein echtes Investment ist die Aktie in meinen Augen nicht mehr. Die Aktie ist nur was für Zocker, die spekulativ auf eine kurzfristige Zwischenerholung setzen."
Im Großen und Ganzen traf dieses Fazit schon vergangene Woche das, was ich Ihnen, auch nach den aktuellen Meldungen, zu Conergy ans Herz legen will. Noch ist hier das Ende nicht abzusehen. Und der Fall Conergy trifft in dieser sehr schwachen Marktlage natürlich auch andere Titel der Branche.
Doch ein Alarmzeichen für den gesamten Solarsektor sehe ich damit nicht. Denn im Gegensatz zu Conergy konzentrieren sich die anderen Unternehmen auf ihr Geschäft und dessen organisches Wachstum. Conergy ist der traurige Einzelfall, der wieder auf den Schultern derer ausgetragen wird, die auf den Solartrend gesetzt und sich dabei leider für das falsche Unternehmen entschieden haben.
Ich wünsche Ihnen... und ein bisschen natürlich auch mir... eine weniger düstere Börsenwoche, als es der Start uns vorgegeben hat.
Ihre
Cindy Bach