Insider im Fokus: Conergy
Cindy Bach in Insider Daily zum Thema Aktien & Aktienhandel
vom 14. November 2007 14:30 Uhr
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Liebe Leserinnen, liebe Leser,
viele nannten ihn einst den Superstar am Himmel neuer Technologien und das Unternehmen bezeichnete sich mit eigens gezüchtetem Wohlwollen und einem Umsatz von 752 Mio. Euro gern auch selbst als Europas größtes Solarunternehmen. Nun aber ist der Superstar am Fallen. Denn beim Hamburger Solarkonzern Conergy nimmt die Flut der schlechten Nachrichten derzeit kein Ende.
Nachdem das Unternehmen weder im vergangenen Geschäftsjahr noch in 2007 seine Prognosen hat erfüllen können, musste es jetzt sogar Zahlungsschwierigkeiten einräumen. Der einstige Unternehmensgründer und Vorstandschef Martin Rüter zog daraufhin seinen Hut und trat zurück. Zum Nachfolger, wenn auch nur vorübergehend, wird Dieter Ammer, Investor, maßgeblicher Conergy-Aktionär, ehemaliger Tchibo-Chef - und Martin Rüters Onkel - ernannt. Er machte sogleich die Probleme fest, die bei Conergy in Angriff genommen werden müssen: Vernachlässigung der Kernkompetenz, zu viele nicht profitable Geschäftsbereiche und mangelhaftes Controlling.
Finanzspritze durch Kapitalerhöhung
Nun soll zunächst eine Kapitalerhöhung weiterhelfen. Rund 2 Mio. neue Aktien sollen 100 Mio. Euro frisches Geld in die Kassen spülen und die Liquiditätsschwierigkeiten des Unternehmens beseitigen. Dafür springen auch schon mal Konzerneigenen in die Presche. Wie die Meldungen zu Insiderkäufen in der vergangenen Woche zeigten. So zeichneten unter anderem der ehemalige Vorstandsvorsitzende Hans-Martin Rüter und Aufsichtsratsvorsitzender Dieter Ammer insgesamt 208.895 junge Aktien des angeschlagenen Unternehmens im Gegenwert von rund 7 Mio. Euro.
Zudem stockte auch die Beteiligungsgesellschaft Grazia Equity GmbH, ihren Anteil an Conergy weiter auf und zeichnete 212.473 junge Aktien im Gesamtwert von insgesamt 7,12 Mio. Euro. Und nicht zuletzt war einer Pressemeldung zu entnehmen, dass die zur Deutsche Bank gehörende Tochtergesellschaft DWS Investment GmbH ihre Beteiligung an Conergy erhöht hat und dass deren Stimmrechtsanteil nun die Schwelle von 5 Prozent überschritten (5,13%) hat.
Damit ist man zwar auf dem richtigen Weg die Liquiditätsprobleme zu beheben. Doch das Vertrauen in den einstigen Börsenliebling scheint dahin. Das spiegelt auch der Aktienkurs wieder.
Kosteten Conergy-Papiere Anfang Oktober in der Spitze noch 68 Euro, ging es innerhalb von sechs Wochen bis auf aktuell 29,00 Euro abwärts. Eine Bodenbildung scheint derzeit nicht in Sicht. Zudem senkten die Analysten, u.a. von UBS, Lehmann Brothers und WestLB, teilweise drastisch ihre Kursziele für die Conergy-Aktie.
Zu viel gewollt?
Wie aber konnte es soweit kommen? 1998 als solares Handelsunternehmen gegründet, ging man im März 2005 an die Börse. Das im TecDAX notierte Unternehmen nahm die Erlöse aus dem IPO und investierte sie in neue Geschäftsfelder wie Windenergie, Biomasse und solarthermische Kraftwerke. Der kostenintensive Aufbau dieser Geschäfte ging einher mit der Gründung einer Vielzahl von Auslandsunternehmen. Offensichtlich werfen die Projekte aber kaum Gewinn ab. Das zumindest sprechen die aktuellen Quartalszahlen. Denn im Q3 rutschte Conergy in die roten Zahlen ab.
Der Umsatz stieg zwar um 60% auf 223,0 Mio. Euro, blieb aber wegen Lieferverzögerungen von Solarmodulen hinter den Erwartungen zurück. Dies wirkte sich im dritten Quartal mit etwa 130 Mio. Euro im Umsatz aus. Der daraus fehlende Rohertrag sowie Einmaleffekte belasteten das Ergebnis. Dies führte insgesamt zu einem negativen Konzernergebnis im dritten Quartal in Höhe von -10 Mio. Euro.
So bitter kann Rache schmecken
Conergy hatte im November vergangenen Jahres eine strategische Wende vollzogen, die sich jetzt offensichtlich rächt. Hatte sich das noch junge Unternehmen bis dahin rechte erfolgreich auf die Projektierung und den Verkauf von Anlagen der erneuerbaren Energien konzentriert, verkündete man nun lauthals, man wolle in Frankfurt/Oder die modernste Solarfabrik der Welt bauen, die alle Produktionsschritte zur Herstellung von zur Fertigung von Wafern, Zellen und Modulen für Solarstrom integrieren soll. Dieses komplexe und teure Projekt, für das andere Konzerne Jahre brauchen, sollte in nur 12 Monaten realisiert werden.
Die Brötchen müssen kleiner werden, von wegen...
250 Mio. Euro macht Conergy für das so aussichtsreiche Projekt Frankfurt/Oder. Und nun? Conergy musste eingestehen, dass es die Wafer - ein wichtiges und teures Vorprodukt - statt selber herzustellen extern beziehen muss. Aber erst heute ist einem Pressebericht zu vernehmen gewesen, das Conergy an dem „teuren“ Projekt trotz der Schwierigkeiten festhalte.
„Ab Anfang 2008 werden wir in Frankfurt voll produzieren“, erklärte Unternehmenssprecher Thorsten Vespermann heute gegenüber der „Märkischen Oderzeitung“. Voraussichtlich soll im März 2008 die Fabrik feierlich eröffnet werden. Bereits jetzt seien 380 Mitarbeiter eingestellt. Diese Zahl soll bis Ende des Jahres auf bis zu 500 anwachsen. Auch der Bau weiterer Solarfabriken in Frankfurt sei „in absehbarer Zeit“ realistisch. Was bewegt ein Unternehmen zu einer derart ausgewachsenen Form von „Größenwahnsinn“?
Der Mut zum Größenwahnsinn tut nicht gut
Schon auf der Hauptversammlung zeigten sich Aktionäre besorgt. Doch auch hier wussten Vorstandschef und Vorstandssprecher die Situation zu entschärfen. Man beruhigte die aufgebrachte Schar mit der Aussage, die Gewinnprognose für das laufende Geschäftsjahr von 60 Mio. Euro erfüllen zu können. Dies wiederholte er sogar noch eine Woche, bevor das Unternehmen schließlich nicht nur einräumen musste, den angepeilten Jahresgewinn zu verfehlen, sondern dass sogar Verluste drohten.
Böse Zungen behaupten, die Preisverleihung in der Alten Oper in Frankfurt/Main für den „Entrepreneur des Jahres 2007“ habe hinter dieser „Schönmalerei“ gesteckt. Am 19. Oktober nämlich erhielt eben jener vor zwei Wochen „gegangene“ Vorstandschef Rüter diesen Preis verliehen. Als Begründung für die Preisvergabe hieß es: Conergy gehöre mit über 2200 Mitarbeitern zur „Weltspitze“. Wer diesen Preis verliehen hat? Ernst&Young, ausgerechnet einer der größten Gesellschaften für Wirtschaftsprüfung weltweit. Trivial oder?
Ammer nennt die Probleme beim Namen, kennt aber keine Lösung
Die Schönmalerei eines Vorstands, der um keinen Preis seinen Entrepreneur-Preis gefährden wollte, ist den Conergy-Aktionären teuer zu stehen gekommen. Auch wenn der „Übergangsvorstand“ Dieter Ammer den Nagel der Probleme bereits auf den Kopf getroffen hat, zeigt meiner Ansicht nach gerade die aktuelle Meldung, dass man bei dem Frankfurter Wahnsinns-Solarwerk auf altem Kurs bleibt und die integrierte Wafer-Produktion für richtig hält, dass er nicht weiß, wie er gegensteuern soll.
Mein Fazit: Auch wenn die Conergy-Aktie auf aktuellem Kursniveau wieder günstig erscheint, sollte angesichts der dramatischen operativen Entwicklung hier mit Vorsicht zu Werke gegangen werden. Wie schnell hat man in ein noch weiter fallendes Messer gegriffen. Der drastische Rückschlag ist noch zu frisch, als dass man hier schon einen künftigen Trend ausmachen könnte. Ein echtes Investment ist die Aktie in meinen Augen nicht mehr. Die Aktie ist nur was für Zocker, die spekulativ auf eine kurzfristige Zwischenerholung setzen.
Ihnen einen angenehmen Börsentag, trotz Schneegestöber und Novembertristesse.
Ihre
Cindy Bach
