Insider im Fokus: Balda
Cindy Bach in Insider Daily zum Thema Aktien & Aktienhandel
vom 05. Dezember 2007 14:30 Uhr
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Liebe Leserinnen, liebe Leser,
wie ich Ihnen bereits in der gestrigen Ausgabe berichtete, wurde bei SDAX-Konzern Balda vergangene Woche ein größerer Insiderverkauf getätigt. Wie eine Directors Dealings Mitteilung am Montag vermeldete, veräußerte Aufsichtsratsmitglied Mark C. J. Twaalfhoven 40.000 Aktien von Balda im Gegenwert von 360.404 Euro über Xetra. Dieser hatte das Aktienpaket im August zu rund 318.000 Euro erworben.
Das lässt zwar darauf schließen, dass es sich hier lediglich um eine Gewinnmitnahme handelt. Dennoch ist die aktuelle Story um Balda meiner Meinung nach einfach zu spannend, als dass ich Sie Ihnen vorenthalten könnte.
Es war einmal... und ist nicht mehr
Die Unternehmensgeschichte der Balda AG begann vor ziemlich genau 100 Jahren mit der Herstellung hochwertiger Kameras in Dresden. Heute ist der Balda-Konzern ein Global Player mit Tochterunternehmen und Produktionsstätten rund um den Globus.
Balda entwickelt, produziert und vertreibt komplette Baugruppen aus Kunststoff, Metall und Elektronikkomponenten sowie Touch-Sensoren und sämtliche Plastikteile für Handyschalen. Der Konzern ist in den wichtigen Wachstumsmärkten Asiens wie China und Indien mit vier eigenen Produktionsstandorten stark positioniert. Fünf weitere Fertigungswerke stehen in Malaysia, Brasilien, Deutschland und Ungarn.
Wegweisende Beteiligung
Einen Meilenstein legte das Unternehmen 2006 mit der Beteiligung am Touchscreen-Unternehmen TPK-Holding mit Standort im chinesischen Xiamen. Die Technologie des Herstellers berührungsempfindlicher Touchscreen-Bildschirme gilt unter Branchenkennern als wegweisend. Mitte Januar 2007 kam der Ritterschlag: Balda erhielt den Auftrag die Touchscreens für Apples neues Blockbuster-Produkt, das IPhone, zu produzieren.
Zufall oder nicht, dass ungefähr zur selben Zeit der umstrittene US-Investor Guy Wyser-Pratte seinen Einstieg bei Balda verkündete. Der Milliardär ist dafür bekannt, ein glückliches Handchen für lukrative Investments zu haben. Und wie üblich, blieb es auch nicht lange still um den „Aufmischer“ Wyser-Pratte. Gemeinsam mit Hedge-Fonds Audley Capital, mit welcher er insgesamt 15 Prozent an Balda hält, forderte er offiziell die Abspaltung der Tochter TPK und deren Gang an die Börse.
Nach Ansicht der beiden Großaktionäre würde eine Abspaltung von TPK als eigenständiger High-Tech-Konzern an der Börse bis zu 650 Mio. Euro bringen. Der Mischkonzern Balda erreiche dagegen mit TPK gerade mal eine Marktkapitalisierung von insgesamt 426 Mio. Euro. Und die beiden „Helden“ erhielten sogleich auch das Salz in die Suppe ihrer Pläne, als Balda nach Ablauf des ersten Halbjahres einen Gewinneinbruch verkündete und die Prognose für das Gesamtjahr kappen musste.
Gewinneinbruch: „Super“-Apple-Auftrag entpuppte sich zunächst als Flop
Gut: Die von Balda Anfang des Jahres für 2007 gesetzten Zielmarken waren mehr als ordentlich: 600 bis 650 Mio. Euro Umsatz (2006: 371 Mio. Euro) und 50 bis 55 Mio. Euro Gewinn vor Steuern (2006: noch 49,5 Mio. Euro Verlust). Aber dann gleich ein solcher Faustschlag:
Schuld sei nicht nur die BenQ-Pleite, sondern auch das schlecht verlaufene Geschäft der europäischen Tochter Infocom. Zudem seien zu einem Auftrag Änderungen vorgenommen worden, die eine Verschiebung von Umsätzen in 2008 nach sich ziehen, erklärte Vorstandschef Joachim Gut.
In Branchenkreisen war man sich natürlich sogleich sicher, dass es sich hier um den legendären Apple-Auftrag handelt. Das wurde mit satten Kursabschlägen bei der Balda-Aktie quittiert. Von 11 Euro ging es mal runter bis auf knapp 6 Euro. Doch man sah schnell ein, dass man die Aktie, mit der Kursskalpierung um fast die Hälfte, übertrieben abgestraft hat.
Zwar hatte Apple unmittelbar vor Produktsstart die Spezifikationen für die Oberfläche des iPhones nochmals geändert und Balda damit einige Sorgenfalten beschert. Doch mittlerweile ist das iPhone auf dem Markt. Balda hat alles hin bekommen. Und auch der Aktienkurs hat seit Anfang November wieder deutlich mehr Wind im Rücken. Aktuelle notiert die Balda-Aktie bei knapp unter der Marke von 10 Euro.
Alles wieder gut nach den Q3-Zahlen
Und Ende Oktober dann endgültig der Befreiungsschlag. Nach einem besser als erwartet ausgefallenen dritten Geschäftsquartal konnte Balda für das Gesamtjahr bei den fortgeführten Bereichen insgesamt einen weiter steigenden Umsatz und ein positives Vorsteuerergebnis prognostizieren.
Bei Balda Medical entwickelte sich der Umsatz weiterhin deutlich besser als geplant. Zusammen mit dem Infocom-Geschäft und der Touch-Technologie, dem perspektivisch wichtigsten Wachstumsträger, stieg der Umsatz der fortgeführten Aktivitäten in den ersten neun Monaten des Jahres 2007 um 61,3 Prozent auf insgesamt 172,3 Mio. Euro. Im entsprechenden Vorjahreszeitraum lag er noch bei 106,8 Millionen Euro. Allein im dritten Quartal 2007 stieg der Umsatz um 124,2 Prozent auf 78,3 Mio. Euro (2006: 34,9 Mio. Euro).
Die ersten neun Monate des Jahres 2007 schloss Balda damit wie ursprünglich geplant mit einem positiven Betriebsergebnis der fortgeführten Aktivitäten ab. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) stieg auf 9,8 Mio. Euro nach Verlusten von 7,0 Mio. Euro im ver-gleichbaren Vorjahreszeitraum. In Q3 betrug das Ebit 2,1 Mio. Euro (2006: -14,0 Mio. Euro).
Bei Tochter TPK ist im dritten Quartal die Massenfertigung eines weiteren Projektes für einen wichtigen Abnehmer erfolgreich angelaufen. Hier montiert der Kunde das LCD-Display, Balda liefert den Sensor. Der Umsatz ist deshalb bei gleicher Stückzahl niedriger als bei Produkten, bei denen Balda das gesamte Bauteil aus Sensor und Display liefert.
Die Entwicklung der fortgeführten Aktivitäten ist weiterhin sehr vielversprechend. Der bereits bekannt gegebene neue Großauftrag eines renommierten Mobilfunkherstellers sowie weitere sich abzeichnende Neuprojekte bestätigen das erwartete und tendenziell weiter zunehmende
Marktwachstum im Bereich berührungsempfindlicher Bildschirme.
Attraktiv: Im Visier asiatischer Unternehmen
Und dass man mit so einem attraktiven Geschäftszweig, einem entsprechenden Prestigekunden wie Apple und einem Großaktionär wie Wyser-Pratte, der lauthals gegenüber „Financial Times Deutschland“ verkündet, dass er die Balda-Aktie für gänzlich unterbewertet erachtet, ins Visier für Übernahmen gerät, ist mehr als verständlich. Und so dauerte es natürlich nicht lange, bis entsprechende News in den Finanzmedien die Runde machten. So gab das Handelsblatts bekannt, dass Balda derzeit gleich von mehreren asiatischen Unternehmen umworben wird.
Vier Elektronik-Konzerne haben demnach ein Auge auf Balda geworfen. Angeblich hätte man sogar den Balda-Vorstand bereits auf eine strategische Partnerschaft bzw. wegen einer vollständigen Übernahme angesprochen. Zu den Interessenten sollen laut Handelsblatt die taiwanischen Hersteller Asustek, Quanta und Foxconn, sowie das singapurische Unternehmen Flextronics gehören.
Was die Medien angeblich wissen, streitet die Balda-Führung ab. „Wir befinden uns nicht in Gesprächen mit möglichen asiatischen Interessenten über einen Einstieg bei Balda“, erklärt Joachim Gut, Vorstandsvorsitzender der Balda AG, gegenüber der dpa mit Nachdruck. Dabei wäre meines Erachtens eine strategische Zusammenarbeit mit einem asiatischen Unternehmen durchaus sinnvoll. Denn künftig will sich Balda noch stärker auf die Wachstumsregionen Asiens und das Geschäftsfeld Touchscreen konzentrieren.
Deshalb plant das Unternehmen, wie die Konzernführung im Oktober bekannt gab, in naher Zukunft die anderen Konzeraktivitäten nach und nach zu veräußern. Balda Solutions Europa folgt in 2007 zwar einem durchaus positiven Trend, zielt aber zunehmend auf Märkte, die nicht zum Balda-Kerngeschäft gehören.
Kapitalerhöhung sorgt für „fresh money“
Aber das Balda-Management will seine Unternehmenskasse nun erst einmal durch eine Kapitalerhöhung mit „fresh money“ befüllen. Damit will man bestehende Verbindlichkeiten ablösen und sich Luft für die Finanzierung der Expansion verschaffen, erklärte ein Unternehmenssprecher.
Und so gab man am vergangenen Donnerstag offiziell bekannt, das Grundkapital um bis zu 6,77 Mio. Aktien auf 54,16 Mio. Stück erhöhen zu wollen. Über ein Bankenkonsortium werde man die neuen Anteilsscheine den Altaktionären im Bezugsverhältnis 7:1 vom 3. bis 17. Dezember zum Bezug anbieten. Etwa nicht bezogene neue Aktien würde man bei deutschen und internationalen institutionellen Investoren zu platzieren versuchen.
Potenzial-Cocktail aus Wachstum und Übernahmefantasie
Nur einen Tag später, traten die Herren Großaktionäre auf den Plan und verkündeten feierlich, man nehme was man kriegen kann und wenn es sein muss, die ihnen angebotenen und auch alle restlichen neuen Aktien und dafür wäre man gerne bereit 10 Euro je Stück auf den Tisch zu legen. Das nenne ich mal eine „Aktionärs-Familie“. Da wird noch so richtig zusammengehalten, oder?
Oder... Steckt hier vielleicht eher eine strategische Absicht dahinter. Will man sich mit den zugekauften Anteilen unter den Großaktionären einfach nur mehr Einflussnahme sichern, um die Übernahme durch die Asiaten doch noch durchdrücken zu können. Einem Herrn Guy Wyser-Pratte wäre das durchaus zuzutrauen. Eindrucksvoll bewiesen durch seine Hartnäckigkeit in seiner Zerschlagungstaktik bei TUI. Auch hier will der US-Milliardär so gar nicht aufgeben und lässt wahrscheinlich nicht eher locker, bis der Kopf von Konzernboss Michael Frenzel rollt. Natürlich sinnbildlich für „Rausschmiss“ gemeint...
Fakt ist: Bei Balda ist neben dem für die kommenden Jahre so gut wie vorprogrammierten organischen Wachstum, mittelfristig auch mit anhaltender Übernahmefantasie zu rechnen. Beides in Kombination könnte den Aktienkurs langfristig durchaus auf „neue Höhen“ tragen. Und Herr Wyser-Pratte & Co. werden hier sicher noch für einige Schlagzeilen sorgen. Der Verkauf des Aktienpaketes von Aufsichtsrat Twaalfhoven scheint also in der Tat eine
In diesem Sinne, Ihnen einen weniger „hinterlistigen“ Börsentag.
Ihre
Cindy Bach