Insider im Fokus: EnviTec Biogas AG
Cindy Bach in Insider Daily zum Thema Aktien & Aktienhandel
vom 22. November 2007 14:30 Uhr
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Liebe Leserinnen, liebe Leser,
heute also wie angekündigt der zweite „Insider im Fokus“ für diese Woche. Hier habe ich, meines Erachtens nach, eine recht spannende Story für Sie ausgekramt. Darüber hinaus gibt es in dieser Ausgabe einen interessanten Gastbeitrag von Jürgen Schmitt, dem Chefredakteur der beiden erfolgreichen Börsendienste „Aktien-Monitor“ und „Top-10-Depot“, zur aktuellen Marktlage. Die Rubrik „Wer empfiehlt was“ verschiebt sich aus diesem Grund auf die morgige „Insider Daily“-Ausgabe. Dann erfahren Sie an dieser Stelle mehr über interessante Empfehlung anderer Börsendienste.
EnviTec: Biogas-Spezialist und gepeinigter Börsenneuling
Sie kam schon völlig überteuert auf den Markt und kannte seither nur eine Richtung, nämlich gen Süden – die Rede ist von der Aktie des Biogasunternehmens EnviTec.
Die EnviTec Biogas AG ist ein Anbieter von Biogasanlagen, wobei sich das Unternehmen selbst sogar als der führende Anbieter von Biogasanlagen in Europa bezeichnet. Das EnviTec-Angebotsspektrum reicht vom Biogasanlagenbau einschließlich des Behälterbaus über die Planung, die Realisierung und Inbetriebnahme der Anlagen bis hin zum Betrieb eigener Anlagen. Dienstleistungen wie die Wartung von Anlagen runden das Angebot ab.
Seit der Firmengründung im Jahr 2002 wuchs der Umsatz beständig und schaffte allein zwischen 2005 mit 40,75 Mio. Euro und 2006 mit 100,68 Mio. Euro mehr als eine Verdopplung. Auch im 1. Quartal 2007 gelang mit 32,8 Mio. Euro gar eine Verdreifachung im Vergleich zum entsprechenden Quartal des Vorjahres, als noch 10,9 Mio. Euro verbucht wurden. Und in ersten neun Monaten des laufenden Jahres steigerte der Biogas-Spezialist aus Niedersachsen seinen Umsatz um 69 Prozent auf 102,4 Mio. Euro. Der Gewinn vor Zinsen und Steuern legte man um 54 Prozent auf rund 16 Mio. Euro zu.
Viel erwartet und viel verloren
All das ließ zum bevorstehenden Börsengang im Juli 2007 einiges an Zuversicht aufkommen. 5,16 Mio. Envitec-Aktien warteten nur darauf mit Erfolg und einer Bookbuilding-Preisspanne von 42 bis 52 Euro an den „willigen“ Aktionär gebracht zu werden. Das ließ aufhorchen. Denn: Selbst bei einem Preis je Aktie von nur 42 Euro, ergab sich damit schon vor dem ersten Handelstag ein beachtlicher Börsenwert von 216,72 Mio. Euro für ein noch recht junges Unternehmen mit einem geschätzten 2007er Umsatz von 160 Mio. Euro. Doch bei Wachstumswerten ist das keine Seltenheit.
Dennoch rieten viele Analysten angesichts des recht komfortablen Preises von einer Zeichnung von EnviTec-Aktien ab. So auch die Experten der Platow Börse. Hier konnte man während der Zeichnungsfrist lesen: „Mit einer recht breiten Bookbuilding-Spanne von 42 bis 52 Euro wird Biogas-Spezialist EnviTec feilgeboten. Damit wird die Aktie post IPO am oberen Ende dieser Range mit 780 Mio. Euro bewertet. Viel Holz für eine Company, die 2006 gerade einmal 101 Mio. Euro Umsatz und 11,5 Mio. Euro Gewinn auswies, auch wenn Analysten erwarten, dass sich der Gewinn bis 2009 nahezu vervierfachen wird. Dennoch sollten Sie auch nicht jeden Preis auf den Tisch legen. Wir raten Ihnen von einer Zeichnung des Papiers ab.“
Zu 47 Euro, und damit in der Mitte der Bookbuilding Spanne, kamen die EnviTec-Aktien schließlich an die Börse. Das ergab ein Gesamtemissionsvolumen von rund 242,5 Mio. Euro. Die Erstnotiz lag mit einem ordentlichen Aufschlag von rund 7 Prozent bei 50,50. Weitere rund 600.000 Aktien kam einige Tage später über einen Greenshoe hinzu.
Anfang August teilte EnviTec mit, dass man die Gesamtzahl der Stimmrechte aufgrund einer Erhöhung des Grundkapitals gegen Bareinlage per Ende Juli auf insgesamt 15.000.000 Anteile erhöht habe. Diese Meldung kam unmittelbar nach einer Erklärung des Vorstandes, dass man an den zum Börsengang gemachten Zukunftsprognosen festhalten werde. Diese wiederum war eine Reaktion auf die schwache Kursentwicklung in den zwei Wochen nach dem IPO. Damals ahnte man sicher noch nicht, dass all das erst der Anfang ist und sowohl die Kapitalerhöhung als auch die Beteuerungen an der Börse keinerlei Wirkung zeigt. Der Kurs war nachhaltig auf Talfahrt gegangen.
Erstnotiz durch drei geteilt
Rund vier Monate später notiert die Aktie nur noch bei 16,56 Euro (Stand: 22.11.07, 10.30Uhr). Der Anteilsschein hat sich seither also etwas mehr als gedrittelt. Eine Bodenbildung ist noch nicht zu erahnen. Wie kann ein Unternehmen, dass als derart zukunftsweisend und wachstumsstark beschrieben wird, seine Anleger nur derart enttäuschen, dass sie zuhauf aus ihrer Anlage stürzen? Da kann doch etwas nicht stimmen...
Doch es gab zunächst keinerlei fundamentale Anhaltspunkte für das Misstrauen der Aktionäre. Die Bekanntgabe der Halbjahreszahlen Ende August brachte ausschließlich erfreuliche Fakten auf den Tisch: Mit einem erzielten Umsatz von 65,6 Mio. Euro wurden satte 92,4 Prozent mehr umgesetzt als im gleichen Vorjahreszeitraum. Auf Ebit-Basis, also vor Zinsen und Steuern, verzeichnete der Konzern einen Gewinnanstieg um mehr als 48 Prozent auf 11,3 Mio. Euro. Unter dem Strich wies EnviTec einen Gewinnanstieg von 4,9 Mio. Euro auf 7,1 Mio. Euro aus. Und auch für das Gesamtjahr bestätigte der Konzern seine erneut sein „beachtliche“ Prognose von 160 Mio. Euro Umsatz und mehr als 27,5 Mio. Euro Gewinn vor Steuern.
Erbarmungslose Börse
Das tut weh und zeigt mit Deutlichkeit wie erbarmungslos Börse sein kann: Da legt einer der führenden Branchenvertreter im Bereich Biogas ein Halbjahresergebnis mit gigantischen vor und die Börse reagierte mit panikartigen Verkäufen.
Nun aber ein deutliches Signal aus dem Lager der Insider. Wie eine Pflichtmitteilung verkündete handelte es sich dabei um Insiderkäufe der beiden an EnviTec beteiligten Unternehmen von Lehmden Beteiligungs GmbH und Ruhe Verwaltungs GmbH. Die Gesellschaft von Lehmden hatte allein für den Greenshoe 336.500 EnviTec-Aktien abgegeben. Nun erwarb das Beteiligungsunternehmen am 13. November 589.442 im Gegenwert von rund 9,98 Mio. Euro via Xetra-Handelkauften in ihr Depot zurück. Auch die Ruhe Verwaltungs GmbH kaufte ca. 72.000 Aktien im Gesamtwert von rund 1,23 Mio. Euro.
Doch eben auch diese beiden deutlichen „Symbolkäufe“ des Vertrauens verpufften fast unmerklich angesichts einer vom Vorstand verkündeten Prognoseabsenkung für das Gesamtjahr 2007. Ja genau, Sie haben richtig gehört. Die Jahresprognose, die man sowohl erst bei Bekanntgabe der Halbjahreszahlen mit Vehemenz verteidigt hatte, wurde nun deutlich nach unten korrigiert: Statt 160 Mio. Euro nur noch 130 bis 140 Mio. Euro Umsatz.
Damit wurde die EnviTec-Aktie endgültig nach unten durchgereicht. Und da half auch die Meldung nicht, dass man im 3. Quartal erneut deutlich in Umsatz und Ergebnis hatte zulegen können. In ersten neun Monate des laufenden Jahres steigerte der Hersteller von Anlagen für die Biogas-Produktion seinen Umsatz sogar um 69 Prozent auf 102,4 Mio. Euro. Beim Ebit legte EnviTec um 54 Prozent auf rund 16 Mio. Euro zu. Unglückliches Timing...
Das Ende der Fahnenstange liegt noch im Dunkeln
Stellt sich nun die Frage: Wo ist das Ende der Fahnenstange? Wann ist dieser Ausverkauf endlich vorüber? Auf aktuellem Kursniveau ergibt sich für EnviTec ein Börsenwert von 248,4 Mio. Euro. Mit der aktuell abgestuften Umsatzprognose von durchschnittlich 135 Mio. Euro sowohl für das laufende Geschäftsjahr als auch für 2008, ist die Aktie also immer noch mit fast dem doppelten Umsatz an der Börse bewertet. Und in der aktuellen Schieflage am Markt, kann so etwas einem Wert durchaus das Genick brechen.
Und abgesehen davon: Sollte die aktuell sehr schwache Marktlage, sich in den kommenden Wochen durchsetzen, wird es künftig bei der Bewertung einer Aktie immer weniger auf Umsatzbewertungen oder auf das KGV ankommen, sondern vielmehr auf die Aktionärsstruktur eines Aktienwertes. Eine „gute“ Aktionärsstruktur zeichnet sich dadurch aus, dass die Aktie auch an sehr schwachen Tagen sich auf einem guten Kursniveau hält. Die Aktionäre vertrauen auf ihr Unternehmen und flüchten nicht beim nächst besten Bärentag oder einer schlechten Unternehmensmeldung aus ihrem Wert. Das stützt den Aktienkurs. Zeigt die Stärke des Wertes.
Betrachtet man EnviTec von dieser Warte aus, erkennt man nicht nur Negatives. Während viele Aktionäre den eingetrübten Ausblick für das Gesamtjahr mit Verkäufen quittierten, gingen die beiden Großaktionäre (von Lehmden Beteiligungs GmbH mit 32,80 Prozent und Ruhe Verwaltungs GmbH mit einem Anteil von 10,93 Prozent) an diesem schwachen Börsentag auf die Käuferseite und das mit einer „ordentlichen Stange Geld“. Mehr Vertrauen kann man eigentlich nicht nach Außen tragen.
Wie „schlecht“ ist EnviTec wirklich?
Mein Fazit: EnviTec konnte in den vergangenen Jahren fundamental deutlich voran kommen und arbeitet auch weiterhin mit Nachdruck an seinem Wachstum, sowohl organisch als auch über (zum Teil internationale) Beteiligungen. Dennoch darf man nicht vergessen, dass der Markt für Biogas durch die politisch und rechtlich undurchsichtigen Rahmenbedingungen für diese alternative Energieform nur schwer langfristig einschätzbar ist. Das belädt die in diesem Feld tätigen Unternehmen stets mit einer gewissen Portion zusätzlicher Unsicherheit.
Kommt es dann noch zu einem deutlichen Einbruch am Markt, wie es derzeit bei den Small- und Micro-Caps der Fall ist, flüchten die „Angsthasen“ und die Werte kennen kein Halten mehr. Dass das nicht selten auch das falsche Unternehmen treffen kann, zeigt sich an EnviTec. Dennoch sehe ich den Grund für den drastischen Kursverfall eher in dem recht hoch angesetzten Preisniveau je Aktie beim Börsengang. Erst wenn die Börse die Papiere für fair bewertet hält, wird der Kursverfall sein Ende finden. Das könnte einige Zeit dauern. Aber dann ist die Aktie durchaus auch langfristig interessant, denn die Aktionärsstruktur ist ansprechend und die Auftragslage stimmt zuversichtlich. Ich werde Sie auf dem Laufenden halten...
Ich wünsche Ihnen einen guten Börsentag.
Ihre
Cindy Bach
